Zwischen dem sechsten und dem siebten Sinn

Der Literaturwissenschaftler Burkhard Meyer-Sickendiek forscht zum Gespür in der Lyrik

26.11.2010

Wie Fräulein Smilla im Roman des dänischen Schriftstellers Peter Høeg, die ein bestimmtes Gespür für Schnee hat, haben manche Menschen ein besonders feines Gespür für bestimmte Situationen.
Wie Fräulein Smilla im Roman des dänischen Schriftstellers Peter Høeg, die ein bestimmtes Gespür für Schnee hat, haben manche Menschen ein besonders feines Gespür für bestimmte Situationen. Bildquelle: www.morgueFile.com/mettem

Das Spüren ist eine seltsame Sache und anders als die fünf bekannten Sinne – Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen – nur schwer zu packen. „Gespür ist etwas, mit dem man nicht wahrnehmbare Dinge wahrnehmbar macht“, sagt der Literaturwissenschaftler Burkhard Meyer-Sickendiek, der sich über literarischen Sarkasmus habilitiert hat und zurzeit im Rahmen des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ an der Freien Universität Berlin zum Gespür in der Lyrik forscht.

Mit übernatürlichen Fähigkeiten habe dieser sozusagen sechste Sinn nichts gemein. Es handele sich eher um ein besonderes Sensorium für sogenannte „Halbdinge“, wie es der Kieler Phänomenologe Hermann Schmitz genannt hat. Dinge, deren Wahrnehmung zwischen Gehirn und Bauch, zwischen Ratio und Emotion angesiedelt ist. „Eine Eigenschaft dieser Halbdinge ist, dass sie flüchtig sind“, sagt Meyer-Sickendiek. Wir können Stille, Kälte, die Nacht, Atmosphären nur für Momente spüren. Und nicht jeder spüre dasselbe: „Das ist nur zum Teil objektivierbar.“ Zudem reagiere jeder Mensch anders. Den einen lässt die Stimmung der Nacht kalt, der andere ist durch sie elektrisiert.

Für das Spüren braucht es einen winzigen Auslöser. Einen Windstoß zum Beispiel, der einem entgegenweht. „Aber ein einzelner Indikator reicht noch nicht“, sagt der Heisenberg-Stipendiat, der bereits über die Faszination des Grübelns geschrieben hat. Drei Komponenten greifen beim Spüren ineinander: ein feines Wahrnehmen, ein ausgeprägtes Erfahrungswissen und die Fähigkeit, daraus etwas abzuleiten, also der konkrete Akt der Deutung. „Gedichte sind gerade wegen ihrer kurzen Form bestens geeignet, diese Augenblicke der Sinnesreizung sprachlich festzuhalten.“

Um der literarischen Verarbeitung dieser geheimnisvollen Sinne auf den Grund zu gehen, hat er sich durch nahezu 300 Jahre Lyrikgeschichte – vom frühen 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart – gearbeitet und diejenigen Gedichte gefiltert, in denen das Wort „spüren“ in all seinen Varianten tatsächlich auftaucht.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Goethes Gedicht „Ein Gleiches“, das der Dichter und Dramatiker 1780 in den Thüringischen Wäldern schrieb, sei ein Paradebeispiel. „Von diesem Gedicht ausgehend habe ich versucht, das Spektrum des Spürens zu skizzieren", sagt Meyer-Sickendiek. Es reicht vom elementaren Spüren von Wind und Wetter über das existenzielle Spüren von Gefahren oder Rausch, dem Spüren von Gemeinschaft oder der Abwesenheit einer geliebten Person bis hin zum Spüren von Atmosphären und der Zeit.

Wer Gedichte analysiert, kommt nicht umhin, sich mit deren Metrik – der Abfolge von langen und kurzen oder betonten und unbetonten Silben – und rhythmischer Gestaltung zu beschäftigen. Damit lassen sich Form und Inhalt über einen längeren Zeitraum vergleichen.

Naturgedichte der Romantik haben ein strenges Versmaß und eine klare Struktur. Wird in ihnen deshalb auch einheitlicher gespürt? „Spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Gedichtsprache fragmentarischer und weniger melodisch“, sagt Meyer-Sickendiek. Trotzdem sei das intensive Erleben von Natur oder Atmosphären in vielen Gedichten der Moderne noch vorhanden und spürbar – auch wenn die lyrische Sprache nicht mehr dieselbe sei.

Die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker hat lyrische und romanhafte Sprache verschmolzen und mit den Grenzen der beiden Gattungen immer wieder experimentiert. In ihrem Gedicht „Solch Flugs- oder Schnee Schrift“ hat sie blitzartige Empfindungen lyrisch zu Papier gebracht. „Ihre Sprache ist dabei fast prosamäßig, und nur noch an der linksbündigen Ausrichtung als Gedicht erkennbar“, sagt Burkhard Meyer-Sickendiek.

hallo hallo hier ist das zar Rußland (Traum)
und ich spüre es in der Straßenbahn manchmal oder
wenn ich 1 Gedicht von Gennadij Ajgi lese oder
beim Warten in der Fleischhauerei oder
wenn ich, über das Kopfsteinpflaster stolpernd,
mich dem Anblick des Winterhimmels hingebe, wie es sein wird
wenn ich gestorben bin, wirklich nur 1 Sekunde lang, 1 Schwindelanfall
.. so schleifen (schlittern) im Schlaf im Kirchenzimmer nämlich
diese auf der Zunge geschmeckte Spar- oder Spur losigkeit
eines Schneefalles

Auch in diesem Gedicht dreht sich alles um einen kurzen Moment: die plötzliche Empfindung, wie es sein wird, wenn man gestorben ist. „Ich glaube, dass Spüren so funktioniert. Dass es darum geht, diesen einen Augenblick festzuhalten“, sagt Meyer-Sickendiek.

Weitere Informationen

PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek
Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ der Freien Universität
Tel.: +49 (0)30 838 57841