Friedmans Rede zu Semesterstart

Berlin, 01.11.2000

"Jeder kann die Welt verändern"

Michel Friedmans beeindruckende Rede zu Semesterstart

Manchmal reicht eine Handbewegung, die Eindringlichkeit einer Stimme, um einen Saal in Bann zu ziehen. „Jeder Mensch kann die Welt verändern”, rief Michel Friedman den Erstsemestern im überfüllten Henry-Ford-Bau zu. Dafür sei er selbst das beste Beispiel. „Hätte Oskar Schindler meine Eltern nicht gerettet, stünde ich heute nicht vor ihnen”, formulierte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden – und faszinierte die Anwesenden durch die Offenheit im Umgang mit seiner persönlichen Geschichte. Was folgte, war ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Vielfalt, Bildung, eine ausgeprägte Streitkultur und Zivilcourage. „Ich hatte immer nur Angst vor der Einfalt der Menschen, nicht vor deren Vielfalt”, sagte der Frankfurter Anwalt in Anspielung auf das Thema seines Festvortrags „Vielfalt statt Einfalt”. Der Fremde, der Ausländer, der uns Angst mache, sei im Grunde das Fremde in jedem Menschen selbst. Diesen gelte es kennen zu lernen. „Dann haben Sie auch keine Angst vor dem Anderen”, so Friedman. „Haben wir davon nicht alle geträumt?”, fragte der in Paris Geborene rhetorisch, da ihm die Zustimmung im Saal ohnehin gewiss war.

„Dieses Land braucht eine Streitkultur, die Zukunft darf nicht in einer Konsensgesellschaft ersaufen”, ermahnte Friedman, um die Anwesenden gleich persönlich zu verpflichten: „Passen Sie sich nicht an! Tragen Sie dem Professor nicht seine Aktentasche hinterher!” Diese Ausführungen waren durchaus selbstkritisch. Denn viele seiner Generation, die heute in verantwortlichen Positionen säßen, seien früher angepasste Assistenten ihrer Chefs gewesen. Kein Wunder, dass heute das Mittelmaß regiere, so Friedman. Deutlich sprach sich der Moderator von „Achtung, Friedman kommt” für Elitebildung und mehr Geld für Wissenschaft und Forschung aus. Am Ende der Rede stand kein Punkt, sondern erneut ein Ausrufezeichen: „Genießen Sie ihr Studium und streiten Sie!” Die Studierenden, sichtlich von der Rede bewegt, dankten ihm mit minutenlangem Applaus, den Friedman genoss.

Auch die Rede des Präsidenten der Freien Universität, Peter Gaehtgens, war ein Plädoyer für aktives Handeln. „Sie bestimmen den Geist dieser Universität”, sagte er an die Adresse der Erstsemester gerichtet. Angesichts der fremdenfeindlichen Vorgänge und Vorurteile in der Gesellschaft gegenüber Ausländern sei es nötig, dass alle FU-Mitglieder als „Botschafter der Toleranz und des Mutes” aufträten. „Deutschland ist kein Land, vor dem man warnen müsste”, so Gaehtgens, der die ausländischen Erstsemester besonders willkommen hieß.

Draußen vor dem Audi Max fand unterdessen ein buntes Treiben statt. Wein und Wasser flossen nach den Reden. Einzelne Institute, die ZEDAT, der Hochschulsport, die Kita und der Campus-Club-Dahlem warben unter den 5300 Erstsemestern um neue Mitglieder. Für Heiterkeit – die an diesem Herbsttag wie ein fröhlicher Schleier über der Veranstaltung lag – sorgte ein Weihnachtsmann mit Glöckchen. „Die Freie Universität ist dabei, eine Veranstaltungsreihe zu kreieren, die von keiner Hochschule dieser Stadt sobald überboten werden kann”, schrieb die „Berliner Zeitung” am nächsten Tag begeistert. Uns hat´s gefreut!

von Felicitas von Aretin