„Gegenwind bin ich gewöhnt“

Mit 84 aktiv in der Lehre: Der emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre Klaus Peter Kisker feiert am 16. November Geburtstag

16.11.2016

Niemals aus dem Blick verloren: Karl Marx, Klaus Peter Kiskers Forschungsobjet. Das Bild hängt in seinem Arbeitszimmer in der Boltzmannstraße 20.
Niemals aus dem Blick verloren: Karl Marx, Klaus Peter Kiskers Forschungsobjet. Das Bild hängt in seinem Arbeitszimmer in der Boltzmannstraße 20. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

„Zu unser aller Leid kann Geld als Zahlungsmittel nur funktionieren, wenn es knapp ist“, sagt Klaus Peter Kisker. Dann wendet er sich an die andere Seite des Hörsaals: „Aber Geld hat überhaupt erst endogen verursachte Wirtschaftskrisen möglich gemacht, die seit 1820 regelmäßig aufgetreten sind.“ Es ist Anfang November, Mittagszeit auf dem Dahlemer Campus. Knapp 40 Studierende sitzen in der Vorlesung „Marx Reloaded“. Es geht um Grundlagenwissen zu Karl Marx, dem berühmten Theoretiker und Kritiker des Kapitalismus. Hier, im Hörsaal 106 am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität, referieren Studierende über Marx‘ Verständnis von Waren und Geld. Ihrem Professor, Klaus Peter Kisker, der an diesem Donnerstag 84 Jahre alt wird, wird das auch nach Jahrzehnten nicht langweilig: „Weil es bei Marx immer wieder Neues zu entdecken gibt.“

60 Jahre ist es her, dass Klaus Peter Kisker sich an der Freien Universität immatrikuliert hat. Der damals 24-Jährige hatte gerade eine kaufmännische Lehre in Hannover abgeschlossen. „Ich wollte immer nach Berlin. Die Kultur, die Politik – alles an dieser Stadt hat mich angezogen“, sagt Kisker heute. Sein Vordiplom der Volkswirtschaftslehre schließt er mit Bestnote ab. Das motiviert den eigentlich mit seinem Studium Zaudernden, weiterzustudieren. 1963 promoviert er an der Freien Universität. Das Thema seiner Arbeit ist bis heute ein politischer Dauerbrenner: die Erbschaftssteuer als Mittel der Vermögensredistribution.

Theoriesuche in den USA

Nach seiner Promotion zieht es Klaus Peter Kisker in die Vereinigten Staaten. Mit seiner Frau, den beiden Kindern und einem Stipendium in der Tasche geht der junge Wissenschaftler für zwei Jahre an die renommierte Harvard University in Cambridge. „Ich hatte einen gewissen Frust über die herrschende Lehre in Deutschland entwickelt. Wie konnte es sein, dass die Theorie der Volkswirtschaft so wenig erklären konnte, welche volkswirtschaftlichen Prozesse sich im echten Leben abspielten? Ich dachte, dass ich in den USA an der Uni vielleicht auf eine Antwort stoßen würde“, sagt Kisker rückblickend. Was er vorfand, war zunächst aber etwas anderes: In den USA sah er „zum ersten Mal den Unterschied zwischen wirklich arm, und wirklich reich“.

Rückkehr in unruhigen Zeiten

Dass eine wohlhabende Nation wie Amerika es nicht schafft, für ihre Ärmsten zu sorgen, dass Bessergestellte in mit stacheldrahtzaungesicherten Wohngebieten und die Vernachlässigten in Ghettos leben, hat Kisker nachhaltig beeindruckt. An der Harvard University kommt er auch zum ersten Mal mit Marx‘ Theorien in Kontakt – und trägt die Lehre des bekannten Philosophen und Ökonomen schließlich nach Dahlem. Dorthin kehrt er 1967 zurück.

1971 habilitiert Kisker sich an der Freien Universität und übernimmt eine Professur am damaligen Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte. Die Studentenbewegung ist an der Freien Universität aktiv, und Kiskers Seminare über Karl Marx‘ Theorien sind sehr gefragt: „Die Vorlesungen fanden im größten Hörsaal der Wirtschaftswissenschaft statt und waren immer mit 300 bis 400 Studentinnen und Studenten gefüllt.“ Bei seinen Kollegen sei seine Lehre „auf krasse Ablehnung“ gestoßen, sagt der Wissenschaftler, gerade in den hochpolitischen Zeiten an Deutschlands Universitäten Ende der 1960er Jahre. „Ich bin Gegenwind gewöhnt“, sagt er heute dazu gelassen.

Marx-Flaute in den neunziger Jahren

Seither sind seine Seminare bei den Studierenden beliebt. Nur Anfang der 1990er Jahre habe es eine „Marx-Flaute“ gegeben: Der Fall des Eisernen Vorhangs schien das Versagen des Sozialismus‘ zu beweisen. „Dabei hatte ich immer den Eindruck, dass die im Ostblock einen anderen Marx gelesen haben“, sagt Kisker heute. „Dort sind die Ideen von Marx pervertiert worden. Was dort fälschlich als Sozialismus bezeichnet wurde, ist zu Recht untergegangen.“ Dass Theorien, ganz gleich, welchem klugen oder weniger klugen Kopf sie entsprungen sein mögen, zu hinterfragen sind, lehrt Kisker seine Studierenden auch heute.