Warum werden Menschen zu Terroristen?

Ein Doktorand der Freien Universität hat untersucht, was einen deutschen Konvertiten zum Dschihadisten machte

23.11.2011

Stacheldraht
Den typischen Attentäter gibt es nicht. Unter ihnen sind Hochschulabsolventen ebenso wie Schulabbrecher, Verheiratete wie Unverheiratete. Bildquelle: Photocase.com/Don Espresso

Wer die Bilder gesehen hat, wird sie niemals vergessen können: Am 11. September 2001 rasen zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers in New York. 2800 Menschen sterben allein bei diesem Attentat, weitere knapp 250 beim Flugzeugangriff auf das Pentagon und beim Absturz eines vierten Flugzeugs, mit dem der Sitz des amerikanischen Präsidenten zerstört werden sollte. Die Attentatsserie, zu der sich die islamistische Terror-Organisation al-Qaida bekannte, hat die Welt verändert und immer wieder eine Frage aufgeworfen: Warum werden Menschen zu Terroristen?

Der Sozialforscher Martin Schäuble hat in seiner Doktorarbeit an der Freien Universität Berlin den Weg eines jungen Deutschen nachgezeichnet, der vom Gymnasiasten zum Gotteskrieger wurde und heute als Mitglied der sogenannten Sauerland-Gruppe wegen geplanter Autobomben-Anschläge auf US-Soldaten im Gefängnis sitzt.

Daniel stand Ende 2003 vor einem Scherbenhaufen: Seine Aussteigerpläne nach Brasilien waren gescheitert. Sein bester Freund hatte ihn im Stich gelassen. Drogen- und Gewaltexzesse hatte er hinter sich, die Schule – ein Gymnasium im Saarland – trotz passabler Noten abgebrochen. Mit der Familie kam er nicht mehr zurecht. Ein jahrelanger Scheidungskrieg der Eltern belastete das Klima. Sein einstiger Wunsch, Anwalt zu werden, war in weite Ferne gerückt. Stattdessen jobbte er in Saarbrücken und besuchte seine Basketballfreunde aus besseren Tagen.

Einer von ihnen hieß Hussein. Er erkannte, dass Daniels Leben einem Scherbenhaufen glich, bemerkte seine Perspektivlosigkeit, seine Frustration, seine Zukunftsangst. Der gebürtige Libanese zeigte Daniel eine vermeintliche Alternative, einen Ausweg. Er erzählte ihm vom Islam, von Glaubensbrüdern, auf die man sich verlassen könne. Er lud ihn ein in die Moschee. Und er sagte Daniel, mit einem Übertritt zum Islam könne er sein altes, verbrauchtes und verwirktes Leben hinter sich lassen und ein neues beginnen. Daniel ergriff Husseins helfende Hand. Er konnte nicht ahnen, dass sie ihn zu einem der bekanntesten deutschen Dschihadisten machen sollte.

Hussein war selbst Dschihadist – ein militanter Islamist – und er führte Daniel in den kommenden Monaten immer tiefer in seine Gedankenwelt ein. Und in dieser Welt gab es nur schwarz oder weiß, Gläubige oder Ungläubige. Zu den Ungläubigen gehörten in seiner radikalen Auslegung der islamischen Schriften auch die Angehörigen anderer Glaubensrichtungen. Daniel zählte sich bald zu den Gläubigen. Er konvertierte zum Islam und schloss sich dem kleinen Kreis von Extremisten um Hussein an.

Diese eingeschworene Gruppe war für Daniel zugleich Familienersatz. Der kleine Männerzirkel um Hussein war gekennzeichnet durch absolutes Vertrauen. Daniel gehorchte Hussein, er war empfänglich für Autoritäten, suchte seit Jugendtagen nach einem Vaterersatz, denn sein leiblicher Vater war entweder auf der Arbeit oder im heimischen Büro gewesen. Sein Verhältnis zu den Eltern war kompliziert. Nachdem der Vater die Kinder und seine Frau verlassen hatte, lebte Daniel zunächst bei der Mutter. Doch bei ihr fand er nicht die Antworten, die er als Heranwachsender suchte. Er zog – ohne die Mutter vorab darüber zu informieren – zum Vater. Über Jahre verweigerte Daniel den Kontakt zur Mutter, obwohl sie im gleichen saarländischen Städtchen lebte. Doch auch beim Vater fand er nicht die sichere und vertrauensvolle Bindung, die er gesucht hatte. Umso mehr faszinierte ihn wohl der Zusammenhalt, die Wärme, die Zuneigung, die er in Husseins Gruppe spürte.

Die islamistische Gruppe vermittelte Daniel, der bisher ohne inneren Kompass von einer Enttäuschung in die nächste irrte, klare Strukturen. Daniel erhielt ein Wertesystem – wenn es auch eines war, das auf Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass beruhte. Doch für einen kritischen Blick war es zu spät, zu innig war er mit der neuen Gruppe verbunden. Zu sehr schenkte er Husseins Thesen Glauben. Und die politischen Ereignisse in dieser Zeit machten es dem Libanesen leicht, zu argumentieren. Die westlichen Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak sorgten für Unmut – nicht nur bei Islamisten.

Hussein vereinfachte und polarisierte: Der Westen kämpfe gegen muslimische Länder, und wir schlagen zurück, erklärte er Daniel. Osama bin Laden führte diesen Kampf damals an, doch er wird heute auch ohne ihn fortgesetzt. Daniel wollte sich für seine neue Gemeinschaft und den neuen Glauben einsetzen. Ohne einen Muslim in der saarländischen Moschee tatsächlich zu fragen, fühlte er sich für alle verantwortlich und wollte für sie Rache üben. Er überidentifizierte sich mit ihnen. Seinen Kampf gegen den Westen – allen voran die USA – wollte er in Deutschland führen. Er plante mit Komplizen Anschläge vor US-amerikanischen Einrichtungen. Den Bombenbau lernte er in Wasiristan, in der pakistanischen Bergregion an der Grenze zu Afghanistan. Viele, die in bin Ladens Fußstapfen treten wollen, lassen sich auch heute noch dort ausbilden. Doch die Region ist unter Beobachtung und ständigem Beschuss von US-Militär. Dies wird die Dschihad-Ausbilder wohl früher oder später zwar aus dieser Region vertreiben, nicht aber ihr Wirken verhindern. Mittlerweile bilden sie bereits im Jemen aus.

Und ob der arabische Frühling tatsächlich zu einer Verbesserung der Verhältnisse in den betroffenen Ländern führt oder eher zu einem arabischen Winter, ist noch nicht ausgemacht. Einen Platz für Ausbildungslager finden die Islamisten in jedem Fall. Dschihadisten lassen sich dauerhaft nicht mit militärischen Mitteln bekämpfen. Zu klein und beweglich sind die Personenkreise, in denen Anschlagspläne entworfen werden. Zu leicht ist es, über Internet zu kommunizieren, Propaganda zu vertreiben und zu neuen Attentaten aufzurufen. Es gibt aber auch nicht die eine richtige Vorgehensweise, mit der man dem Dschihad begegnen kann. Aus einem einfachen Grund: Auch den typischen Attentäter gibt es nicht. Unter ihnen sind Hochschulabsolventen ebenso wie Schulabbrecher, Verheiratete wie Unverheiratete. Viele der deutschen und konvertierten Dschihadisten stammen aus Scheidungsfamilien.

Daniels Fall zeigt jedoch, wie viele Bruchstellen sein Leben aufweist, bevor er von Hussein rekrutiert wurde. Hier herrschte ein kollektives Versagen vor. Oder wie ein ehemaliger Lehrer von Daniel selbstkritisch sagte: „Das war ein Abgleiten in den Terrorismus vor aller Augen, aber keiner hat's gesehen.“ Ernsthaft widmete man sich Daniels Problemen erst in einem deutschen Gerichtssaal. Doch da war es zu spät – zumindest für ihn. Nach vereitelten Taten wurde Daniel 2010 zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er sitzt seine Strafe in einem saarländischen Gefängnis ab – und steht vor einem neuen Scherbenhaufen.

Weitere Informationen

Martin Schäuble, E-Mail: martin_schaeuble@yahoo.de