Erfolgreich gegen Cyber-Mobbing

Das von Psychologen der Freien Universität Berlin entwickelte Präventionsprogramm „Medienhelden“ schützt Kinder und Jugendliche vor Häme-Attacken im Internet

Nr. 38/2012 vom 28.02.2012

Das Präventionsprogramm „Medienhelden“ hilft Schülerinnen und Schülern, sich besser vor Mobbing im Internet zu schützen und darüber hinaus wichtige Grundlagen in Medienkompetenz sowie im sozialen Miteinander zu entwickeln. Das belegt die wissenschaftliche Evaluierung des seit zwei Jahren laufenden Forschungsprojekts. Die Ergebnisse stellten der Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin und sein Team an diesem Dienstag vor Medienvertretern im Rahmen eines Workshops vor.

„Medienhelden“ ist ein strukturiertes und schulbasiertes Präventionsprogramm gegen Cyber-Mobbing, das Lehrerinnen und Lehrer in ihren Unterricht integrieren können. Sie werden dafür zuvor durch Mitarbeiter der Freien Universität Berlin geschult. Das Programm richtet sich an Schülerinnen und Schüler der 7. bis 10. Klasse. Das Programm umfasst vielfältige Methoden: Im Rahmen der sogenannten Identifikationskreis-Methode beispielsweise nehmen die Schüler in Rollenspielen verschiedene Perspektiven ein: die des Opfers, des Täters oder eines Unterstützers. Anschließend berichten sie von ihren Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Handlungsspielräumen, die sie in der jeweiligen Rolle hatten. Dadurch erfahren die Schüler, welche Motive bei Cyber-Mobbing eine Rolle spielen können und welche Gefühle dies bei den Beteiligten auslöst.

„Der Schutz vor Cyber-Mobbing kann nur dann erfolgreich sein, wenn neben der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen gleichzeitig entscheidende Medienkompetenzen vermittelt werden. Das gelingt durch ‚Medienhelden‘, weil die Teilnahme an dem Programm neben der Verminderung von Cyber-Mobbing auch zu einer feststellbaren grundsätzlichen Verbesserung von Empathie und Perspektivenübernahme führt“, sagte Herbert Scheithauer. Als Teil des Trainings bereiten die Schüler außerdem einen Elternabend vor, auf dem sie das neu erworbene Wissen über Cyber-Mobbing und adäquate Mediennutzung vorstellen und auf diese Weise demonstrieren, dass sie die Gefahren erkannt haben. „Jugendliche scheinen häufig nicht zu wissen, welchen Schaden sie mit einer veröffentlichten Bild- oder Video-Montage im Internet anrichten können oder welche Gefühle verletzende oder bedrohliche Nachrichten bei den Betroffenen auslösen können“, sagt Catarina Katzer, Vorstandsvorsitzende „Bündnis gegen Cybermobbing e. V.“.

In einer Studie mit insgesamt über 800 Schülern der 7.-10. Jahrgangsstufe und ihren Lehrern in mehr als 35 Berliner Schulklassen wurde die Wirksamkeit des Programms, im Vergleich zu Schulklassen, die das Programm nicht durchlaufen haben, in einer Längsschnittstudie überprüft. Dabei wurden die Schüler und Lehrer vor dem Einsatz des Programms im Unterricht, kurze Zeit nach Durchführung des Programms sowie acht bis neun Monate später mit Fragebögen befragt. Die Evaluierung zeige, so Scheithauer, dass „Medienhelden“ nicht nur eine große Wirkung bei den Schülern habe, sondern auch eine hohe Akzeptanz und positive Einschätzung durch die Lehrer erführe. So gab es beispielsweise in den Schulklassen, die das Programm erhalten hatten, im Anschluss weniger Cybermobbing, mehr Empathie und Selbstwertgefühl. 

Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer setzt bei einer möglichen großflächigen Umsetzung des Programms, etwa durch Multiplikatoren, in den kommenden Jahren auf starke Partner. Prof. Dr. Jürgen Witt, stellvertretender Bundesvorsitzender des Opferschutzbundes „WEISSER RING“ sagte: „‚Medienhelden‘ fördert einen verantwortungsvollen und risikobewussten Umgang von Kindern und Jugendlichen mit den neuen Medien. Darum stellt sich der ‚WEISSE RING‘ – als größte deutsche und eine der bedeutendsten europäischen Opferhilfe- und Schutzorganisationen – mit voller Überzeugung hinter das Programm.“

Fast jeder fünfte Schüler in Deutschland ist wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge schon einmal in Cyber-Mobbing involviert gewesen – als Opfer, Täter oder Unterstützer. Mobbing im Internet nimmt unter Kindern und Jugendlichen als Form der Gewalt vor allem in sozialen Netzwerken immer mehr zu. Bisher fehlte es in Deutschland an Präventions- und Interventionsmaßnahmen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen und evaluiert worden ist. Das Programm „Medienhelden“ ist das Ergebnis einer von der Europäischen Union (EU) geförderten Forschungskooperation zwischen Deutschland, Italien, Spanien, England, Polen und Griechenland im Rahmen von „DAPHNE III“. DAPHNE III ist ein Programm, das „Zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Frauen sowie zum Schutz von Opfern und gefährdeten Gruppen“ beitragen soll. 

Im Internet

www.medienhelden-projekt.de

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern

Prof. Dr. Herbert Scheithauer, Freie Universität Berlin, Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie, Telefon: 030 / 838-56546, E-Mail: hscheit@zedat.fu-berlin.de