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Erkundung der Weite

Elke Kaiser hat bundesweit einzigartige Professur für die Archäologie Eurasiens inne

15.04.2015

Das Foto zeigt einen Kurgan, einen Grabhügel, in der eurasischen Steppe.
Das Foto zeigt einen Kurgan, einen Grabhügel, in der eurasischen Steppe. Bildquelle: Claudia Gerling
Elke Kaiser hat die bundesweit einzige Professur für die Archäologie Eurasiens inne.
Elke Kaiser hat die bundesweit einzige Professur für die Archäologie Eurasiens inne. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Die Eurasische Steppe reicht vom Osten Europas bis in den Nordosten des asiatischen Kontinents.
Die Eurasische Steppe reicht vom Osten Europas bis in den Nordosten des asiatischen Kontinents. Bildquelle: Creating User Cp6 / Original: NASA’s Blue Marble Project

Es ist eine unwirtliche Region, deren Vorgeschichte Elke Kaiser untersucht. Die Archäologin erforscht, wie die Bewohner der eurasischen Steppe vor mehr als 5.000 Jahren gelebt haben: „Darüber wissen wir noch sehr wenig.“ Elke Kaiser besetzt seit diesem Jahr eine bundesweit einzigartige Professur für die Archäologie Eurasiens, die aus Mitteln des Exzellenzclusters Topoi an der Freien Universität Berlin eingerichtet wurde.

Bislang habe man vor allem Hügelgräber aus dieser Zeit ausgehoben, nicht aber Siedlungen, sagt Elke Kaiser. Einige von ihnen zeugen von einer ungewöhnlichen Lebensform: Die Menschen wohnten in kleinen, temporären Dörfern zusammen, deren Standort sie alle paar Monate verlegten, bislang unbekannten Intervallen folgend. Sie zogen mit Kindern und Vieh an einen anderen Ort, knapp zwei Kilometer entfernt und kehrten nach weiteren Zwischenstationen an die Ursprungsstelle zurück.

Gründe für die bislang so lückenhafte Erforschung der Region sind nicht nur die kargen materiellen Überreste der frühen Besiedelung, die Elke Kaiser in einem – wie sie sagt –„mehrdimensionalen Puzzle“ zusammensetzt. Es liegt auch an der Geschichte des 20. Jahrhunderts und daran, wie sie Länder wie die Ukraine, Moldawien oder Russland prägte. Insgesamt umfasst Eurasien ein Gebiet, das vom Schwarzen Meer bis Sibirien und China reicht.

Als die Sowjetunion noch existierte, fand zwar wenig wissenschaftlicher Austausch mit westlichen Ländern statt, doch die Archäologen forschten und führten Rettungsgrabungen durch, fest angestellt an wissenschaftlichen Einrichtungen wie Museen und Universitäten. Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 änderte sich die Lage für die Wissenschaftler dramatisch.

Archäologin und Slawistin

Was diese Zäsur für ihre Kollegen vor Ort bedeutete, erlebte Elke Kaiser selbst, als sie Mitte der 1990er Jahre nach Abschluss ihrer Magisterarbeit das erste Mal nach Kiew reiste. Sie hatte neben Archäologie auch Slawistik studiert und schon vor ihrem Studium Russisch gelernt, „eine wunderschöne Sprache“. Nun erlebte sie ein Wissenschaftssystem im Umbruch: „Niemand wusste, wie es weitergeht“, erzählt sie. Wissenschaftler hätten zwei oder drei Jobs gehabt, weil sie mit ihrer eigentlichen Arbeit ihre Familien nicht mehr hätten ernähren können.

Inzwischen hat sich die Situation verändert, und es gibt zahlreiche Kooperationen mit Wissenschaftlern und Einrichtungen in westlichen Ländern. An deren Aufbau maßgeblich beteiligt war die Arbeitsstelle Eurasien des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), die 1995 gegründet wurde. Das DAI zählt zu den Kooperationspartnern des Exzellenzclusters Topoi, einem gemeinsamen Forschungsverbund von Freier Universität und Humboldt-Universität. Die Arbeitsstelle wurde zunächst von Gründungsdirektor Hermann Parzinger geleitet – dem heutigen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – seit 2003 steht ihr Svend Hansen vor; beide Archäologen sind auch mit Forschungsprojekten an Topoi beteiligt.

Krieg in der Ukraine wirkt sich verheerend auf Wissenschaftskommunikation aus

Doch 20 Jahre nach Gründung der Arbeitsstelle steht die zu erforschende Region abermals vor großen Problemen. „Der Krieg in der Ukraine wirkt sich verheerend auf die Kommunikation zwischen ukrainischen und russischen Wissenschaftlern aus“, sagt Elke Kaiser. Was in nur einem Jahr an Verbindungen zerschlagen worden sei, brauche eine Generation, um wieder zu wachsen.

Dabei liegt in der archäologischen Untersuchung des europäisch-asiatischen Doppelkontinents eine große Chance. In dem riesigen Gebiet Eurasien sei eine andere Kulturgeschichte zu entdecken als in Mittel- oder Südeuropa, sagt Elke Kaiser. Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ habe es auch ermöglicht, „ein neues Kapitel in der Vorgeschichtsforschung aufzuschlagen“.