Freie Universität Berlin


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Edwin Redslob – ein Mann mit vielen Karrieren

Der Weimarer Kunsthistoriker war Museumsdirektor, Reichskunstwart, Herausgeber – und Mitbegründer der Freien Universität

03.12.2008

Edwin Redslob, der erste geschäftsführende Rektor der Freien Universität Berlin
Edwin Redslob, der erste geschäftsführende Rektor der Freien Universität Berlin Bildquelle: Fritz Eschen

Die Freie Universität Berlin entstand am Freitag, den 23. April 1948, um 17 Uhr in der Ruine des Hotels Esplanade am Potsdamer Platz. Dort trafen sich die Studenten der Universität Unter den Linden, um gegen die „Politisierung“ ihrer Hochschule zu protestieren.

Sie forderten eine autonome Alma Mater – und drohten mit einer kühnen Vision: Sollte der Lehrbetrieb nicht umgehend dem Magistrat unterstellt werden, würden sie im Westen der Stadt eine eigene Universität gründen. Was die Rädelsführer dieser Veranstaltung, Otto Heß, Otto Stolz und Joachim Schwarz, hier verkündeten, war der offene Kampf gegen die Kulturpolitik der sowjetischen Militäradministration, die damals über die Universität wachte. Am nächsten Morgen stand in den Zeitungen des ganzen geteilten Landes die unerhörte Botschaft: Die Spaltung der Hochschule Humboldts und Hegels steht bevor.

Berufe und Berufung

Heß, Stolz und Schwarz standen seit längerem im Kontakt zum „Tagesspiegel“, dem damaligen Leitmedium im amerikanischen Sektor Berlins. Einer der Herausgeber war Edwin Redslob. Geboren 1884 in Weimar hatte Redslob bereits vier Karrieren hinter sich. Als ausgebildeter Kunsthistoriker war er noch vor dem Ersten Weltkrieg Deutschlands jüngster Museumsdirektor geworden. 1920 trat der bekennende Expressionist in den Dienst der Weimarer Republik. Als „Reichskunstwart“, dem indirekten Vorläufer des heutigen „Bundesbeauftragten für Kultur und Medien“, war er für sämtliche Staatssymbole zuständig, gestaltete Verfassungs- und Trauerfeiern, darunter für Walther Rathenau, Friedrich Ebert und Gustav Stresemann. 1933 entlassen, schrieb Redslob populäre Sachbücher, wurde Privatgelehrter und stieg zum renommierten Kenner der Goethezeit auf. Dieses Wissen führte ihn 1945 an die Universität – doch dort hatte er Pech. Denn für den Mitbegründer des „Tagesspiegel“ hatten die Ost-Berliner Behörden an „ihrer“ Hochschule keine Verwendung. Also versuchte er es an der Technischen Universität und wurde dort zunächst Dozent. Hier sah er die Nöte der Studenten aus erster Hand.

Auf dem Weg zur neuen Universität

Nach der Veranstaltung im „Esplanade“ nahm Redslob Kontakt mit Heß, Stolz und Schwarz auf und versprach ihnen Unterstützung. Wenn es eine „freie“ Universität geben sollte, dann nur durch Rückendeckung. Redslob konstituierte einen „vorbereitenden Ausschuss“. Hier trafen die Studenten auf die Politik: Ernst Reuter übernahm den Vorsitz. Gemeinsam verhandelten sie mit den Alliierten. Lucius D. Clay gab seine Zustimmung – die Berlin-Blockade verschärfte die Konfrontationen zwischen den Alliierten.  Am 4. Dezember 1948 wurde der Traum der Studenten verwirklicht. Im „Titania-Palast“ fand die Gründung der „Freien Universität Berlin“ statt. Mit 38 Professoren, einer Anzahl von Lehrbeauftragten und über zweitausend Studenten, denen demonstrativ die vollständige Autonomie gewährt wurde, begann das Experiment in den Dahlemer Räumen der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Hier choreographierte der geschäftsführende Rektor Redslob eine kleine Gelehrtenrepublik. Er kürte den greisen Historiker Friedrich Meinecke zum Gründungsrektor: Die Alma Mater sollte ihre Symbolfigur erhalten. Den alten Bekannten Theodor Heuss machte er zum ersten Ehrendoktor – und unterstrich damit die Westbindung. Sogar die Tradition erfand er selbst. Redslob entwickelte den ehrwürdigen Kodex der Hochschule, das Motto „Veritas, Justitia, Libertas.“ Auch das Wappen – mit dem Berliner Bären, der die Fackel der Wahrheit trägt – geht auf seinen Entwurf zurück.

Redslob gab den Studenten in weniger als einem Jahr das, was sie gefordert hatten: eine „Freie Universität“. Ganz uneigennützig war das nicht. Denn jene Stelle, die er seit Kriegsende gesucht hatte, eine Professur, erfand er sich gleich mit.

Der Autor ist Alumnus der Freien Universität Berlin und Autor des Buchs: Edwin Redslob. Biografie eines unverbesserlichen Idealisten. Verlag Matthes & Seitz, Berlin.