„Was macht Europa eigentlich aus?“

29. April, 18 Uhr: Von Ovid bis Hans Blumenberg: Melanie Möller, Professorin für Klassische Philologie, hält ihre Antrittsvorlesung an der Freien Universität

27.04.2016

Die Altphilologin Melanie Möller ist im vergangenen Jahr von der Universität Heidelberg an die Freie Universität gewechselt.
Die Altphilologin Melanie Möller ist im vergangenen Jahr von der Universität Heidelberg an die Freie Universität gewechselt. Bildquelle: Freie Universität Berlin

Seit August vergangenen Jahres forscht und lehrt Melanie Möller an der Freien Universität. Die Professorin für Klassische Philologie mit dem Schwerpunkt Latinistik hat viel vor. So konzipiert sie beispielsweise eine große Veranstaltungsreihe zum 2000. Todesjahr des römischen Dichters Ovid und plant die Gründung eines Zentrums für antike Rhetorik. Dabei geht es Melanie Möller immer darum herauszufinden, was uns antike Texte heute sagen.

„Videri forma potest hominis“ – das Zitat aus Ovids Metamorphosen, mit dem Melanie Möller ihre Antrittsvorlesung überschreibt, bedeutet so viel wie: „Man kann die Gestalt eines Menschen erkennen“. Doch die Latinistin sagt selbst, dass der Satz fast unübersetzbar sei. Er beschreibe bewusst vage die Schöpfung des Menschen – ein Thema, das Melanie Möller „in Zeiten, in denen der Mensch medizinisch reproduzierbar“ ist, für besonders aktuell hält.

Antike Texte zu lesen, ist für die junge Professorin kein Selbstzweck. „Ich vertrete eine komparatistische Latinistik, die immer die Rezeption der Texte im Blick hat“, sagt sie. Dass die Antike auch für die Gegenwart eine Rolle spielt, zeigten die aktuellen Debatten um die Krisen der europäischen Union. In ihnen tauchten viele Fragen auf: Was macht Europa eigentlich aus? Wo sind die viel beschworenen europäischen Wurzeln? „In den politischen Debatten geht es zwar häufig um ökonomische und territoriale Interessen“, sagt Melanie Möller. „Es geht aber auch darum, ob es so etwas wie eine geistige und kulturelle Gemeinschaft gibt.“

Bimillennium: Zwei Jahrtausende Ovid-Rezeption

Wenn es eine solche Gemeinschaft gibt, dann gehören antike Klassiker wie Ovid zu ihren wichtigen Stützpfeilern. Anlässlich seines 2000. Todesjahres im kommenden Jahr plant Melanie Möller eine Vielzahl an Veranstaltungen, die der Breite von Ovids Schaffen gerecht werden sollen: So soll im Rahmen einer Podiumsdiskussion über die Bedeutung der Metamorphosen für die europäische Fantasie diskutiert werden. Eine Ringvorlesung will sich Ovid aus einer Genderperspektive nähern und sich mit der Rolle der Frau in seinem Werk beschäftigen – ein Themenbereich, der sich nicht nur bei Ovids Liebesdichtung aufdrängt. Bei einem Ovid-Forum werden Künstler im Botanischen Garten schließlich Passagen aus den Metamorphosen lesen und so den Dichter lebendig werden lassen.

Eines sei charakteristisch für ihn, sagt Melanie Möller: „Ovid ist wie Proteus in der griechischen Mythologie: Immer wenn man denkt, man hat ihn gefangen, gelingt es ihm, sich dem Griff zu entwinden, und schon ist er wieder entschlüpft.“

Das Bewusstsein für Sprache schärfen

Die lateinischen und griechischen Texte bereicherten aber nicht nur die Debatten über Europa – die antike Kunst der Rhetorik schule auch den genauen Umgang mit Sprache, sagt Melanie Möller. „In Hausarbeiten und in Diskussionen ist mir aufgefallen, dass es hier bei den Studierenden ein Defizit gibt“, sagt sie. Deshalb plant sie, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, ein Zentrum für antike Rhetorik aufzubauen. Dort sollen Studierende der Literatur- Kunst- und Altertumswissenschaften, aber auch der Betriebswirtschaftslehre sowie der Rechtswissenschaften etwas über die Bedeutung rhetorischer Figuren erfahren können. Es sei für alle Disziplinen wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, was beispielsweise eine Metapher ist. „Man kann es pedantisch finden, sich am allgegenwärtigen Schlendrian im Ausdruck zu stören, der im Internet besonders verbreitet ist. Aber sprachliche Ungenauigkeit führt auch zu vielen Missverständnissen“, sagt Melanie Möller.

Gern bricht die Latinistin eine Lanze für den Lateinunterricht in der Schule. Es gebe zwar Studien, die bestritten, dass Latein das Erlernen anderer Sprachen erleichtere. Im Grunde sei aber der Lerntyp entscheidend. Manche Menschen lernten Sprachen anhand von Grammatik und Rhetorik. Ihnen helfe Latein nicht nur beim Erwerb romanischer Sprachen, sondern trage auch zur Schärfung des Bewusstseins für den allgemeinen Umgang mit Sprache bei.

Weitere Informationen

videri forma potest hominis (Ovid, Met. 1, 404f.) – MENSCHENSCHÖPFUNG IM SCHATTEN DES PROMETHEUS

Antrittsvorlesung von Professorin Melanie Möller

Zeit und Ort

  • 29. April 2016, 18.00
  • Freie Universität Berlin, Habelschwerdter Allee 45 (KL 32/123), 14195 Berlin (U-Bhf. Thielplatz, U 3)

Interessierte sind herzlich eingeladen! Im Anschluss an den Vortrag findet die Semestereröffnungsfeier des Instituts für Griechische und Lateinische Philologie statt.