Tierische Persönlichkeiten

Menschen sind verschieden, Tiere auch: Forscher der Freien Universität Berlin untersuchen, welche individuellen Eigenschaften die Persönlichkeit bei Affen ausmachen – und was das über uns Menschen verrät

24.02.2011

Viele Eigenschaften, die für die Beschreibung menschlicher Persönlichkeitsunterschiede normal sind, gelten auch für die nichtmenschlichen Primaten.
Viele Eigenschaften, die für die Beschreibung menschlicher Persönlichkeitsunterschiede normal sind, gelten auch für die nichtmenschlichen Primaten. Bildquelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig

Bebe, Gorgo, und Viringika sind Gorillas. Und Fernsehstars: Wenn die großen Menschenaffen aus dem Leipziger Zoo in der Doku-Serie „Elefant, Tiger & Co.“ vor laufenden Kameras raufen, spielen oder sich um ihren Nachwuchs kümmern, schalten mehr als zwei Millionen Zuschauer ein. Nur die wenigsten wissen, dass die drei auch in der Persönlichkeitsforschung eine große Rolle spielen. Psychologin Jana Uher ist Expertin für vergleichende differentielle und Persönlichkeitspsychologie an der Freien Universität Berlin. Schon seit Langem beschäftigt sich die Verhaltensforscherin mit der Individualität von Menschenaffen.

Spannende Inspiration für ihre Forschungen fand sie bei den Gorillas im Leipziger Zoo: Im Rahmen ihrer Forschung am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig stellte Jana Uher den Gorillas Aufgaben, bei denen die Tiere sich zwischen zwei unterschiedlich großen Futterportionen entscheiden konnten.

Zur Auswahl standen eine oder vier Rosinen. Menschenaffen greifen instinktiv nach der größeren Portion. Bei dem Experiment bekamen sie jedoch immer die andere Portion – und nicht die, für die sie sich entschieden hatten. „Man könnte meinen, dass es einem Gorilla von hundert Kilo egal ist, ob er eine Rosine mehr oder weniger bekommt“, erzählt Jana Uher. Doch für die Tiere war die Aufgabe sehr frustrierend. „Es war unglaublich interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Tiere mit dieser Frustration umgingen“, erinnert sich die Forscherin. Manche schlugen gegen die Scheiben und hatten regelrechte Wutausbrüche. Andere waren ganz still, taten einen tiefen Seufzer und sackten in sich zusammen. Wieder andere überspielten ihren Frust, indem sie sich einzelne Härchen auszupften, und damit herumspielten – ganz so, als ob nichts dabei wäre. Dieses Schlüsselerlebnis brachte Jana Uher dazu, sich genauer mit der Individualität der engsten Verwandten des Menschen auseinanderzusetzen. „Kein Affe reagierte wie der andere. Da wurde mir klar, dass ich in meiner zukünftigen Arbeit die Individualität von Primaten erforschen möchte.“

Bisher beschäftigten sich Wissenschaftler nämlich eher damit, wie sich der „Durchschnittsaffe“ verhält. Dabei sind gerade die Eigenheiten ein spannendes Feld für die Forschung, findet Jana Uher. „Viele vergleichende Studien zeigen, dass die Unterschiede zwischen den Arten oft nur gering sind. Doch die individuellen Unterschiede sind bisweilen sehr groß.“ Fürsorglichkeit, Angst, Impulsivität, Neugier, Beharrlichkeit, Dominanz – viele Eigenschaften, die für die Beschreibung menschlicher Persönlichkeitsunterschiede normal sind, gelten auch für die nächsten Verwandten des Menschen im Tierreich, die nichtmenschlichen Primaten. Ein Novum in der Forschung, wie Jana Uher betont. Denn lange Zeit war es in der Wissenschaft verpönt, Tieren eine Persönlichkeit zuzuschreiben. Dabei handelt es sich keineswegs um bloße Übertragung menschlicher Eigenschaften auf das Tier. Gerade aber bei Primaten würden Menschen dazu neigen, den Tieren bestimmte, aber nicht unbedingt zutreffende Verhaltenseigenschaften zuzuschreiben, sagt die Forscherin. So sei das breite Grinsen bei Schimpansen weniger ein Ausdruck von Freude oder Spaß, sondern von schierer Angst.

Um die individuellen Eigenschaften von Tieren möglichst genau zu unterscheiden und systematisch zu erfassen, entwickelte Uher neue Forschungsansätze. In Leipzig erarbeitete sie 14 verschiedene Verhaltenstests, um die Persönlichkeit der Menschenaffen im Leipziger Zoo möglichst genau zu erfassen. Die Ergebnisse dieser Tests könnten auch manche Ergebnisse der bisherigen Intelligenzforschung bei Primaten in ein neues Licht rücken. Außerdem erhoffen sich die Forscher Antworten bei einer Frage, die fast philosophisch anmutet: Was macht uns als Menschen einzigartig? Denn bisher steht fest: Was die Persönlichkeit angeht, ist der Mensch in Vielem dem Affen ähnlicher, als ihm vielleicht lieb ist.

Weitere Informationen

  • Dr. Jana Uher, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Arbeitsbereich Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Telefon: 030 / 838-556 00,
    E-Mail: jana.uher@fu-berlin.de