Detektivarbeit im Auftrag der Kunst

Wissenschaftler der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ enträtseln das Schicksal zu NS-Zeiten beschlagnahmter Kunstwerke

30.10.2013

Verfemt. Die „Große Kniende“ von Lehmbruck war Teil der Ausstellung „Entartete Kunst“.
Verfemt. Die „Große Kniende“ von Lehmbruck war Teil der Ausstellung „Entartete Kunst“. Bildquelle: Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv
Joseph Goebbels (heller Mantel) besuchte 1938 die Ausstellung „Entartete Kunst“.
Joseph Goebbels (heller Mantel) besuchte 1938 die Ausstellung „Entartete Kunst“. Bildquelle: Bilderdienst Süddeutscher Verlag

Mit einem Mythos will Wolfgang Wittrock aufräumen: Der Erlös aus dem Verkauf sogenannter „entarteter“ Kunst hat nicht dazu beigetragen, die Kriegskasse des nationalsozialistischen Regimes merkbar zu füllen: „Lediglich zwei Panzer hätte man davon kaufen können“, stellt der Initiator der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Freien Universität Berlin klar. In den Jahren 1937 und 1938 beschlagnahmten die Nationalsozialisten etwa 21000 Plastiken, Gemälde und Grafiken der Moderne aus Museen und öffentlichen Sammlungen: Diese wurden zum Teil zur Devisenbeschaffung Ins Ausland verkauft.

Unter den Werken moderner Kunst, die als „entartet“ bezeichnet wurden, waren auch Stücke renommierter Künstler wie Otto Dix, Max Beckmann und Franz Marc. Was der Begriff genau meint, ist nicht immer eindeutig: „Alle Werke, die eine nichtnaturalistische Formgebung hatten, galten als entartet“, erklärt Meike Hoffmann, Projektkoordinatorin der Forschungsstelle und promovierte Kunsthistorikerin. „Gleiches galt für eine in den Augen der Nationalsozialisten widernatürliche Farbgebung oder für Werke mit sozialkritischen Themen.“

Seit 2003 geht die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin den Spuren der Werke nach – 2007 übernahm Professor Klaus Krüger die Projektleitung. Pünktlich zum zehnjährigen Bestehen der Forschungsstelle sind nun Informationen über die Schicksalswege von mehr als 10 000 Werken online einzusehen. „Von etwa 4000 Werken kennen wir den genauen Verbleib“, sagt Meike Hoffmann.

Die verfemten Kunstwerke wurden nach ihrer Beschlagnahmung in Depots gebracht, etwa zum Kreuzberger Viktoria- Speicher in der Köpenicker Straße. Ein Teil der von den Nationalsozialisten als verwertbar eingestuften Werkewurde auf dem internationalen Kunstmarkt zum Verkauf angeboten. Anders als bei Raubkunst können die betroffenen Museen die 1937 beschlagnahmten Werke heute nicht zurückfordern. „Weil es sich in diesen Fällen nicht um rassistische oder politische Verfolgung von Personen handelt sondern um einen Entzug aus öffentlichem Besitz, bestehen keine Restitutionsansprüche“, sagt Hoffmann.

Während das Schicksal von Gemälden Berühmter Künstler weitestgehend rekonstruiert werden konnte, gestaltete sich die Spurensuche bei Papier arbeiten und Werken weniger bekannter Künstler mitunter schwierig. „Oftmals ist eine wichtige Information vom Zufall abhängig“, berichtet Andreas Hüneke, der seit fast vier Jahrzehnten über die NS-Kunstpolitik forscht. Historische oder aktuelle Fotografien geben oft wichtige Anhaltspunkte. „Die Forschungsstelle genießt weltweit Ansehen, sodass wir auch Hinweise aus dem Auslandbekommen“, freut sich Wolfgang Wittrock, der Kontakte in die internationale Kunstszene hält.

Die Recherche der Kunstdetektive fußt auf dem von den Nationalsozialisten 1937/1938 angelegten Beschlagnahme- Inventar, in dem alle Werke verzeichnet sind, die aus deutschen Museen und öffentlichen Sammlungen konfisziert wurden. Eingetragen sind etwa Künstlernachname, Herkunftsmuseum und sogenannte „EK-Nummern“, die auch auf den Rückseiten der Werke verzeichnet wurden. Nicht immer wurde gründlich gearbeitet: „Die Kennungen im Beschlagnahme-Inventar sind oft lücken oder gar fehlerhaft“, sagt Hoffmann. Es wird daher wohl nicht gelingen, das Schicksal aller Werke aufzuklären.

Auch die Studierenden des Kunsthistorischen Instituts der Freien Universität Berlin leisten einen wesentlichen Beitrag zur kunsthistorischen Detektivarbeit. Derzeit sind 13 Abschlussarbeiten im Themenfeld der nationalsozialistischen Kunst- und Kulturpolitik an der Freien Universität in Arbeit, darunter zehn Dissertationen.

Weitere Informationen

Dr. Meike Hoffmann, Freie Universität Berlin, Kunsthistorisches Institut, Forschungsstelle "Entartete Kunst", Tel.: 030 / 838-54523, E-Mail: meikeh@zedat.fu-berlin.de