Jenseits von Broiler und Positionierung - Soziolinguisten ergründen unbewußte Veränderungen der sprachlichen Normen in Ostdeutschland

Einladung zur Buchpräsentation am 5. November

Nr. 214/1999 vom 29.10.1999

Wie schlagen sich die sprachlichen Differenzen von Ost- und Westdeutschen in der gemeinsamen Verständigung nieder? In welcher Geschwindigkeit und in welche Richtungen vollzieht sich Sprachwandel? Im Vordergrund der meisten sprachwissenschaftlichen Untersuchungen der Nachwendezeit stehen die lexikalischen Anpassungsleistungen von Ostdeutschen an situationstypische westliche Sprachkonventionen.

Der Soziolinguist Prof. Dr. Norbert Dittmar von der Freien Universität Berlin wählte einen anderen Weg. 1993/94 verfolgte er mit einem studentischen Team – finanziell unterstützt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft – die unbewußten Spuren der Veränderungen im Sprachgebrauch der Ostdeutschen nach der Wende (Manifestierung des Umbruchs in der Sprache). Sein Forschungsinteresse galt vorrangig den Veränderungen der syntaktischen Strukturen, die der bewußten Kontrolle der Sprechenden weitgehend entzogen sind. Fündig wurde er auf der Ebene des Partikel- und Konjunktionengebrauchs. So wertet Dittmar die nachgewiesene Übernahme der Modalpartikel "halt" in den Ostdeutschen Sprachgebrauch, die heute neben der früher allein üblichen Modalpartikel "eben" verwandt wird, als klares Indiz für eine unbewußte Anpassung syntaktischer Planungsmuster an den westlichen Stil. Auch der zunehmende Ersatz der nebenordnenden Konjunktion "denn" durch "weil" (in Verbindung mit Verbzweitstellung) und die umbruchspezifische Verwendung von "eigentlich" sind nach Auffassung des Wissenschaftlers typische Beispiele für einen fortschreitenden Sprachwandel. Darüber hinaus werden typische kommunikative Muster des Umbruchdiskurses analysiert.

Diese Phänomene beschreibt Dittmar u.a. in seinem neuen Buch mit dem Titel "Die Sprachmauer", das Anfang November 1999 im Weidler-Verlag erscheint. Der Band ist ein sprachsoziologischer und diskursanalytischer Streifzug durch 60 Gespräche mit Menschen aus Ost- und Westberlin über den Mauerfall, die tagespolitischen Ereignisse zur Wendezeit, über Ossi- und Wessi-Identitäten, Erfahrungen mit Vergangenheit und Gegenwart sowie über Mode und Markt.

Zur ersten öffentlichen Präsentation des Buches "Die Sprachmauer" und zur Diskussion über die Forschungsergebnisse laden Sie der Autor und der Weidler-Verlag am Freitag, dem 5. November 1999, 11.00 Uhr, in die "Rostlaube" der Freien Universität Berlin, Raum K29/29, Habelschwerdter Allee 45, nach Berlin-Dahlem ein. Dort erhalten Sie auch ein Rezensionsexemplar.