Entzauberung des Weltraums

Wissenschaftler der Freien Universität erforschen, warum Utopien vom Leben im All durch Mond- und Marsexpeditionen an Glanz verloren

29.02.2012

Arbeiten an der Internationalen Raumstation ISS: Der Astronaut Clay Anderson (im Bild) und Fyodor N. Yurchikhin installierten 2007 während ihres mehr als siebenstündigen Aufenthalts im All eine Kamera.
Arbeiten an der Internationalen Raumstation ISS: Der Astronaut Clay Anderson (im Bild) und Fyodor N. Yurchikhin installierten 2007 während ihres mehr als siebenstündigen Aufenthalts im All eine Kamera. Bildquelle: NASA/courtesy of www.nasaimages. org

Die Popularisierung des Weltraumdenkens, der sogenannte „Raketenrummel“, erreichte in den  1920er und 1930er Jahre einen ersten Höhepunkt. Während Schriftsteller und Filmemacher ihre Utopien von der Reise zum Mond und zu fernen Planeten einer breiten Öffentlichkeit präsentierten, tüftelten Wissenschaftler und Ingenieure daran, solche Raketen tatsächlich zu entwickeln. Die Grenze zwischen literarischer und filmischer Fantasterei und dem, was zukünftig wirklich möglich sein könnte, war fließend.

Älter noch als die Vision von der Reise zum Mond war die Idee einer erdnahen Raumstation, von der aus man zur Erkundung und Kolonisierung in die Weiten des Weltraums aufbricht. „Man hat früh erkannt, dass das eigentliche Problem nicht die Befahrung des Weltalls ist, sondern die Überwindung der irdischen Schwerkraft“, sagt der Historiker Alexander C. T. Geppert, der an der Freien Universität Berlin die Geschichte europäischer Weltraumvorstellungen und des außerirdischen Lebens im 20. Jahrhundert erforscht.

Damals glaubte man, dass eine Weltraumstation im erdnahen Orbit als Umsteigebahnhof nötig wäre, um mit geringerem Aufwand in der Schwerelosigkeit Weltraumschiffe zusammenzusetzen und damit zum Mond, zum Mars oder noch weiter ins All zu reisen. Für Geppert, der seit 2010 eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe leitet, ist es eine Ironie der Geschichte, dass mit der Internationalen Raumstation ISS Ende des 20. Jahrhunderts eine ganz alte Utopie Wirklichkeit wurde, „die uns aber nicht mehr so richtig fesselt“.

Warum übt die Internationale Raumstation – das teuerste zivile Projekt der Weltraumgeschichte –, die heute in rund 380 Kilometer Höhe um die Erde kreist, nur eine begrenzte Faszination aus? Die Forschergruppe am Friedrich-Meinecke-Institut geht der Frage nach, wie sich Träume und Hoffnungen auf eine Zukunft fernab der Erde veränderten – realhistorisch wie fiktional. Besondere Bedeutung messen sie der Zeitspanne zwischen 1957 und 1972 bei: Jenen 15 Jahren, in denen sich die Sowjetunion und die USA einen Wettlauf zum Mond lieferten. Ein Zeitraum, in dem rund 60 sowjetische und amerikanische Sonden den Mond knapp verfehlten, umkreisten, mal sanft und mal hart landend trafen.

Und in dem nach Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin aus der Apollo-11-Crew neun weitere Menschen den Mond betraten.In vielen Filmen, angefangen bei Fritz Langs letztem Stummfilm „Frau im Mond“ aus dem Jahr 1929, wurde die Reise zum rund 360.000 Kilometer entfernten Erdtrabanten detailliert dargestellt. „Bevor eine solche Reise 1969 tatsächlich stattfand, hatte man ihre Bilder so ähnlich bereits mehrfach gesehen“, sagt Daniel Brandau, Mitarbeiter der Forschergruppe. Der nächste Schritt, der Bau einer Mondkolonie, der fiktional ebenfalls vorweggenommen wurde, erfüllte sich jedoch nicht.

Der Drang ins All war nach den Apollo-Missionen zwar gebremst, aber nicht gestoppt: Von sowjetischem und amerikanischem Boden aus sind in den 1970er Jahren zahlreiche Sonden zum Nachbarplaneten Mars befördert worden. „Die Enttäuschung, als man auf der Marsoberfläche nicht einmal den kleinsten Beweis für Leben finden konnte, war groß“, sagt William R. Macauley, der in Gepperts Nachwuchsgruppe zur Ästhetik der europäischen Weltraumerkundung forscht. Die mit großen Erwartungen verbundenen Weltraumexpeditionen ließen den Traum vom Leben im All plötzlich unrealistisch erscheinen.

„Die Öffentlichkeit wurde skeptischer und fragte nicht mehr danach, wie wir den Weltraum bereisen, sondern warum wir das überhaupt tun sollten“, sagt Macauley. Vor dem Hintergrund der Ölkrise und der vermehrten Nutzung der Atomenergie wuchs auf beiden Seiten des Atlantiks ein kritisches globales Bewusstsein. „Der eigene Planet und der behutsame Umgang mit seinen Ressourcen geriet immer mehr in den Fokus, das Leben im All büßte von seinem Zauber ein“, sagt Geppert. Ein Zauber, der nur hält, solange man nicht da gewesen ist.

Weitere Informationen

Dr. Alexander C.T. Geppert, Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Tel.: 838 56899, E-Mail: alexander.geppert@fu-berlin.de