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Philipp Möller hat an der Freien Universität Erziehungswissenschaft studiert und ist heute Bestseller-Autor

16.07.2013

„Isch geh Schulhof“: Philipp Möllers Buch über den Alltag im Bildungssystem verkaufte sich mehr als 200 000-fach. Der Diplom-Pädagoge ist Alumnus der Freien Universität.
„Isch geh Schulhof“: Philipp Möllers Buch über den Alltag im Bildungssystem verkaufte sich mehr als 200 000-fach. Der Diplom-Pädagoge ist Alumnus der Freien Universität. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Philipp Möller hat offenbar den Nerv der Zeit getroffen: Seit Monaten steht der Pädagoge mit seinem Buch „Isch geh Schulhof“ in den Bestsellerlisten. Darin schildert er seine skurrilen wie schockierenden Erfahrungen als Vertretungslehrer an Berliner Grundschulen. Doch nicht nur am Bildungssystem hat Möller etwas auszusetzen: Als Gast in Talkshows argumentiert er etwa gegen die deutsche „Kirchenrepublik“ und in seinem nächsten Buch soll es verschiedenen Arten von „Freaks“ an den Kragen gehen – rein verbal natürlich. Sein Denken und Handeln sei stark durch Theorien aus seinem Studium an der Freien Universität beeinflusst worden, sagt er.

„Es gab Schüler, die mich beleidigten, die sich mit mir prügeln wollten, die sich und mich bespuckten, sich teilweise die heftigsten Verletzungen zufügten, die explodierten vor Aggression.“ Philipp Möller gerät selbst ein wenig in Rage, wenn er von seinen Erlebnissen als Vertretungslehrer an Berliner Schulen berichtet. Die Situationen aus den Klassenzimmern lieferten ihm Stoff für sein erstes Buch und führten ihn gleichzeitig zu dem Schluss, dass sich in unserem Bildungssystem einiges ändern müsste, etwa um sozial benachteiligte Schüler besser zu fördern.

„Der Mensch sucht sich nämlich nicht aus, mit welchen Eigenschaften er in welchem Milieu zur Welt kommt“, sagt er. Fragen zur Sozialisation haben Philipp Möller im erziehungswissenschaftlichen Studium „brennend“ interessiert, wie er sagt. Bis dahin war er – vor dem Start an der Uni sogar drei Jahre lang – bekennend beruflich eher orientierungslos.

Der Wunsch, nicht Lehrer zu werden

„Ich stamme aus einer Art Pädagogendynastie, habe mich aber lange geweigert, in die Fußstapfen meiner Eltern zu treten und Lehrer zu werden“, sagt der gebürtige Friedenauer. Die Vorstellung, als Pädagoge bei einem Wirtschaftsunternehmen anzuheuern, habe ihn eher gereizt: An der Freien Universität schrieb sich Philipp Möller deshalb für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung ein. Das Studium mit Themen wie Hirnforschung habe ihm eine naturwissenschaftliche Perspektive auf das Leben vermittelt.

Es gab auch den Anstoß für sein Wirken als Religionskritiker, unter anderem als Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich als "Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung" begreift. Nebenbei arbeitete Möller erst als Assistent und schließlich als Vertretungslehrer an Berliner Grundschulen. Für die Entscheidung, Kinder zu unterrichten, gab es vor allem zwei Gründe: Nach einem Praxissemester in der freien Wirtschaft hatte er den Spaß an der Erwachsenenbildung, verloren. Außerdem war ihm klar geworden, dass man „von Atheismus allein ja nicht leben kann“, wie er sagt.

Vom Schulhof zum Verlagsvertrag

Doch an der Schule kamen harte Zeiten auf Möller zu: Zu einer Art Praxisschock führten die eigene Situation in der Klasse, aber auch überforderte Kollegen sowie Schüler mit mangelnden Deutschkenntnissen oder antisemitischen Ansichten. Das Potenzial in Möllers Alltagsgeschichten erkannte eine Lektorin, die er zufällig traf. Zunächst sei er skeptisch gewesen, was ihre Buchidee anbelangt. Er selbst habe ursprünglich – „vielleicht typisch Humanist“ – eine Art „Katastrophenbuch“ im Sinn gehabt, sagt Möller.

Der Verlag schlug für das Thema aber eine unterhaltsamere Herangehensweise vor, die sich als erfolgreich erwies: Mehr als 200 000-fach verkaufte sich „Isch geh Schulhof“ bislang. An der Fortsetzung schreibt Möller derzeit: Es geht um „Freaks“, wie man sie im Berliner Alltag trifft oder auch ab und an in sich selbst erkennt. Kritik übt er im neuen Buch nach eigenen Angaben vor allem an Menschen, die sich mit ihren Verhaltensweisen in die Belange Dritter einmischen – zum Beispiel Fahrer unnötig schwerer Geländewagen, die gemeinsame Ressourcen verbrauchen.

Familie, Beruf und Passion vereinbaren

Nach einem bislang wenig stromlinienförmigen Werdegang habe er nun mit dem Schreiben ein schlummerndes Talent entdeckt: „Ich werde dieses Jahr 33 und bin in der Situation angelangt, in der sich Familie, Beruf und Passion vereinbaren lassen.“ Auch wenn das vielleicht nicht immer so bleiben werde, lohne es sich, für Selbstbestimmung und Fairness zu kämpfen – Werte, auf die er sich seit dem Studium besinnt. „Ich will den mir möglichen Teil dazu beitragen, die Zustände auf diesem Planeten zu ändern“, sagt er. „Das schaffe ich nicht heute, nicht morgen und vielleicht auch nicht in meiner Lebenszeit. Ich hoffe aber, eine Diskussion loszutreten.“ Beim Zappen durch die Fernsehkanäle scheint es, als sei das zu einigen Themen bereits gelungen.