Gefangen im Gefühl der eigenen Großartigkeit

Selbstbewusstsein ist wichtig, um im Beruf voranzukommen - ausgeprägter Narzissmus kann allerdings hinderlich sein

28.10.2010

Narziss, hier im Schloss Cecilienhof in Potsdam, wies die Liebe einer Nymphe zurück. Er wurde verflucht, sich in das erste Wesen zu verlieben, das er erblickte – es wurde sein Spiegelbild.
Narziss, hier im Schloss Cecilienhof in Potsdam, wies die Liebe einer Nymphe zurück. Er wurde verflucht, sich in das erste Wesen zu verlieben, das er erblickte – es wurde sein Spiegelbild. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Die Psychologin Aline Vater forscht im Rahmen ihrer Doktorarbeit am Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ der Freien Universität zum Thema Narzissmus. Narzissmus ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das mehr oder weniger stark ausgeprägt sein kann. Bei Menschen in Führungspositionen haben Psychologen und Organisationsforscher oft eine hohe Merkmalsausprägung festgestellt.

„Narzissmus ist mit Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit oder einem hohen Selbstwertgefühl verbunden, beides Merkmale, die dabei helfen, erfolgreich zu sein“, erklärt Aline Vater. „Narzissten wirken zudem auf den ersten Blick oftmals charismatisch und können sehr interessant und überzeugend sein.“ Doch es gebe auch negative Aspekte, wie geringe Empathie und hohes Anspruchsdenken, die den Umgang mit diesen Mitarbeitern schwierig machten.

Aline Vater möchte herausfinden, bis zu welchem Punkt eine hohe Ausprägung narzisstischer Persönlichkeitszüge erfolgversprechend ist – und ab wann problematisch. Denn während manche Narzissten in Beruf und Beziehung gut zurechtkommen und der Erfolg sogar ihr hohes Selbstwertgefühl weiter verstärkt, leiden andere unter den negativen Aspekten. In Internetforen wie Narzissmus.net beklagen Betroffene ihre eigene „Gefühlskälte“, ein Gefühl der Leere und das eigene Unverständnis über die Emotionalität anderer.

Ihre Dissertation schreibt Aline Vater bei Stefan Röpke, Psychiater an der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, Campus Benjamin Franklin. Röpke leitet eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem veränderten Emotionserleben von Narzissten beschäftigt. Untersucht werden hier vor allem Menschen, bei denen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde; der Übergang zwischen „gesundem“ Narzissmus und pathologischer Ausprägung sei dabei fließend.

„Es gibt Menschen, die gerade wegen ihres Narzissmus’ beruflich erfolgreich sind. Sie kommen in vielen Bereichen ihr ganzes Leben lang gut klar, nur in Beziehungen fühlen sich die Partner oft abgewertet und klein gemacht“, sagt Röpke. Erst nach narzisstischer Kränkung, bei Trennung oder Arbeitsplatzverlust steigt der Leidensdruck, und man spricht man von einer psychischen Erkrankung.

Narzissten überschätzen sich selbst und sie unterschätzen Risiken. Trotz ihres hohen Selbstwertgefühls haben sie wenig Selbstbewusstsein, also keine realistische Einschätzung ihrer Stärken und auch ihrer Schwächen. Deshalb sind sie sehr empfindlich und spüren genau, wenn andere nicht von ihrer Außergewöhnlichkeit überzeugt sind. Narzissten halten sich für großartig – „Grandiositätserleben“ heißt das in der Fachsprache.

Dass sie an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, ist wenigen Betroffenen klar. Sie suchen einen Arzt oder Therapeuten auf, weil sie Beziehungs- oder Jobprobleme haben, zu viel Alkohol trinken, Drogen nehmen, unter einem Magengeschwür oder undefinierbaren Herzschmerzen leiden. Die treffende Diagnose ist nach wie vor selten, trotz des in den Medien populären Begriffs „Narzissmus“. Auch wissenschaftlich seien vor allem die klinischen Aspekte noch kaum erforscht worden, berichtet Aline Vater. Es gibt also noch viel zu tun.

Weitere Informationen

Aline Vater
Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ der Freien Universität
Tel.: +49 (0)30 838 57706/07/08