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Vom Hörsaal direkt in die Reithalle

Monty Roberts im Pferdezentrum der Freien Universität in Bad Saarow – Seine ehemalige Schülerin Franziska Görwitz leitet hier das neue Bachelorprogramm „Pferdewissenschaften“

15.04.2015

Franziska Görwitz ist Expertin für artgerechte Pferdeausbildung. Die ehemalige Schülerin von Monty Roberts entwickelt dessen Konzepte als Dozentin im Studiengang "Pferdewissenschaft" der Freien Universität weiter.
Franziska Görwitz ist Expertin für artgerechte Pferdeausbildung. Die ehemalige Schülerin von Monty Roberts entwickelt dessen Konzepte als Dozentin im Studiengang "Pferdewissenschaft" der Freien Universität weiter. Bildquelle: Victoria Shamraeva
Der "Pferdeflüsterer" Monty Roberts zeigte in Bad Saarow, wie man auch zu als schwierig geltenden Pferden eine positive und ihrem Charakter gerechte Beziehung aufbauen kann.
Der "Pferdeflüsterer" Monty Roberts zeigte in Bad Saarow, wie man auch zu als schwierig geltenden Pferden eine positive und ihrem Charakter gerechte Beziehung aufbauen kann. Bildquelle: Victoria Shamraeva
Franziska Görwitz wurde von Monty Roberts als Instruktorin im artgerechten und schmerzfreien Umgang mit Pferden zertifiziert. Die von ihr betreute und von Roberts inspirierte Ausbildung von Studierenden in Bad Saarow ist europaweit einzigartig.
Franziska Görwitz wurde von Monty Roberts als Instruktorin im artgerechten und schmerzfreien Umgang mit Pferden zertifiziert. Die von ihr betreute und von Roberts inspirierte Ausbildung von Studierenden in Bad Saarow ist europaweit einzigartig. Bildquelle: Victoria Shamraeva

Hoher Besuch stand am Ostermontag im Pferdezentrum Bad Saarow an: Der „Pferdeflüsterer“ Monty Roberts, US-amerikanischer Autor sowie erfolgreicher Western- und Rodeoreiter, demonstrierte seine Methoden des schmerzfreien Trainings mit den Tieren. Weltweit bekannt ist er durch seinen besonderen Umgang mit traumatisierten und als „schwierig“ geltenden Pferden. Franziska Görwitz, die bei ihm gelernt hat und mittlerweile zu seinem ausgewählten Team an Instruktoren gehört, hatte ihn nach Bad Saarow eingeladen. Sie ist mit verantwortlich für das neue Bachelorprogramm „Pferdewissenschaften“ an der 2014 eröffneten Einrichtung der Freien Universität. Die ehemalige Schülerin von Roberts orientiert sich heute bei der Ausbildung von Studierenden an dessen Ansätzen. Campus.leben sprach mit ihr über ihren prominenten Gast und über das Studienprogramm in Bad Saarow, das mit seinen innovativen Ausbildungskonzepten europaweit einzigartig ist.

Frau Görwitz, welche Bedeutung hat Monty Roberts‘ Besuch für das Pferdezentrum Bad Saarow?

Franziska Görwitz: Das Pferdezentrum und unsere von Monty Roberts inspirierten Ausbildungsmethoden wurden von vielen Fach- und Privatbesuchern ganz neu wahrgenommen, somit war der Besuch ein großer Erfolg. In Deutschland erfolgt die Pferdeausbildung noch sehr traditionell, viele Züchter und Besitzer haben Vorurteile gegenüber liberaleren Ansätzen und kritisieren diese sogar. Die Gerte ist bis heute das meistverkaufte Instrument in der Pferdewirtschaft.

In der Veranstaltung hat Roberts gezeigt, was er kann: Er bleibt nicht starr bei einer Methode im Umgang mit den Pferden, sondern liest genau deren Mimik, Gestik und Verhalten, passt sich dem Tier individuell an und erklärt dem Publikum verständlich seine Interaktionen mit dem Pferd. Das ist für die Zuschauer eine schöne Erfahrung, denn oft haben sie die Vorstellung, Monty Roberts sei nur ein Cowboy und Entertainer – aber er ist vielmehr ein erfahrener Verhaltensforscher, der trotz seiner 80 Jahre neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Lerntheorien einbindet.

Als ehemalige Schülerin, von ihm zertifizierte Instruktorin und Mitglied seines deutschen Tour-Teams habe ich mich sehr über den Besuch von Monty Roberts gefreut. Seine Methoden haben mich in meiner Ausbildung am meisten beeinflusst und immer wieder schafft er es, mich und meine Kollegen zu beeindrucken. Viele seiner Ansätze finden sich im Studiengang „Pferdewissenschaften“ wieder. Dennoch hinterfrage ich seine Konzepte auch kritisch und habe mir vorgenommen, diese im Rahmen des Studiengangs und meines Forschungsauftrags weiterzuentwickeln.

Als Expertin für Pferdeverhalten bilden Sie derzeit rund 30 Studierende in dem neuen Bachelorstudiengang „Pferdewissenschaften“ aus, bei dem der artgerechte Umgang mit den Tieren zentral ist. Wie lernen die Studierenden, Roberts‘ Methoden im Studium und später im Beruf praktisch anzuwenden?

Görwitz: Der erste Jahrgang hat gerade sein erstes Semester absolviert, in dem wir zunächst theoretische Grundlagen gelehrt haben. Nun im zweiten Semester beginne ich mit Erkenntnissen aus der Ethologie – also der vergleichenden Verhaltensforschung – über die Natur des Pferdes und Lerntheorie. Darüber hinaus werden die Studierenden nun erstmals lernen, das im Hörsaal Gelernte am Pferd umsetzen.

Dieser Praxisbezug unterscheidet uns von den meisten anderen Studienangeboten in Deutschland und ist aus meiner Sicht von größter Bedeutung. Erst wenn man selbst mit dem Pferd arbeitet, erscheint eine Aufgabe auf einmal nicht mehr so leicht wie im Hörsaal, man gerät schnell an seine Grenzen, wird unsicher, nervös oder ratlos. Das sind dann genau die Momente in denen Menschen dazu neigen nach der Methode zu verfahren, „wenn Du nicht tust, was ich von Dir möchte, dann tue ich Dir weh!“. Um das zu überwinden ist Praxis unverzichtbar.

Mein Fokus im Umgang und bei der Pferdeausbildung liegt immer auf der Natur des Pferdes und nicht auf den Bedürfnissen des Menschen. Der Mensch muss lernen, seine Herangehensweisen dem Verhalten des Pferdes anzupassen, nicht umgekehrt. So entstehen weitaus weniger Konflikte. Verhaltensstörungen entwickeln sich fast ausschließlich durch falsche Umgangs- und Haltungsformen. Diese Erkenntnis weiterzugeben, ist mir besonders wichtig.

Ich wünsche mir, dass die Studierenden Führungspositionen in der Pferdewirtschaft anstreben, zum Beispiel in Gestüten, Zuchtverbänden, Behörden, im Fachhandel oder im Fachjournalismus. Mein Anspruch ist es, dass in allen Ebenen der Pferdewelt Personen aktiv sind, die ein umfassendes Verständnis dafür haben, wie ein Pferd „tickt“, die ihre Mitarbeiter bei der Problemlösung anleiten können und die sich vor allem nicht über die Grundbedürfnisse der Tiere hinwegsetzen.

Welche Erfahrungen haben Sie im ersten Semester des Studiengangs „Pferdewissenschaften“ gesammelt?

Görwitz: Ich werde mit meinen theoretischen Vorlesungen und Übungen im kommenden Semester beginnen. Dennoch habe ich einige der Studierenden bereits kennen lernen können, während sie mich zu meinen öffentlichen Vorführungen begleitet oder bei Auftritten besucht haben. Das überdurchschnittliche Interesse der Studierenden für pferdegerechte Methoden und die große Offenheit gegenüber modernen Ansätzen sind mir besonders positiv aufgefallen. Noch treten aber auch viele traditionelle Konzepte in der Beschreibung des Verhaltens von Pferden hervor, etwa vermenschlichende Erläuterungen oder ein althergebrachtes Verständnis von Dominanz in der Mensch-Tier-Beziehung. Hier möchte ich mit neueren Erkenntnissen überzeugen.

Auf die kommenden Semester freue ich mich sehr, denn in diesen werden die Studierenden besonders durch den praktischen Umgang mit Pferden des Pferdezentrums und später mit jungen unausgebildeten Pferden kooperierender Züchter lernen, die Tiere aus einem ganz neuen Blickwinkel wahrzunehmen. Das gelingt natürlich auch durch die fantastischen Bedingungen hier in Bad Saarow: Wenn wir aus dem Vorlesungssaal treten, stehen wir direkt in der Reithalle oder auf dem Platz.

Die Fragen stellte Juliane Küppers

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