600 ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus 26 Ländern erinnern sich

Nr. 14/2009 vom 22.01.2009

Das Online-Archiv zum Thema Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland wurde am Donnerstag erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Portal „Zwangsarbeit 1939–1945“ trägt zur Erinnerung an die über zwölf Millionen Menschen, die für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit geleistet haben, bei. 590 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus 26 Ländern erzählen ihre Lebensgeschichten in 398 Audio- und 192 Video-Interviews. „Viele Überlebende aus Mittel- und Osteuropa  haben in den nun vorliegenden Interviews erstmals über das  Erlittene und die oftmals schwere Zeit nach 1945 berichtet. Die Stiftung EVZ will mit dem von ihr geförderten Online-Archiv zur Zwangsarbeit die Erinnerungen dieser NS-Opfer wach halten und sie zugleich jungen Menschen und Wissenschaftlern für die politische Bildung und Forschung nutzbar machen.“, erklärte der Vorstand der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ), Günter Saathoff, auf einer Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin. Abrufbar sind Erinnerungen jüdischer und nichtjüdischer KZ-Häftlinge, von Sinti und Roma, von Zwangsarbeitern, die im Bergbau, der Industrie oder der Landwirtschaft arbeiten mussten, von italienischen Militärinternierten und von sowjetischen Kriegsgefangenen.

Das Online-Archiv wurde seit 2004 vorbereitet. 32 Teams internationaler Institutionen nahmen insgesamt 2000 Bänder mit den Erinnerungen ehemaliger Zwangsarbeiter auf. 2007 konnte die Kooperation zwischen der Stiftung EVZ und der Freien Universität Berlin zur Erschließung der Interviews unterzeichnet werden. Seitdem werden von einem wissenschaftlichen Team unter der Leitung von Prof. Dr. Gertrud Pickhan und Prof. Dr. Nicolas Apostolopoulos die Audio- und Videobänder verschlagwortet, digital archiviert und das Online-Archiv realisiert. „Die Sammlung eröffnet mit der Fülle des Materials unzählige Möglichkeiten, neue Erkenntnisse zu gewinnen – sie ist nicht nur für HistorikerInnen eine Fundgrube.“, so Frau Pickhan, Lehrstuhlinhaberin am Osteuropa Institut der Freien Universität. Das Online-Archiv soll vor allem Wissenschaftlern zu unterschiedlichen Themenbereichen der NS-Zwangsarbeit Auskunft geben. Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl, Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, erklärte dazu: „Gerade autobiographisches Material, das nicht nur in Textform vorliegt, besitzt ein großes didaktisches Potenzial und eröffnet für die junge Generation neue Wege des Verstehens. Nichts kann eine Epoche oder ein historisches Ereignis eindringlicher dokumentieren als eine persönliche Schilderung der erlebten Geschichte.“

Registrieren können sich derzeit Studierende, Forschende und Lehrende. Weiterführende Bildungsmaterialien wie biografische Kurzfilme oder Unterrichtsmaterialien sowie eine DVD werden im Herbst zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns vorliegen und der Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Jahr 2007 wurde auch das Deutsche Historische Museum (DHM) als Kooperationspartner des Projektes gewonnen. Dort kann seit Donnerstag eine Multimedia-Station genutzt werden, die zwölf Interviews der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Berichte und Materialien sind Teil der Ständigen Ausstellung des DHM. Die ausgewählten Interviewpartner bilden die großen Opfergruppen unter den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ab: eine ukrainische „Ostarbeiterin“, eine polnische Zwangsarbeiterin, ein sowjetischer Kriegsgefangener, Sklavenarbeiter aus Konzentrationslagern und ein italienischer Militärinternierter berichten über unterschiedliche Einsatzbereiche in der Industrie, der Landarbeit, im Bergbau und im Privathaushalt. Die Interviews lassen sich zu übergeordneten Themen wie „Herkunft und Familie“, „Arbeit und Terror“, „Rückkehr und Emigration“ anwählen. Hintergrundinformationen erhält der Nutzer durch einführende Texte, Daten und Fakten zur Zwangsarbeit. Die Interviews wurden in deutscher Sprache untertitelt.

„Seit der Wiedereröffnung der Ständigen Ausstellung im Juni 2006 haben die Themen Fremdarbeiter und Zwangsarbeiter während der NS-Diktatur einen gebührenden Platz gefunden. Durch die jetzt fertig gestellte Multimedia-Station mit Interviewsequenzen ehemaliger Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen  können wir diese Thematik in der Ausstellung vertiefen. Gerade in der Möglichkeit, über die Erzählung von Geschichten der Betroffenen Zugang zur Erinnerungskultur und Geschichtsüberlieferung zu bekommen, liegt der besondere Stellenwert dieser didaktischen Ausstellungsstation.“, so Dr. Dieter Vorsteher, Stellvertreter des Präsidenten der Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin und Leiter der Sammlung des Deutschen Historischen Museums.

Unterstützt wird das Portal auch von Prof. Felix Kolmer, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees und Mitglied des Beirats des Projekts „Zwangsarbeit 1939–1945“. „Uns ehemaligen  Zwangsarbeitern ist es wichtig, dass wir in diesem Zeitzeugenarchiv keine Unterscheidung oder gar Opferhierarchisierungen machen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Opfern, zwischen polnischen, tschechischen, ukrainischen oder russischen und italienischen Zwangsarbeitern. Alle diese Zwangsarbeiter, die ja auch das Gesamtsystem der deutschen Zwangsarbeit repräsentieren, sind exemplarisch mit ihren Leidens- und Überlebensgeschichten vertreten und in ein gemeinsames Angedenken eingeschlossen.“

Auf der Pressekonferenz am Donnerstag, 22. Januar 2009 im DHM berichteten Günter Saathoff (Vorstand der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“), Ursula Lehmkuhl (Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin), Dieter Vorsteher (Stellvertreter des Präsidenten der Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin und Leiter der Sammlung des Deutschen Historischen Museums), Gertrud Pickhan (Projektleiterin, Lehrstuhlinhaberin des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin) und Felix Kolmer (Zeitzeuge, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Mitglied des Beirats des Projekts „Zwangsarbeit 1939–1945“) über das Online-Portal.

Für Fragen stand zudem die Zeitzeugin Helena Bohle-Szacki zur Verfügung. Frau Bohle-Szacki wurde 1928 als Tochter einer deutsch-polnisch-jüdischen Familie in Ostpolen geboren. Ab 1944 musste sie im KZ Ravensbrück Zwangsarbeit leisten. Sie überlebte den Todesmarsch 1945. Nach dem Krieg studierte sie in Polen (Łodz) Kunst, seit 1969 lebt sie in Berlin.

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