Scott Bradfield ist neuer Samuel-Fischer-Gastprofessor

Berlin, 01.11.2000

Schund und Literatur

Scott Bradfield ist neuer Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin

 


Scott Bradfield redet Tacheles im Spannungsfeld zwischen Konvention und Leidenschaft

„Was lesen wir gern?”, fragt Scott Bradfield ironisch. „Und was sollen wir gern lesen?” Unter dieses Motto stellt der US-amerikanische Schriftsteller seinen Kurs, den er in diesem Wintersemester am Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU gibt. Welche Bücher werden zum Kult? Und was wird vom Betrieb politisch „gepusht”?

Als nunmehr vierter Samuel-Fischer-Gastprofessor bietet Scott Bradfield in diesem Semester eine intensive Erkundungsreise durch die US-amerikanische Literatur der Gegenwart. Sein Interesse gilt vor allem der zeitgenössischen Popkultur. So stehen auf dem dicht gedrängten Programm „Literature and Crap in American Pop Culture – What We Like to Read and What We’re Supposed To” Texte u.a. von Thomas Pynchon, Chester Himes, William Gaddis, Thomas M. Disch und Judith Krantz.

In Deutschland ist der US-amerikanische Schriftsteller Scott Bradfield durch seine Romane Geschichte der leuchtenden Bewegung (1993), Was läuft schief mit Amerika (1996) sowie Animal Planet (1997) bekannt geworden. In Amerika wollte diese Bücher niemand so richtig lesen: „Erfreulicherweise hatte ich in Deutschland Erfolg”, freute er sich gegenüber der taz.

Der aktuelle Gast der FU gehört einer jüngeren Autorengeneration an: Der 45jährige Kalifornier arbeitete unter anderem als Buchhändler und studierte Amerikanische Literatur an der University of California in Los Angeles mit nachfolgender Promotion an der University of California in Irvine, wo er auch fünf Jahre lang unterrichtete. Neben insgesamt vier Romanen verfasste Bradfield zwischen 1971 und 1996 auch zahlreiche short stories, die entweder in Anthologien aufgenommen oder als eigenständige Sammlung (Greetings From Earth) veröffentlicht wurden. Er schrieb außerdem für Film und Fernsehen, jüngste Adaptionen erschienen sowohl in den USA als auch im Ausland. Heute lebt er abwechselnd in London und Connecticut, wo er gelegentlich an der University of Storrs Englisch lehrt. Für The Times, The New York Times Book Review und The Times Literary Supplement schreibt er regelmäßig Buchrezensionen.

Die Samuel-Fischer-Gastprofessur – eine Einrichtung, die auf eine kurze, aber sehr erfolgreiche Geschichte zurückblicken kann – wurde im Sommer 1998 von der Freien Universität gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), dem S. Fischer Verlag und dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ins Leben gerufen. Die enge Zusammenarbeit des Faches Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL) mit öffentlichen und privaten Partnern ist in ihrer Art an der FU noch keine Selbstverständlichkeit. Für jeweils ein Semester wird ein ausländischer Schriftsteller eingeladen, der den Studierenden die Gelegenheit bietet, über die Beschäftigung mit Literaturtheorie und kanonischen Texten hinaus internationale Autoren der Gegenwart kennen zu lernen. Die Einladungen werden durch einen Beirat aller beteiligten Institutionen in Zusammenarbeit mit wechselnden Beratern ausgesprochen.

Im Unterschied zu „Poetik-Professuren” traditioneller Art ist kein festes Format vorgegeben und kein theoretischer Diskurs festgelegt. Jeder Gast wählt die Thematik und den Stil seiner Veranstaltung selbst. Der russische Dramatiker Vladimir Sorokin bot einen Kurs an über „Russischen Konzeptualismus”, der congolesische Romancier und Kulturtheoretiker V. Y. Mudimbe ein Seminar über „Theorien der Differenz”. Zuletzt gab der Literatur-Nobelpreisträger Kenzaburo Oe Einblicke in „Die Welt eines japanischen Schriftstellers”. Ganz besonders Kenzaburo Oe, der kulturgeschichtliche Reflexionen und literarische Lesungen mit politischer Kritik ebenso verband wie mit selbstironischen Anekdoten, faszinierte durch seine bescheidene und charismatische Art derart, daß noch heute immer wieder zu hören ist, wie sehr er vermisst wird.

von Oliver Lubrich