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Literatur aus globaler Perspektive betrachten

Die Germanistin Chunjie Zhang von der UC Davis forscht am Dahlem Humanties Center der Freien Universität / Öffentliche Tagung am 9. und 10. Juli

08.07.2015

Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Chunjie Zhang forscht für ein Jahr am Dahlem Humanities Center (DHC) der Freien Universität Berlin.
Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Chunjie Zhang forscht für ein Jahr am Dahlem Humanities Center (DHC) der Freien Universität Berlin. Bildquelle: University of California, Davis

„Woher kommen Sie?“ Als Chunjie Zhang, gebürtige Pekingerin, vor 16 Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam, hatte sie kein Problem, die Frage zu beantworten. Aber heute, nachdem sie nun in Deutschland und vor allem in den USA gelebt und geforscht hat, fällt die Antwort der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin auf diese Frage differenzierter aus. „Die Menschen auf ihre nationale Herkunft zu reduzieren, wird der transkulturellen Realität nicht gerecht“, sagt sie. Denn die Begegnung und Erfahrung mit unterschiedlichen Kulturkreisen präge Menschen in ihrer Identität. Wer im Fremden etwas von sich erkenne, könne alte Denkmuster überwinden, anders wahrnehmen und kommunizieren. Transkulturalität ist das Lebens- und Forschungsthema von Chunjie Zhang, Assistant Professor an der University of California in Davis, die für ein Jahr als Gastwissenschaftlerin und Stipendiatin der Volkswagen-Stiftung und der Andrew W. Mellon Foundation als Fellow am Dahlem Humanities Center (DHC) der Freien Universität Berlin forscht.

„Die Interaktion von Kulturen begann nicht erst mit der Globalisierung in unserer jüngsten Geschichte“, sagt Chunjie Zhang. Wie sie in ihren Publikationen zeigt, hatte sich bereits um 1800 in Europa ein starkes Bewusstsein für Einflüsse aus anderen Ländern entwickelt. „Ich finde es wichtig, dieses historische Moment im Zeitalter der Aufklärung hervorzuheben“, sagt sie, „und zu zeigen, wie vielfältig der Diskurs im deutschsprachigen Raum damals war, tolerant und rezeptiv.“ Für Immanuel Kant und Johann Gottfried Herder seien nichteuropäische Kulturen von großer Bedeutung gewesen.

Während die Entstehung der deutschen Nationalliteratur und des Nationalbewusstseins im Zeitalter der Aufklärung in der Literatur- und Kulturgeschichtsschreibung dominiert, versucht Zhang, das Zusammenspiel von Historismus, Eurozentrismus und Kosmopolitismus aus der Perspektive der Transkulturalität darzustellen. „Außereuropäische Kulturen waren stets ein wichtiger Bestandteil der deutschsprachigen Kultur und bilden ein wichtiges Pendant zur Nationalbewegung des 18. Jahrhunderts“, sagt Zhang. „Die Geschichte der Nationalliteratur ist auch eine Geschichte der Transkulturalität.“

Dialog auch mit Schriftstellern suchen

Das Interesse an Austauschbeziehungen zwischen Kulturen führt Zhang zu einem neuen Forschungsprojekt „Global Approaches in European and Chinese Modernisms“, zu dem sie vom 9. bis 10. Juli eine Tagung organisiert. Sinologen, Germanisten, Komparatisten, Wissenschaftshistoriker und Medienwissenschaftler aus Deutschland, der Schweiz, England, China und den USA diskutieren, inwiefern sich unterschiedliche Vorstellungen von Internationalismus und Kosmopolitismus prägend auf kulturelle Identität, Politik und Wissenschaft auswirken und miteinander konkurrieren. Zudem sollen die Vielfalt der globalen Visionen und unterschiedlichen Vorstellungen von der Moderne in China und Europa hervorgehoben werden.

Ziel der Tagung ist es, die gemeinhin übliche Kontrastierung zwischen lokalen und globalen Phänomenen zu hinterfragen. Auch ein Schriftsteller ist dabei, Thomas Meinecke, der in seinen Romanen mit dem Thema kultureller Identität spielt. „Literatur ist bei uns oft nur Untersuchungsgegenstand - ich möchte die wissenschaftliche Diskussion und den künstlerischen Schaffensprozess ins Gespräch bringen“, sagt Chunjie Zhang.

Ein anregendes internationales Forschungsumfeld

Das Stipendienprogramm der VW-Stiftung und der Mellon Foundation ermöglicht Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus den USA und Deutschland jeweils an einer Hochschule im anderen Land zu forschen. Damit sollen nicht nur die transatlantischen Wissenschaftsbeziehungen gestärkt, sondern auch die Internationalisierung der Geisteswissenschaften gefördert werden – denn auf diese Weise entstehen globalgeschichtliche Ansätze wie der Chunjie Zhangs. Die Freie Universität ist mit ihren forschungsstarken Geisteswissenschaften für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA in diesem Programm ein sehr beliebtes Ziel: Ein Drittel der Stipendiaten, die durch das Programm in den letzten Jahren Deutschland besuchten, forschten an der Freien Universität, viele am Dahlem Humanities Center.

Nachdem die Germanistin die Wissenschaftskulturen in China, Deutschland und den USA kennengelernt hat, findet sie ein internationales, transkulturelles, akademisches Umfeld, wie sie es etwa an der Duke University während ihrer Promotion erlebt hat und wie es auch am DHC vorhanden ist, ungemein inspirierend. Nicht nur weil sie nicht mehr auf „das Chinesische“ festgelegt wird, sondern die Transkulturalität auch gebührend anerkannt und diese Anerkennung in die Praxis umgesetzt wird.

Weitere Informationen

Interdisziplinäre Konferenz: „Global Approaches in European and Chinese Modernisms“

  • Donnerstag, 9. Juli und Freitag, 10. Juli 2015
  • Seminarzentrum der Freien Universität Berlin, Raum L 115, Otto-von-Simson-Str. 26, 14195 Berlin, U-Bhf. Dahlem-Dorf oder Thielplatz (U3)
  • Programm und weitere Informationen