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Wissen über das Wissen

Der Wirtschaftsgeograf Oliver Ibert erforscht, wie die Produktion und räumliche Verteilung von Wissen ökonomisches Handeln prägt

19.08.2010

Oliver Ibert, Professor für das Fachgebiet Wirtschaftsgeografie an der Freien Universität Berlin
Oliver Ibert, Professor für das Fachgebiet Wirtschaftsgeografie an der Freien Universität Berlin Bildquelle: Thomas Ecke

Manchmal beginnt Wirtschaftsgeografie im Operationssaal: „Wenn ein Röntgengerät nicht den speziellen Anforderungen der medizinischen Praxis einer Klinik entspricht, werden die Apparate von Ärzten zum Teil provisorisch verändert oder in Eigenregie ergänzt. Wie aber erfährt das Unternehmen, das die Medizintechnik geliefert hat, von dieser Neuerung?“, fragt Oliver Ibert.

Mit dieser simplen und den daraus resultierenden, sehr viel komplexeren Fragen beschäftigt sich der Professor für Wirtschaftsgeografie an der Freien Universität Berlin und Leiter der Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“ am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner.

„Die modifizierte OP-Ausrüstung ist nur ein Beispiel für Nutzer-Wissen“, sagt Oliver Ibert, „eine Wissensform, die Entwicklungsingenieuren häufig fremd bleibt.“ In einem seiner Forschungsprojekte hat der Wissenschaftler deshalb König Kunde ins Zentrum seiner Analyse gestellt.

„Die Wirtschaft versucht, neue Produkte und Dienstleistungen zu finden und betrachtet erfinderische Kunden dabei immer mehr als Quelle für neues Wissen. Uns interessiert nun, wie das aus der alltäglichen Nutzung gewonnene Wissen in Innovationsprozesse, also die Entwicklung neuer Produkte, einfließen kann.“

Aufgeklärte Konsumenten tauschen sich in User Communities im Internet über wackelige Wickeltische oder fehlerhafte Fahrradschläuche aus und beteiligen sich so an der Weiterentwicklung von Wissen. Das Ärzteteam im Operationssaal wird hingegen nicht selten von Produktmanagern beobachtet, um Verbesserungsmöglichkeiten am medizinischen Gerät zu entdecken.   Der geografische Aspekt bleibt für die produzierenden Unternehmen stets wichtig, denn sowohl virtuell ausgetauschtes Wissen als auch Beobachtungen müssen an konkreten Orten praktisch umgesetzt werden.

Zu sozioökonomischen Fragestellungen der Geografie forscht Oliver Ibert seit seinem Studium der Geografhie, Germanistik und Politikwissenschaften an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Dort promovierte er von 1998 bis 2002 im Fachbereich Soziologie und wechselte dann an den Arbeitsbereich „Sozioökonomie des Raumes“ am Geographischen Institut der Universität Bonn, wo er sich 2009 habilitierte.

Seit September vergangenen Jahres arbeitet Oliver Ibert nun als Professor für Wirtschaftsgeograpfie an der Freien Universität Berlin mit den Schwerpunkten Wissenspraktiken, temporäre Organisationen (Projekte) in Planung und Ökonomie sowie Planungstheorie.

„Wissen wird zunehmend als die wichtigste, ja wirklich einzig knappe ökonomische Ressource betrachtet“, erklärt Oliver Ibert. Zwar werde Wissen durch den Konsum vieler Menschen nicht weniger. Allerdings stünde praktisch nutzbares Wissen immer weniger Menschen zur Verfügung.

„Eine Fülle von Forschungsergebnissen sind über das Internet abrufbar. Doch sind diese Quellen noch lange kein allgemein verfügbares Wissen, dazu müssten diese Befunde erst verstanden und in praktische Kontexte integriert werden. Wissen muss eine Handlung nach sich ziehen und genutzt werden können“, erklärt der Wissenschaftler. Wie neues Wissen erzeugt und umgesetzt wird, erforscht der Wirtschaftsgeograf nun an seinen neuen Wirkungsstätten in Berlin und Erkner.