Vorstellung der Klemperer-Tagebücher in kommentierter Gesamtausgabe aus Krankheitsgründen abgesagt

Digitale Edition ist Ergebnis eines DFG-Projekts der Freien Universität Berlin

Nr. 130/2007 vom 19.06.2007

Die für Montag, 2. Juli, 18 Uhr geplante Vorstellung der Tagebücher des Romanisten Victor Klemperer (1881–1960) über die Zeit des Dritten Reiches in kommentierte Gesamtausgabe auf CD-ROM fällt aus Krankheitsgründen aus.

 

Bei der neuen Edition handelt es sich um die vollständige Transkription der handschriftlichen Tagebuchaufzeichnungen mit einem umfassenden Kommentar. Mit der digitalen Ausgabe wird erstmals auch das Faksimile der kompletten Handschrift veröffentlicht. Die CD-ROM-Ausgabe hat mit rund 15.000 Seiten etwa den dreifachen Umfang der in  Buchform erschienenen Auswahl-Edition, die Walter Nowojski 1995 im Aufbau-Verlag Berlin herausgegeben hatte.

Victor Klemperer wurde mit seinen inzwischen weltbekannten Tagebüchern und philologischen Untersuchungen zum Chronisten der Verfolgungen und Pressionen während der nationalsozialistischen Diktatur. Der Sohn eines Rabbiners kam mit den Eltern aus Landsberg a. d. Warthe nach Berlin und wählte die Universitätslaufbahn als Germanist und Romanist. Er begeisterte die Hörer seiner Vorlesungen in München und seit 1920 in Dresden, wo er 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft seiner Funktion als Universitätsprofessor enthoben wurde.

Victor Klemperer intensivierte die seit seiner Jugendzeit geführte Tagebucharbeit, als das Verbot der Bibliotheksbenutzung folgte. Er beschrieb die Vertreibung aus seinem Haus in Dölzschen, die Zwangseinweisung ins „Judenhaus“, die Demütigung durch den Davidstern, die Zwangsarbeit und die Misshandlung. Diese Arbeit an seinem Tagebuch, das ihm zugleich Materialsammlung für sein späteres Buch „LTI – Lingua Tertii Imperii“ über die Sprache des Dritten Reiches war, half ihm zu überleben. In der Nacht des Bombenangriffs auf Dresden wagte er mit seiner Frau die Flucht, die ihn bis nach Bayern führte.

Nach 1945, wieder zurückgekehrt nach Dresden, versuchte Victor Klemperer, an seine wissenschaftliche Arbeit und Universitätslaufbahn anzuknüpfen, geriet jedoch mit seiner humanistischen Haltung sehr oft zwischen alle Stühle in der DDR. Seine Notate über die Sprache des Dritten Reiches machten seine Leser sensibel für sprachliche Auswüchse und politische Fehlentwicklungen der Nachkriegsordnung in diesem Teil Deutschlands.

Weitere Informationen

Professor Dr. Jürgen Trabant, Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-52037, E-Mail: trabant@zedat.fu-berlin.de