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Verliebt in Berlin

Die indische Politikwissenschaftlerin Ummu Salma Bava erforscht die Wahrnehmung der Europäischen Union in Indien und China

17.09.2012

„Der Sari ist unser Business-Kostüm“, sagt Professorin Ummu Salma Bava. „Ohne würde ich in Neu-Delhi gar nicht ernst genommen.“
„Der Sari ist unser Business-Kostüm“, sagt Professorin Ummu Salma Bava. „Ohne würde ich in Neu-Delhi gar nicht ernst genommen.“ Bildquelle: Privat

Ob sie denn keine Angst habe, wurde Professorin Ummu Salma Bava gefragt, als die Inderin zu Hause verkündete, in Deutschland ihren Doktor machen zu wollen. Die rechtsextremen Anschläge von Rostock 1992 waren zu dem Zeitpunkt gerade mal zwei Jahre her. Auch indische Medien hatten darüber berichtet. Bava ließ sich aber nicht abbringen und kam für sechs Monate nach Deutschland. Jetzt ist sie wieder hier – und trägt inzwischen das Bundesverdienstkreuz. Zurzeit forscht Ummu Salma Bava im Rahmen des Forschungsprojekts „Asian Perceptions of the EU“ als Gastwissenschaftlerin an der Freien Universität.

In den letzten fast 20 Jahren war Ummu Salma Bava oft in Deutschland, in Heidelberg, Bonn oder Hamburg – am liebsten ist ihr aber immer noch Berlin. „Hier ist es so kosmopolitisch“, sagt sie und blickt zurück: „Ich habe bei den Deutschen sofort eine Warmherzigkeit gespürt, da war eine Verbindung zwischen uns.“ Ihre Mitbewohnerin von damals ist noch heute eine gute Freundin: „Bald feiern wir 20 Jahre Freundschaft.“ Mindestens einmal pro Jahr sehen sie sich, so oft Bava eben in Deutschland ist. Für die beiden Söhne ihrer Freundin ist sie deshalb einfach ihre indische Tante – wenn es nach ihnen ginge, sollte Bava sofort ganz nach Berlin ziehen.

Aber die „Tante“ hat eigene Verpflichtungen. In Neu-Delhi leitet Ummu Salma Bava das European Studies Center an der Jawaharlal Nehru Universität.  „Unser Campus ist wie eine Stadt in der Stadt“, erzählt die 49-Jährige. Fast alle Mitarbeiter und Studierenden wohnen auch dort. Bavas Spezialgebiet ist das Verhältnis zwischen Indien, Deutschland und der EU. Ihr Sachverstand ist in der ganzen Welt geschätzt. So lud sie das französische Außenministerium 2005 als eine der „personalités d’avenir“ (Persönlichkeiten der Zukunft) nach Frankreich ein.

Erste indische Frau mit Bundesverdienstkreuz

Im vergangenen November lag dann ein besonderer Brief in der Post – von der deutschen Botschaft in Neu-Delhi. Der Bundespräsident wolle ihr das Bundesverdienstkreuz verleihen, stand darin, als Anerkennung für ihre Verdienste um die deutsch-indische Partnerschaft. „Ich war völlig geschockt – bisher haben nur etwa zehn Inder das Bundesverdienstkreuz bekommen. Und die waren alle viel älter als ich“, sagt Bava.

Dass sie als Frau in Indien erfolgreich ist, findet Bava nicht ungewöhnlich. Auch wenn sie Muslima ist. „Wie liberal Mädchen erzogen werden, hängt nicht von der Religion ab, sondern von der Familie.“ Und ihre Familie war immer liberal, schon ihre Mutter war Politikwissenschaftlerin. Bildung war den Eltern sehr wichtig. Ihr Motto: „You eat well and you study well.“ Da der Vater in der Armee diente, musste die Familie alle drei bis vier Jahre umziehen. „Ich habe meinen Vater oft monatelang nicht gesehen. In so einer Situation lernt man auch als Mädchen, sich durchzukämpfen“, sagt Bava heute. Auch ihre beiden Schwestern haben studiert. Die jüngere arbeitet heute als Psychotherapeutin in New York. 

Wie Indien und Europa besser zusammenarbeiten können

Zwei Monate bleibt Bava diesmal in Berlin. Ihr Besuch ist dem großen Projekt „Asian Perceptions of the EU“ an der Freien Universität geschuldet, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert. Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Studenten aus Indien, China und Deutschland erforscht seit einem Jahr, wie asiatische Länder die Europäische Union (EU) als politische Akteurin wahrnehmen. Zwar sind Indien und Europa schon seit den 1960er Jahren enge Partner in der Handels- und Wirtschaftspolitik. Aber: „Die EU spricht immer noch nicht mit einer Stimme, es gibt keine einheitliche europäische Außenpolitik“, sagt Bava. „Dadurch ist es für so wichtige aufstrebende Länder wie China oder Indien schwer, die EU als vollwertigen Partner anzuerkennen.“ Das sei aber vor allem bei so globalen Themen wie dem Klimaschutz fatal. Gerade Deutschland trage Bava zufolge Verantwortung: „Alleingänge wie jetzt in der Eurokrise bringen die EU als Ganzes nicht weiter.“ Dank Skype bleiben die Wissenschaftler dauernd in Kontakt. „Heute haben wir um 14 Uhr ein Meeting – in Delhi ist es da gerade 17:30 Uhr, in Peking 20 Uhr.“

Chaotisches Indien

Ende September geht es zurück nach Neu-Delhi. Ein Kultur-Schock. „Dort herrscht ein anderes Tempo“, sagt Bava. „Wer in Delhi etwas vorhat, muss immer zusätzliche Zeit einplanen. Es ist nicht alles so gut organisiert wie in Deutschland.“ Und während die Berliner über die Unzuverlässigkeit der S-Bahn stöhnen, genießt Ummu Salma Bava den tollen öffentlichen Nahverkehr. „Hier sind die Bahnen nicht immer brechend voll wie in Delhi. Und man kommt überall gut hin.“ Sie wird Berlin vermissen, wenn sie Ende September zurück in ihre Heimat fliegen muss. Spätestens im nächsten Jahr aber kommt sie wieder.