Konzepte für den Ernstfall

Das „Schaufenster Sicherheitsforschung“ zeigt technische Neuerungen und simuliert Szenarien

11.03.2015

Großveranstaltungen wie Public-Viewing sind eine besondere Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Forscher der Freien Universität feilen an Konzepten, um im eventuellen Ernstfall besser und schneller reagieren zu können.
Großveranstaltungen wie Public-Viewing sind eine besondere Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Forscher der Freien Universität feilen an Konzepten, um im eventuellen Ernstfall besser und schneller reagieren zu können. Bildquelle: iStockphoto-southerlycourse

Ein Sturm zieht heran, es donnert, ein Blitz schlägt ein – und aus dem örtlichen Chemiewerk steigt plötzlich Rauch auf. Möglichkeiten, wie in dieser und anderen Krisensituationen reagiert werden kann, sammeln Wissenschaftler des Forschungsforums Öffentliche Sicherheit der Freien Universität.Rund 20 Mitarbeiter bereiten hier Ergebnisse aus der Sicherheitsforschung für Politik und Öffentlichkeit auf.

Keine leichte Aufgabe, denn die Zahl möglicher Gefahren, die eine Reaktion erfordern, ist groß. Zudem wirken sich Sicherheitsstrategien auf sehr unterschiedliche Bereiche des Lebens aus. „Sicherheit hat viele Komponenten“, sagt Lars Gerhold, Leiter des Forschungsforums. „Entscheidend ist nicht allein, was technisch machbar ist. Wir müssen auch darüber diskutieren, welche rechtlichen Fragen eine Rolle spielen und wie wir als Gesellschaft leben wollen. Darum arbeiten wir hier interdisziplinär.“

Ihre Ergebnisse präsentierten Gerhold und sein Team in Kooperation mit dem Innovationszentrum Öffentliche Sicherheit am Fraunhofer Fokus vom 26. Februar an im interaktiven Demonstrationsraum „Schaufenster Sicherheitsforschung“ an der Kaiserin- Augusta-Allee 31 in Berlin-Charlottenburg.

Das Besondere: Hier werden Szenarien nicht als wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, sondern in Form von Simulationen in einem eigens dafür präparierten Raum erlebbar gemacht. „Die Besucher erleben im Schaufenster sozusagen live, welche möglichen Reaktionen uns im Ernstfall zur Verfügung stehen“, sagt Lars Gerhold.

Komplexe Zusammenhänge sichtbar machen

So wollen die Wissenschaftler in den kommenden Jahren Simulationen zu verschiedenen Szenarien entwickeln – etwa zum Ausbruch einer Pandemie oder zu plötzlicher Nahrungsmittelknappheit – und so ihre Forschung anschaulich machen. Der Einsatz verschiedener technischer Mittel und Kommunikationsstrategien in einer bestimmten Gefahrensituation wird im „Schaufenster“ auf mehreren Bildschirmen gezeigt.

Dafür entwickeln Gerhold und seine Kollegen eigene Drehbücher, etwa für den fiktiven Fall eines Brandes in einem Chemiewerk. „Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass den verantwortlichen Personen zu Hause eine Warnmeldung auf ihr Handy gesendet wird. Die Feuerwehr wird alarmiert und bekommt das Kamerabild vom Einsatzort direkt übertragen. Sensoren erkennen, wo Rauch entsteht und wohin er sich bewegt, sodass der sicherste Fluchtweg ermittelt werden kann. Falls der öffentliche Raum betroffen ist, zum Beispiel eine U-Bahnstation, dann kann auf Monitoren und Werbetafeln angezeigt werden, wie sich die Menschen verhalten sollen“, erklärt Gerhold. Im „Schaufenster Sicherheitsforschung“ werden solche Abläufe zeitversetzt auf mehreren Monitoren dargestellt, wobei auch mögliche Reaktionen von Betroffenen gezeigt werden.

„Mithilfe dieser interaktiven Demonstrationen kann man komplexe Zusammenhänge sichtbar machen“, sagt der promovierte Sozialwissenschaftler. Eine Simulation zum Thema Überwachung soll im Rahmen eines Workshops zunächst Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Behörden präsentiert werden. Auf längere Sicht soll das „Schaufenster Sicherheitsforschung“ aber auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sein.

Die Möglichkeiten zeigen

„Häufig geraten Forschungsergebnisse nach Abschluss eines Projektes in Vergessenheit“, sagt Lars Gerhold.„ Unsere Ergebnisse sollen im ,Schaufenster‘ dauerhaft installiert werden, sodass eine Art Archiv entsteht.“ Die technischen Innovationen, die im „Schaufenster Sicherheitsforschung“ zu sehen sind, werden in Deutschland bislang meist noch nicht eingesetzt. „Zukunftsorientierte Sicherheitsforschung bedeutet, in Möglichkeiten zu denken. Was dann tatsächlich umgesetzt werden soll, muss diskutiert werden“, erklärt Lars Gerhold.

Erst einmal gehe es dem Forschungsforum darum, Handlungsweisen aufzuzeigen und kritisch zu reflektieren. „Spezielle Kameras können zum Beispiel erkennen, wenn ein Mensch längere Zeit bewegungslos am Boden liegt, und schlagen dann Alarm. Man kann sie aber auch zur Personenerkennung einsetzen.“ Dabei müsse man stets überlegen, welche Folgen neue Technik hat und Kosten und Nutzen auch auf gesellschaftlicher Ebene gegeneinander abwägen, sagt Lars Gerhold. „Ein gutes Beispiel sind Instrumente wie der Körperscanner an Flughäfen. Wenn diese in der Gesellschaft nicht akzeptiert werden, dann muss man über ihre Legitimität diskutieren.“ Nicht alles, was technisch machbar ist, sei auch wünschenswert, sagt der Wissenschaftler. „Unser Anliegen ist es, viele Informationen zusammenzutragen und damit eine öffentliche Diskussion über Möglichkeiten und Risiken anzustoßen.“

Weitere Informationen

Lars Gerhold, Leiter des Forschungsforums, E-Mail: lars.gerhold(at)fu-berlin.de