Von den Musen geküsst?

343.000 Euro für DFG-Projekt über künstlerische Kreation als ästhetisch-religiöse Erfahrung

Nr. 169/2004 vom 17.09.2004

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert ein neues Teilprojekt des Sonderforschungsbereiches "Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste" an der Freien Universität Berlin. Es steht unter der Leitung von Prof. Dr. Renate Schlesier am Institut für Religionswissenschaft und setzt sich mit dem Thema "Künstlerische Kreation als ästhetisch-religiöse Erfahrung" auseinander. Die DFG fördert das Projekt bis Ende 2006 mit einer Gesamtsumme in Höhe von 343.000 Euro.

Im Mittelpunkt steht dabei der Begriff "Inspiration". Dieser Topos religiöser Erfahrung und Eingebung gilt innerhalb der abendländischen Tradition als grundlegendes Kennzeichen künstlerischen Schaffens, und er hat eine wechselvolle Geschichte. Wichtige Marksteine bildeten Platons antikes Konzept göttlicher dichterischer Ekstase sowie die frühchristliche Lehre von der göttlichen Inspiriertheit der Bibel als Heiliger Schrift. Eine weitere Etappe des Inspirationskonzepts wurde in der Renaissance mit der neuplatonischen Theorie des furor poeticus eingeleitet. Platons Lehre von dem göttlichen Wahnsinn wurde dabei in ein Kunstmodell umgeformt, das Dichtung in bis dahin nicht gekannter Weise aufwertete, idealisierte und religiös verklärte.

Das Projekt fragt nach den Transformationen dieses Inspirationskonzepts in der Moderne. Hat sich mit den "Autonomieästhetiken" seit 1800 "Inspiration" als ausgesprochen religiös bestimmter Akt erübrigt? Oder kam es im Gegenteil zu einer verstärkten Berufung auf religiöse Instanzen für Kunst und Dichtung sowie für deren Interpretation?

Vier Unterprojekte – zum klerikalen Inspirationskonzept des Mittelalters und seinen modernen Deutungen sowie zu Umwandlungen von Inspiration an Beispielen aus der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts, bei französischen Romanciers des 19. und 20. Jahrhunderts und in der spanischsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts – arbeiten diese Fragen auf. Gemeinsam ist ihnen, künstlerische Produktionen auf das ihnen eingeschriebene religionsästhetische Programm zu befragen. Dabei geht es um die ihnen selbstreflexiv eingelagerten Aussagen über den Prozess künstlerischer Kreation. Wird Inspiration als religiöser Topos benutzt? Oder wird er subversiv abgewandelt bzw. ganz umgangen?

Das interdisziplinäre Teilprojekt schließt eine wichtige religionsästhetische Lücke innerhalb des Sonderforschungsbereichs, der Fragen der ästhetischen Erfahrung im Rahmen der Moderne ins Zentrum seiner Arbeit stellt. Die Ergebnisse sollen in Aufsatz- bzw. Buchpublikationen vorgelegt werden. Ein in Planung befindlicher Workshop hat das Ziel, die Zusammenarbeit mit weiteren Forschern auf dem Gebiet des Projektthemas sowie mit anderen Teilprojekten des Sonderforschungsbereichs zu intensivieren.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Renate Schlesier, Institut für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin, Tel.: 030/838-51432 oder -52822, E-Mail: rsch@zedat.fu-berlin.de