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An der Schnittstelle zwischen Kulturen

Die japanische Germanistin Naomi Miyatani ist Alexander-von-Humboldt-Forschungsstipendiatin an der Freien Universität und übersetzt Herders Sprachursprungstheorie in ihre Muttersprache

12.07.2016

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Das Original in der Staatsbibliothek: Herders Schrift ist aufschlussreich, aber nicht leicht zu lesen. Bildquelle: Naomi Miyatani
Miyatani
Naomi Miyatani in ihrem Büro an der Freien Universität Bildquelle: Jonas Huggins

Wie wird aus Schweigen Sprache? In seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprache entwickelte der deutsche Dichter, Übersetzer und Philosoph Johann Gottfried Herder 1772 eine Theorie, die maßgeblichen Einfluss auf die deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft hatte. Die Übertragungen des Traktats ins Japanische sind inzwischen mehr als 40 Jahre alt. Naomi Miyatani, promovierte Germanistin aus Tokyo und derzeit mit einem Alexander-von-Humboldt-Forschungsstipendium an der Freien Universität, arbeitet an einer neuen Übersetzung – und berücksichtigt dabei auch die Länge von Herders Gedankenstrichen.

„Seine besonnen sich übende Seele sucht ein Merkmal“ – so beschreibt Johann Gottfried Herder das Ringen des Menschen nach Sprache. Der Schriftsteller und Sprachphilosoph lieferte mit seiner Sprachursprungstheorie einen der wichtigsten Beiträge der deutschen Aufklärung. Die Besonnenheit des Menschen sei es, die ihn Dinge aufgrund von Merkmalen wiedererkennen lasse. Aus Merkmalen werden Merkwörter, aus Wörtern schließlich Sprache.

Naomi Miyatani überträgt Herders Abhandlung ins Japanische. Dabei ist es ihr wichtig, möglichst eng am Originaltext zu arbeiten. Eine maschinelle Abschrift des Textes ist zwar im Internet frei zugänglich, die Wissenschaftlerin arbeitet aber mit den originalen Niederschriften Herders, die sie in der Staatsbibliothek zu Berlin einsehen kann. In den Originalen sind viele Informationen enthalten, die durch die Abschrift verloren gegangen sind ¬– von der Größe der Schrift bis zur Länge von Gedankenstrichen.

„Herders Handschrift zu entziffern, war, wie ein Instrument zu lernen“, sagt Naomi Miyatani. Viele Buchstaben ließen sich nur sehr schwer voneinander unterscheiden. Es mache aber Spaß, sich damit auseinanderzusetzen. Durch ihre Archivbesuche kann die Germanistin den Schaffensprozess des Philosophen besser nachvollziehen. Dreimal hat Herder die Abhandlung zu Papier gebracht. „Bei der ersten Niederschrift hat er sehr wild und leidenschaftlich geschrieben“, erzählt Naomi Miyatani, „bei der dritten dagegen hat er Sätze, die er betonen wollte, in Ruhe unterstrichen.“

Bereits als Studentin in Berlin

Die Faszination für die deutsche Sprache ist bei Naomi Miyatani über Umwege gewachsen. Sie hatte zunächst Theologie studiert. Ihr Fokus auf das Neue Testament machte es notwendig, Griechisch und Hebräisch und wegen der Luther-Übersetzung auch Deutsch zu lernen – eine Aufgabe, die ihr nicht leichtgefallen ist. Doch schließlich begeisterte die Sprache sie so sehr, dass sie nach ihrem Theologie-Abschluss ein Zweitstudium in Germanistik begann und es bis zur Promotion gebracht hat. Für ihre Publikationen zum historischen Wissensdiskurs über die Evolution der Sprache wurde sie mittlerweile mehrfach ausgezeichnet.

Die Japanerin ist nicht das erste Mal in Berlin. Um das in Fernost erlernte Deutsch einmal anzuwenden, war sie bereits als junge Studentin nach Deutschland gereist, wenige Monate vor dem Mauerfall. Ganz auf sich allein gestellt, fiel es ihr damals schwer, sich zurechtzufinden. „Das war eine zu mutige Reise“, urteilt sie heute.

Viel habe sich seitdem verändert. „Damals habe ich nur gesehen, wie dunkel es hinter der Berliner Mauer war“, erzählt sie. Die Stadt sei heute kaum wiederzuerkennen, sei lebendig und international geworden. „Ich fahre gerne mit der U-Bahn zum Potsdamer Platz, sehe den Streifen, der die ehemalige Mauer markiert, und laufe darauf hin und her – das war früher ja nicht vorstellbar.“

Eine gute Umgebung

Als japanische Germanistin an einem deutschen Institut für Japanologie sieht sich Naomi Miyatani an einer Schnittstelle zwischen den Kulturen – ein guter Ort, um an einer Übersetzung zu arbeiten, wie sie findet. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Dahlem stärken ihr bei der Übersetzungsarbeit den Rücken. Schließlich entsteht hier auch ein großes Japanisch-Deutsches Wörterbuch, ein Mammut-Projekt. Noch bis Anfang August bleibt die Germanistin in Berlin. Danach setzt sie ihr Forschungsjahr an der Universität Konstanz fort, Ende März kommenden Jahres kehrt sie nach Tokyo zurück. Dort gibt sie Deutschunterricht an einer Musikhochschule.

Naomi Miyatani hat sich drei wissenschaftliche Ziele gesteckt. „Drei Dinge möchte ich in meinem Leben unbedingt gemacht haben“, sagt sie. Das erste ist die Herder-Übersetzung, an der sie im Moment arbeitet. Diese soll als Taschenbuch und ohne viele Fußnoten erscheinen, um die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Als zweites möchte sie eine Monographie über das Schweigen in der Sprache schreiben, die sich an ein wissenschaftliches Publikum richtet.

Das dritte Ziel der Germanistin ist eine weitere Übersetzung – diesmal der Texte von Herders Lehrer Johann Georg Hamann. Keine leichte Aufgabe: „Hamann gilt als einer der schwierigsten deutschsprachigen Autoren“, erklärt Naomi Miyatani. „Man sagt, sein Schreibstil sei sehr dunkel. Häufig ist unklar, ob er etwas ironisch meint oder nicht. In die Tiefe seiner Gedanken einzutauchen, ist faszinierend.“