Ein absoluter Monarch auf dem Stuhle Petri

Verleihung des Friedrich-Meinecke-Preises an Ralf Lützelschwab

Nr. 128/2003 vom 09.07.2003

Die Amtszeit einer der umstrittensten Papstpersönlichkeiten des Mittelalters, Clemens' VI., spielt vor dem Hintergrund der Schwarzen Pest, des französisch-englischen Krieges und der Auseinandersetzung mit Ludwig dem Bayern. Während Clemens VI. Avignon mit immensem finanziellem Aufwand zu einem kulturellen Zentrum ausbaute, raffte der Schwarze Tod ein Drittel der europäischen Bevölkerung hinweg. Der italienische Dichter Petrarca sah in der avignonesischen Kurie den Ort der Verdammnis. Die mit dem Friedrich-Meinecke-Preis ausgezeichnete Dissertation von Ralf Lützelschwab widmet sich dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Papst Clemens VI. (1342-52) und seinem Kardinalskolleg, thematisiert also den Gegensatz zwischen absoluter Monarchie und Oligarchie.

Lützelschwab geht der Frage nach, wie sich das Verhältnis von Papst und Kardinalkollegium auf die Ausgestaltung kurialer Politik auswirkte; wer gestützt auf welche Machtbasis, seinen Einfluß geltend machte. Clemens VI hinterlässt mit seinen vor den Kardinälen gehaltenen Predigten, den sog. Konsistorialansprachen, eine Quellengruppe, in der er sich mit erstaunlicher Offenheit Gedanken über die Stellung des Kardinalkollegiums macht. Diese bisher ungedruckten Predigten liefern wertvolle Erkenntnisse bezüglich der Selbstwahrnehmung des Pontifex. Clemens VI. war in Zeiten der Krise zwar auf seine engsten Vertrauten angewiesen, verstand es jedoch meisterhaft, diese für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Clemens VI. amtiert also tatsächlich als letzter "absoluter" Monarch auf dem Stuhl Petri vor der Katastrophe des Großen Schismas.

Ralf Lützelschwab studierte Romanistik, Mittelalterliche Geschichte und Mittellatein an den Universitäten Freiburg i. Br., Toulouse-Le Mirail und der Freien Universität Berlin. Im Juli 2002 schloß der Kirchenmusiker seine von Prof. Dr. Kaspar Elm betreute Promotion: "Flectat cardinales ad velle suum. Clemens VI. und sein Kardinalkollegium. Ein Beitrag zur kurialen Politik in der Mitte des 14. Jahrhunderts" mit "summa cum laude". ab. Gleichzeitig arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut. Als Stipendiat des Deutschen Historischen Instituts in Rom forschte Lützelschwab längere Zeit im Vatikanischen Archiv in Rom, wo er mit bislang nicht ausgewerteten Quellen zum Pontifikat Clemens VI.arbeitete.

Der Friedrich-Meinecke-Preis wird dieses Jahr zum dritten Mal für eine hervorragende geschichtswissenschaftliche Dissertation verliehen. Dank der Initiative von emeritierten und pensionierten Professoren des FMI ist er mit 600 Euro dotiert. Diese Art der Preisvergabe ist in der Bundesrepublik einmalig. Die Preisverleihung findet im Rahmen der Semesterabschlussfeier des Fachbereiches Geschichts- und Kulturwissenschaften statt. Außerdem werden zwei Frauenförderpreise für eine ausgezeichnete Qualifikationsarbeit aus dem Bereich der Frauen und Geschlechtergeschichte und für eine hervorragende Nachwuchswissenschaftlerin des Fachbereichs verliehen.

Zeit und Ort:

Die Veranstaltung findet am 16.7, ab 18 Uhr im FMI, Koserstr. 20, 14195 Berlin, statt.

Weitere Informationen

Geschäftsführende Direktoren des FMI, Prof. Dr. Ernst Baltrusch, Tel.: 030/838-54085 und Dr. Ralf Lützelschwab, Tel.: 838-54523, priv. 219 67880.