Immer weiter denken

Der Mathematiker Karim Adiprasito, Alumnus der Freien Universität, ist mit einem von drei Europäischen Kombinatorikpreisen ausgezeichnet worden

12.11.2015

Der 27-jährige Karim Adiprasito ist heute Mathematikprofessor an der Hebräischen Universität in Jerusalem.
Der 27-jährige Karim Adiprasito ist heute Mathematikprofessor an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Bildquelle: Eurocomb 2015

Hochbegabt, das ist sicher das erste, was einem zu Karim Adiprasito einfällt. Mit zwölf Jahren entdeckte er auf dem Dachboden seiner Eltern ein Mathematik-Buch, las sich in weitere Bücher ein und tat damit die ersten Schritte auf seinem außergewöhnlichen Weg. Als Zehntklässler begann er sein Mathematik-Studium und absolvierte fast alle notwendigen Vorlesungen bereits als Schüler. 2010 schloss er sein Studium ab, damals war er 22 Jahre alt. Auslandsaufenthalte und eine Promotion an der Freien Universität Berlin folgten. Heute, mit 27 Jahren, ist Karim Adiprasito Professor an der Hebrew University in Jerusalem, mit der die Freie Universität durch eine strategische Partnerschaft verbunden ist.

Adiprasito hat alles in so kurzer Zeit geschafft, dass man ihn einfach fragen muss, ob es eine besondere Begabung sei, die ihn vorwärtstrage? „Ich kann mir vorstellen, dass manchen Leuten Mathematik mehr liegt und anderen weniger, und dass es da auch Talente gibt“, antwortet er. „Aber das meiste ist Motivation.“ Motivation und ein sehr klar definiertes Erkenntnisinteresse, das ihn schon als Schüler ausgezeichnet haben muss. In der Schule habe er Mathematik nicht gemocht, gesteht Adiprasito. Ihm sei alles sehr rechenlastig und unkreativ vorgekommen: „Ich habe meinen damaligen Mathelehrer frustriert, weil ich eigene Methoden entwickelt habe, die nicht im Unterricht vorkamen.“

Mathematik als Kunst

Bis heute zeichnen Kreativität und Intuition seine Lösungen kombinatorischer Probleme aus. Er selbst vergleicht mathematische Forschung mit künstlerischem Schaffen. Wie ein Künstler entwickele ein Mathematiker etwas radikal Neues – nur sei er dabei weniger an Visuelles gebunden. „In der Mathematik geht man darüber hinaus. Und das ist es eigentlich, was mir so einen Spaß macht: Sachen, die man nicht einmal mehr anfassen kann.“ Dabei müsse er aufpassen, nicht völlig zu abstrahieren: „Irgendwo möchte man das ja auch benutzen können“.

Suche nach dem effizientesten Weg

Grundsätzlich sei die Kombinatorik einfach zu erklären, findet Adiprasito. Sein Gebiet könne man sich ähnlich vorstellen wie das Zeichnen von Punkten und Linien auf einem Papier: Es entstehen unterschiedliche Muster. Statt auszuprobieren, welche und wie viele Strukturen es gibt, suchen die Mathematiker den effizientesten Weg zur Lösung. „Im Moment interessiere ich mich dafür, wie man diese Strukturen verallgemeinert. Welche Regeln man einhalten muss, wenn man nicht mehr in der Ebene zeichnen will, sondern nur noch abstrakt.“

Mathematisches Problem aus dem 18. Jahrhundert gelöst

Adiprasito versucht, Methoden anderer Disziplinen für die Kombinatorik zu nutzen. So löst er Probleme, an denen sich Generationen von Mathematikern die Zähne ausgebissen haben. Zum Beispiel in seiner Dissertation, die er vor zweieinhalb Jahren an der Freien Universität im Rahmen des Graduiertenkollegs „Methoden für diskrete Strukturen“ bei Professor Günter Ziegler geschrieben hat. Durch außergewöhnliche Konstruktionen für 69-dimensionale Polyeder löste er ein geometrisches Problem, das bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. „Das war eine schöne neue Idee“, sagt Adiprasito, „Wir haben einen ersten Schritt versucht, den andere noch nicht gemacht hatten, und das hat funktioniert. Das war so cool und hat uns so selbstbewusst gemacht, auch den Rest zu lösen.“

„Würde mich immer wieder für die Freie Universität entscheiden"

Wenn der Wissenschaftler von seiner Forschung erzählt, formuliert er stets ein „Wir“. Mathematik sei Teamsport. Ohne Sparringpartner zum Erproben der Methoden funktioniere es nicht, sagt Adiprasito: „An der Freien Universität war ich von den richtigen Leute umgeben.“ Deswegen sei er auch nicht wie andere Mathematiker für seine Promotion in die USA gegangen. „Wer sich in die USA bewirbt, weiß oft noch nicht genau, in welchen Bereich er will. Ich wusste, was ich will, und in Berlin ist dieses Gebiet einfach großartig vertreten. Ich bin froh, dass ich mich für die Freie Universität entschieden habe und würde das auch wieder tun.“

Am Ende stand ein „summa cum laude“ unter seiner Dissertation, die im vergangenen Dezember mit dem Ernst-Reuter-Preis, dem Promotionspreis der Freien Universität, ausgezeichnet wurde. Besonders stolz ist Adiprasito darauf, dass die Arbeit auch in den „Inventiones Mathematicae“ publiziert wurde, eine der renommiertesten Mathematik-Zeitschriften.

In Gedanken schon beim nächsten mathematischen Problem

Über den Europäischen Kombinatorikpreis, mit dem alle zwei Jahre herausragende Beiträge europäischer Nachwuchswissenschaftler gewürdigt werden und der mit 2.500 Euro dotiert ist, freut sich Adiprasito natürlich. Die Jury würdigte mit der kürzlich verliehenen Auszeichnung Adiprasitos außergewöhnliche Beiträge zur diskreten Mathematik: „Es ist ein großes Glück, schon als junger Mensch so viel Anerkennung von Fachkollegen zu bekommen", sagt er.

Doch in Gedanken ist er schon bei den nächsten Aufgaben: „Man ist nie lange zufrieden mit seiner Arbeit. Das geht den meisten Mathematikern so, und das ist ein Problem des kreativen Denkens. Sobald man die entscheidenden Ideen hatte, ist es offensichtlich und damit eigentlich alt. Dann möchte man etwas Neues machen.“