Besuch von Staatspräsident Kim Dae-jung

Berlin, 09.03.2000

Koreanischer Präsident Kim Dae-jung zu Gast an der Freien Universität

Der südkoreanische Staatspräsident zeigt in seiner Rede "Lehren aus der deutschen Wiedervereingung und Fragen der koreanischen Halbinsel” im Audimax der Freien Universität Berlin seine künftige Politik gegenüber Nordkorea auf.

Staatspräsident Kim Dae-jung und Universitätspräsident Peter Gaehtgens
Staatspräsident Kim Dae-jung erhält als Anerkennung für seinen Einsatz für Demokratie und Gerechtigkeit die Ehrenmedaille der Freien Universität Berlin, überreicht vom Universitätspräsidenten Peter Gaehtgens.
Foto: Dahl

Der Beifall des bis auf den letzten Platz gefüllten Auditoriums kam spontan. Als der Prädident von Südkorea, Kim Dae-jung, begleitet von Universitätspräsident Prof. Dr. Peter Gaehtgens, das Audimax betrat, erhob sich das Publikum von seinen Plätzen, um dem ehemals bekanntesten Dissidenten Südkoreas seine Symphatie zu bekunden. Damit zollte das Publikum einem Mann Respekt, der Zeit seines Lebens gegen Unfreiheit und Diktatur in Korea gekämpft hat: Unter der koreanischen Militärdiktatur verbrachte Kim 16 Jahre in Haft, Hausarrest oder Exil. 1973 ließ ihn der damalige Diktatur Park Chung Hee in Japan kidnappen. Sein Nachfolger Chung Doo Hwan verurteilte Kim wegen Umsturzabsichten zum Tode. Nur auf Druck der internationalen Gemeinschaft veränderte das Regime in Seoul die Todesstrafe in Jahre lange Haft.

Besonders deutsche Politiker wie Willy Brandt und Richard von Weizsäcker hätten ihm während seiner schwierigen Zeit als Oppositionspolitiker "mit Rat und Tat zur Seite gestanden, als wäre es ihr eigenes Anliegen”, betonte Kim in seiner einzigen politischen Rede während seiner Deutschlandreise, die er an der Freien Universität hielt. Schon der Titel seiner Rede "Lehren aus der deutschen Wiedervereingung und Fragen der koreanischen Halbinsel” deutet auf die enge - von Südkoreanern oft als besondere - "Schicksalsgemeinschaft” empfundene Gemeinsamkeit Koreas und Deutschlands hin.

Rede mit hoher symbolischer Bedeutung

"Die Tatsache, dass Kim Dae-jung als erstes ausländisches Staatsoberhaupt in Deutschland im Jahr 2000 in Berlin an der Freien Universität über seine künftige Politik gegenüber Nordkorea spricht, hat eine hohe symbolische Bedeutung”, erzählt Werner Pfennig, der sich im Institut für Internationale Politik und Regionalstudien seit Jahren mit Korea beschäftigt. Berlin sei neben Genf, Stockholm, Helsinki und Wien der einzige Ort, wo das kommunistische Nordkorea eine Vertretung habe. Eindringlich appellierte Kim in seiner Ansprache, dass es an der Zeit sei, die Phase des Kalten Krieges auf der koreanischen Halbinsel zu überwinden, um zu einer friedlichen Koexistenz zu kommen. Kim Dae-jung wiederholte dabei noch einmal nachdrücklich, was in seinem Buch, "Die dreistufige Wiedervereinigungspolitik für die koreanische Halbinsel” 1995 nachzulesen ist: Friedliche Koexistenz statt sofortiger Wiedervereinigung sei sein vorrangiges Ziel. Erstmals hatte der südkoreanische Präsident Nordkorea seine "Berliner Deklaration” zuvor als Note zukommen lassen. "Wir wollen keinen Krieg mit Nordkorea” versicherte Kim im Zuge seiner Sonnenscheinpolitik und versprach dem von Hungersnöten und Armut geplagten Norden wirtschaftlich zu helfen. Es sei dringend notwendig, die Rahmenbedingungen für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zu schaffen, um Strassen, Häfen und Schienen zu bauen, das Land mit Strom und Telekommunikation zu versorgen.

Dabei kann Kim Dae-jung auf eine erste Erfolgsbilanz zurückblicken. Seit er 1998 an die Regierung kam, hat sich der Austausch zwischen den verfeindeten Staaten deutlich verbessert: 180.000 Südkoreaner haben als Touristen das Kumgang-Gebirge in Nordkorea besucht, über hundert südkoreanische mittelständische Betriebe arbeiten mit dem Norden zusammen. An der Westküste Nordkoreas sind Industrieparks mit Bau- und Autofirmen geplant. Innenpolitisch steht Kim jedoch vor größeren Schwierigkeiten als in der Wirtschaftspolitik. Am 13. April sind Parlamentswahlen, bei denen es noch offen ist, ob Kims neue Partei "Demokratische Milleniums Partei” allein regieren kann.

"Kim Dae-jung hat seine Ziele während seines ganzen Lebens strikt verfolgt”, erzählt Pfennig. Nach den mehrfachen Mordversuchen und der viermaligen Niederlage bei der Präsidentenwahl sei Kim inzwischen davon überzeugt, dass nur Gottes Wille ihn soweit habe kommen lassen, erzählt Pfennig.

Würdigung des Einsatzes für Demokratie und Gerechtigkeit

Auf Grund seines eindrucksvollen Einsatzes für Demokratie und Gerechtigkeit verlieh Präsident Gaehtgens dem koreanischen Staatspräsident im Anschluss an seine Rede die Ehrenmedaille der Freien Universität. "Wir empfinden ihren Besuch als ein besonderes Zeichen, weil auch ihre persönliche Biographie als Mensch und Politiker durch das Bekenntnis zu den elementaren Grundwerten einer demokratischen, liberalen Gesellschaft bestimmt wird, das auch die Biographie dieser Universität seit ihrer Gründung geprägt hat”, sagte Gaehtgens, bevor er den ersten koreanischen Studenten der Freien Universität auf das Podium bat: Prof. Park Sung-jo, 1960 an der Freien Universität immatrikuliert, ist heute Professor für Politik und Japanologie.

Die Berliner Vierpunkte Erklärung

  1. Die Republik Korea ist bereit, Nordkorea bei dem Überwinden seiner wirtschaftlichen Probleme zu helfen.
  2. Ziel der Republik Korea ist die Beendigung des Kalten Krieges und die Sicherung des Friedens auf der koreanischen Halbinsel
  3. Nordkorea muss bei der Lösung des Problems der geteilten Familien helfen.
  4. Nordkorea wird aufgefordert, den Austausch zwischen Sondergesandten beider Länder zu zulassen.
Von Felicitas von Aretin