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Geschichte jenseits von Grenzen

Anne Kwaschik ist Juniorprofessorin für Westeuropäische Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut und am Frankreich-Zentrum der Freien Universität Berlin

25.10.2010

Juniorprofessorin Anne Kwaschik forscht mit dem Blick über Grenzen
Juniorprofessorin Anne Kwaschik forscht mit dem Blick über Grenzen Bildquelle: Privat

Es sind die möglichen und unmöglichen Grenzüberschreitungen, die Anne Kwaschik in ihrer Arbeit, aber auch in ihrer Biografie prägten. Geboren und aufgewachsen ist die heutige Juniorprofessorin für Westeuropäische Geschichte in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg, zu einer Zeit als Reisefreiheit in der DDR noch Wunschdenken war.

Nach Mauerfall und Abitur lockte die Pastorentochter der Grenzübertritt: ein Praktikum bei der Europäischen Union in Brüssel, dann einige Monate Israel. Dem Studium an der Freien Universität Berlin – Neue Geschichte, Literatur und Philosophie –  folgte wieder der Schritt über die Grenze: diesmal nach Frankreich. „Ich hatte schon in Brüssel ein Faible für die Sprache entwickelt und konnte dies nun mit meinem Dissertationsvorhaben verknüpfen“, erinnert sich Anne Kwaschik.

Jenseits der Grenze forschte die Historikerin über eine Persönlichkeit, die sich intensiv für den transnationalen Dialog und die kulturelle Vermittlung zwischen Deutschland und Frankreich einsetzte: Robert Minder. Anne Kwaschik verknüpft in dieser Studie die Lebensgeschichte des elsässischen Germanisten mit der deutsch-französischen Historiografiegeschichte. Eine Arbeit, für die die Wissenschaftlerin 2007 den Dissertationspreis des Friedrich-Meinecke-Instituts erhielt.

Plädoyer für die transnationale Perspektive

Ebenso wie Minder ist Anne Kwaschik in ihrer Forschungsarbeit eine Grenzgängerin: „Es ist unmöglich, die westeuropäische Geschichte isoliert nach Nationen zu betrachten. Erst eine transnationale Perspektive, die Verknüpfungen, Verbindungen und Brücken zwischen den Staaten aufdeckt, ermöglicht eine vollständige Geschichtsschreibung“, erklärt die Historikerin.

Ein Anspruch, an dem sich auch ihre aktuellen Forschungsprojekte messen. Unter anderem untersucht die Wissenschaftlerin gemeinsam mit Pariser Kolleginnen die Lagererfahrungen und –darstellungen französischer Internierter des Frauen-KZ Ravensbrück. Zudem beschäftigt sich Anne Kwaschik in einem Forschungsvorhaben mit Clemens Heller, dem aus Österreich stammenden amerikanischen Intellektuellen und Mitbegründer des Salzburg-Seminars, dem ersten unabhängigen Wissenschaftskolleg Europas nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Es geht mir dabei vor allem darum, die von US-Stiftungen geförderten Internationalisierungsprozesse in den europäischen Geistes- und Sozialwissenschaften nach 1945 zu analysieren“, erklärt Anne Kwaschik. Wichtig ist der Historikerin auch hier der transnationale und multiperspektivische Blick über Grenzen hinaus: „Clemens Heller war ein kreativer Wissenschaftskosmopolit, der aus Österreich stammend als amerikanischer Staatsbürger nach 1945 von Frankreich aus die europäische Wissenschafts-Landschaft entscheidend geprägt hat.“ So ist auch diese Studie Anne Kwaschiks nicht nur als Beitrag zur Geschichte des Wissens gedacht, sondern darüber hinaus als Vorschlag für eine grenzüberschreitende, transnationale Geschichtsperspektive.