Wider das Vergessen

Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Freien Universität veröffentlicht Datenbank zum Verbleib von 21.000 unter NS-Herrschaft verfemten Kunstwerken

23.04.2010

Blick in das Depot im Schloss Schönhausen mit Werken von Wilhelm Lehmbruck und Lovis Corinth, um 1938/39, Berlin
Blick in das Depot im Schloss Schönhausen mit Werken von Wilhelm Lehmbruck und Lovis Corinth, um 1938/39, Berlin Bildquelle: Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, bpk / Zentralarchiv

1937 wies Adolf Hitler die Leitungen von Museen und Sammlungen des Deutschen Reiches an, Kunstwerke herauszugeben, die nach Lesart der Nationalsozialisten „entartet“ waren. Beschlagnahmt wurden in der Folge mehr als 21.000 Objekte. Nun haben Wissenschaftler der Freien Universität das Schicksal dieser Werke rekonstruiert und in einer kostenfrei nutzbaren Datenbank öffentlich gemacht.

Diffamiert und zum Teil zerstört wurden bei der Aktion „Entartete Kunst“ die Werke von 1.400 Künstlern, darunter von George Grosz, Käthe Kollwitz, Paul Klee und Paula Modersohn-Becker. „Die Werke moderner Kunstrichtungen wurden dem Blick der Öffentlichkeit nahezu vollständig entzogen“, sagt der Kunsthistoriker Andreas Hüneke, der sich mit dem Thema seit fast 40 Jahren beschäftigt. Viele der Betroffenen seien heute in Vergessenheit geraten.

In minutiöser Kleinarbeit rekonstruiert er mit seinem Team seit Ende 2002 die Beschlagnahme durch die Nazis und verfolgt den Weg der Gemälde, Plastiken und Druckgraphiken von den dreißiger Jahren bis heute. Ergründet werden dabei auch das Schicksal der verfolgten Künstler, die Strategien der Museumsleiter und die Rolle der Kunsthändler innerhalb des Verwertungssystems.

Volltextsuche und Spezialrecherche möglich

Die nutzerfreundliche Datenbank bietet mannigfaltige Möglichkeiten: Eine Volltextsuche ist ebenso möglich wie die Recherche nach Künstlern und Gattungen; selbst nach den damaligen Femeausstellungen, mit denen die Nationalsozialisten die Werke in vielen Städten als „entartet“ vorzuführen und die Künstler zu schmähen suchten, lassen sich die Objekte gruppieren. Alle Objekte sind mit den wichtigsten Fakten und Provenienzen verzeichnet, viele von ihnen mit Bilddateien verknüpft.

„Wir veröffentlichen zunächst 2.500 Datensätze“, sagt Meike Hoffmann, Koordinatorin der Forschungsstelle, die seit ihrer Gründung im Wesentlichen von der Ferdinand-Möller-Stiftung und der Gerda Henkel Stiftung finanziert wird. Innerhalb der nächsten drei Jahre sollen die geprüften und aktualisierten Daten aller damals konfiszierten Werke veröffentlicht werden.

Das Verzeichnis wird ein wichtiges Hilfsmittel für Museumsmitarbeiter sein, wenn es darum geht, die Herkunft von Kunstwerken zu erforschen – beispielsweise in Fällen von Werken, die den Museen bei der Beschlagnahme lediglich als Leihgabe zur Verfügung standen und deren Besitz den Nachkommen der damaligen Eigentümer zusteht. Die Mitarbeiter erhoffen sich von den Nutzern aber auch Informationen zu Objekten, die bis heute verschollen sind.