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Gefühl für Mineralien

Auf dem GeoCampus in Lankwitz können Blinde bei speziellen Führungen Kristalle mit vielen Sinnen erleben

08.05.2015

Eine Amethyst-Druse (Teil einer metergroßen Hohlraumfüllung im Parana-Basalt, Uruguay) lässt sich großflächig erfassen.
Eine Amethyst-Druse (Teil einer metergroßen Hohlraumfüllung im Parana-Basalt, Uruguay) lässt sich großflächig erfassen. Bildquelle: Lennart Paul
Mineralien erfühlen – das können Blinde und Sehbehinderte wieder am kommenden Dienstag, 12. Mai, bei einer Führung durch die Mineraliensammlung in Lankwitz.
Mineralien erfühlen – das können Blinde und Sehbehinderte wieder am kommenden Dienstag, 12. Mai, bei einer Führung durch die Mineraliensammlung in Lankwitz. Bildquelle: Lennart Paul
Ein fossiler Ammonit –  ein ausgestorbenes tintenfischähnliches Tier aus dem Erdmittelalter – wird von den Teilnehmern schnell erkannt.
Ein fossiler Ammonit – ein ausgestorbenes tintenfischähnliches Tier aus dem Erdmittelalter – wird von den Teilnehmern schnell erkannt. Bildquelle: Lennart Paul

Schon an der Bushaltestelle ist die Vorfreude groß. Ralf Milke, promovierter Mineraloge, und Masterstudentin Victoria Kohn holen die drei Teilnehmer der Mineralienführung für Blinde und Sehbehinderte und ihre beiden Begleiterinnen ab, um sie über die vielbefahrene Malteserstraße und auf den GeoCampus der Freien Universität in Lankwitz zu geleiten. Gemeinsam gehen sie auf dem weitläufigen Gelände an der Malteserstraße 74-100 zu Haus C, wo die mineralogische und petrologische Sammlung der Freien Universität aufgebaut ist.

Im größten Raum des Obergeschosses stehen auf 25 Metern Länge Vitrinen in drei Reihen. Selbst Ralf Milke weiß nicht, wie viele Exponate diese Sammlung umfasst. „Es sind auf jeden Fall Tausende“, sagt er. Er beginnt die Führung in einer Ecke, in denen in Glasvitrinen die „Sammlung Kröhnke“ ausgestellt ist. Diese Sammlung eines Professors der Organischen Chemie wurde von den Erben an die Freie Universität gegeben, zusammen mit einer Spende zur Anschaffung der Vitrinen. In einem engen Halbkreis stellen sich die Besucher vor dem ersten Schaukasten auf. „Wir sind gespannt, welche Unterschiede Sie durch das Tasten herausfinden“, sagt Milke und öffnet die Vitrine.

„Sie halten Bergkristall in Ihren Händen“

Seine Assistentin Victoria Kohn und er entnehmen die ersten Exponate und legen sie vorsichtig in die Hände der Besucher. „Das fühlt sich an wie Glas, mit glatten Flächen und oben einer kleinen Spitze, wie eine Rakete“, sagt Jochen Dercher, der mit seiner Mutter nach Lankwitz gekommen ist. Jochen Dercher konnte als Kind sehen, durch eine Netzhauterkrankung, bei der die obersten Zellen absterben, ist er fast erblindet. Dercher gibt das Mineral weiter an Angela Fumagalli, die seit ihrer Geburt blind ist. Vorsichtig und zugleich routiniert ertastet sie die Form. „Sie halten Bergkristall in Ihren Händen“, sagt Ralf Milke und erläutert die Entstehung und die chemische Zusammensetzung des Minerals.

In den nächsten anderthalb Stunden wechseln Formen und die Beschaffenheit der Oberflächen sich schnell ab: Auf eine polierte Achatscheibe folgen kantige Sandrosen, auf Amethyste mit zahlreichen Pyramiden folgt eine glatte vulkanische Bombe – ein rundliches Stück vulkanischen Gesteins, das auf seinem Flug vom Krater durch die Luft von einem schmelzflüssigen Tropfen zu einem festen Stein wurde.

Tasten, riechen, schmecken, erspüren

Doch das Tasten bleibt nicht die einzige Sinneserfahrung, die die Besucher machen. Sie erriechen Schwefel, erkennen Blei am Gewicht, erschmecken Salzkristall und erspüren auch kleinere Temperaturunterschiede zwischen verschiedenen Mineralien und Gesteinen. In wenigen Sekunden finden sie heraus, dass ein Ikositetraeder aus 24 Flächen besteht oder dass sich bei einem Exponat zwei verschiedene Kristalle – Turmalin und Bergkristall – zusammengefunden haben.

Vom Marathonlauf zur Mineralienführung für Blinde

Ralf Milkes Liebe zum Langstreckenlauf ist verantwortlich dafür, dass er die Mineralienführungen für Blinde ins Leben rief. Milke ist Trainingspartner der blinden Marathonläuferin Regina Vollbrecht und geht auch bei Wettkämpfen gemeinsam mit ihr an den Start. Vor drei Jahren unterhielten sich die beiden während des Trainings darüber, dass Milke gerade die neuen Vitrinen mit der Kröhnke-Sammlung bestückte. Regina Vollbrecht fragte, ob Ralf Milke sie einmal durch die Sammlung führen könne. Nach der Führung waren beide begeistert – Vollbrecht über das Erlebnis, die Welt der Mineralien erfühlt zu haben, Milke über die Erfahrung, mit wie vielen unterschiedlichen Sinnen Mineralien wahrgenommen werden können.

Auch die sehenden Wissenschaftler erleben die Mineralien jetzt aus einer neuen Perspektive

„Danach hat es dann noch einige Zeit gedauert, bis ich mich an den Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin, den ABSV, gewandt habe“, sagt Milke. Seit einigen Monaten wirbt der ABSV für die Veranstaltungen, Ralf Milke startete zunächst mit Einzelführungen. Doch gemeinsam mit Victoria Kohn hat er nun beschlossen, dass drei Teilnehmer eine ideale Zahl sind, um auch gemeinsam diskutieren und Vergleiche zwischen den Exponaten ziehen zu können. „Es ist für mich sehr beeindruckend, was die Besucher alles herausfinden“, sagt er. Auch Victoria Kohn hat von den Blinden und Sehbehinderten viel gelernt. „Ich habe noch einmal einen ganz neuen Zugang zu den Mineralien gefunden“, erzählt sie. „Bisher hat die Haptik für mich kaum eine Rolle gespielt, jetzt erlebe auch ich mein Arbeitsgebiet aus einer anderen Perspektive.“

„Das fühlt sich fantastisch an“

Die Begeisterung bei den Besuchern könnte kaum größer sein. „Das fühlt sich fantastisch an“, ist wohl der häufigste Satz an diesem Nachmittag. Ralf Milke beantwortet die zahlreichen Frage zu Herkunft, Entstehung, Alter und Zusammensetzung der Exponate. Karin Hartwig aus Reinickendorf hat auf einem Auge noch ein geringes Sehvermögen, Jochen Dercher hat aus seiner Kindheit Erinnerungen an Farben. Aber auch für Angela Fumagalli hat es eine Bedeutung, ob ein Mineral gelb oder lilafarben ist. „Ich habe da eine ganz eigene Vorstellung“ erklärt sie. „Das ist mehr ein Gefühl, das ich gar nicht richtig beschreiben kann. Aber ich weiß natürlich nicht, ob mein Gefühl der Wirklichkeit nahe kommt.“

Nach der Führung stehen die Besucher noch einen Moment lang vor den Vitrinen beisammen. Sie haben sich ausführlich bei Ralf Milke und Victoria Kohn bedankt, und sie sind sich alle in einem Punkt einig: Bei Ralf Milke würden sie gern Mineralogie studieren.