Freie Universität Berlin


Service-Navigation

Studieren im virtuellen Hörsaal

Neu an der Freien Universität: Vorlesung als videobasiertes Online-Format

25.11.2013

Der virtuelle Hörsaal: Auf die Atmosphäre müssen die Studierenden in der digitalen Umgebung nicht ganz verzichten.
Der virtuelle Hörsaal: Auf die Atmosphäre müssen die Studierenden in der digitalen Umgebung nicht ganz verzichten. Bildquelle: Thomas Rostek

In jedem Wintersemester war es Tradition: Donnerstagmorgens um 8 Uhr kamen 600 Lehramtsstudierende und angehende Erziehungswissenschaftler im Hörsaal 1a in der Silberlaube zusammen – zur Vorlesung „Einführung in die Erziehungswissenschaft“ bei Professor Gerhard de Haan. In diesem Semester sind die dick vermummten Lernwilligen in der morgendlichen Dunkelheit Dahlems nicht zu sehen: Die Grundlagenveranstaltung findet erstmals online statt, das heißt, die Studierenden können selbst bestimmen, wo und wann sie lernen.

Basis der Online-Vorlesung ist die Aufzeichnung der Veranstaltung „Einführung in die Erziehungswissenschaft“, die Professor Gerhard de Haan im vergangenen Wintersemester gehalten hat. Der neue Online-Kurs auf der Lernplattform beinhaltet neben den Lehrvideos zu Themen aus den Bereichen „Sozialisation“, „Erziehung“, „Bildung“ und „Lernen“ auch zusätzliche Materialien wie Präsentationsfolien, Literatur, Übungen, Audios und weiterführende Links. „Die Studierenden können das Lernen flexibel gestalten, sich die Lehrvideos jederzeit anschauen und auch den Lernort selbst aussuchen – so lassen sich berufliche Tätigkeiten oder familiäre Verpflichtungen optimal mit dem Studium verbinden“, erklärt Professor

Nicolas Apostolopoulos; der E-Learning-Experte und Leiter des Centers für Digitale Systeme (CeDiS) an der Freien Universität hat die Online-Vorlesung gemeinsam mit Professor de Haan entwickelt. Das Vorhaben ist Teil des Projektes „LEON – Learning Environments Online“, das im Rahmen der Initiative „SUPPORT“ im Qualitätspakt Lehre des Bundes und der Länder gefördert wird.

Mitschnitt der realen Vorlesung

Auf die Hörsaal-Atmosphäre müssen die Studierenden in der digitalen Umgebung dennoch nicht ganz verzichten. „Mir war es sehr wichtig, dass die Vorlesung nicht in einer sterilen Studio-Umgebung aufgezeichnet wird. Über 90 Minuten hinweg die gleiche Person in der gleichen Position zu sehen, wirkt schnell ermüdend“, begründet Gerhard de Haan seine Entscheidung, die reale Vorlesung mitzuschneiden zu lassen. „Auch wenn ich jetzt nicht mehr persönlich vor meinen Studierenden stehe, möchte ich, dass sie die Interaktion, wie sie im Hörsaal stattfinden könnte, erleben. Das steigert die Motivation, am Ball zu bleiben“, so de Haan weiter.

Umfassende Betreuung

Das kontinuierliche selbstorganisierte Lernen ist eine Herausforderung – für Studierende und Didaktiker gleichermaßen. Deshalb hat der Arbeitsbereich Erziehungswissenschaftliche Zukunftsforschung (Institut Futur) zusammen mit dem Center für Digitale Systeme (CeDiS) ein Konzept zur didaktischen Aufarbeitung der Vorlesungsvideos entwickelt. Jedes der 14 Videos wurde in mehrere etwa 20-minütige Kapitel unterteilt, die einzeln angesehen werden können. Spezielle Fragestellungen und Denkanstöße zu den Inhalten der Vorlesung sollen den Studierenden dabei helfen, das Gesehene direkt zu reflektieren und anzuwenden.

In der geschützten Online-Umgebung können die Lernenden sich mit Kommilitonen austauschen, Lerninhalte diskutieren oder sich gemeinsam auf die Prüfung vorbereiten. Dabei werden sie intensiv betreut: Zwei studentische Mitarbeiterinnen reagieren auf Anfragen zur Vorlesung innerhalb von 48 Stunden per E-Mail. Professor de Haan beantwortet – neben seiner regulären Sprechstunde – einmal in der Woche Fragen in einem Online-Forum. Bei technischen Problemen unterstützt der CeDiS-Support – zum Start und Ende der Vorlesung auch an Samstagen.

Unterstützt wird dieses Selbststudium durch drei Präsenzveranstaltungen zu Beginn, in der Mitte und zum Ende der Vorlesung. Sie dienen dazu, organisatorische und formale Fragen zur Klausur zu besprechen, die wie gewohnt am letzten Vorlesungstermin im Semester im Hörsaal geschrieben wird.

Von Studierenden mitentwickelt

Der Einführungs-Vorlesung von Professor de Haan im Hörsaal folgten früher teilweise mehr als 600 Studierende – einige sogar stehend oder am Boden sitzend. Bei der Entwicklung der Online-Vorlesung wurde von Anfang an die Sicht der Studierenden einbezogen. Im Rahmen eines Seminars zur Medienpädagogik waren Studierende der Erziehungswissenschaft an der Entwicklung des didaktischen Konzeptes beteiligt. Zu ihnen gehörte auch Julia Rittner, die davon überzeugt ist, dass den Studierenden mit der Online-Vorlesung ganz neue Möglichkeiten des Lernens geboten werden: „Wenn ich bedenke, wie wir für ebendiese Vorlesung gelernt haben: Wir saßen im Hörsaal und konnten aufgrund der Bedingungen oft nur halbherzig zuhören. Dann haben wir uns anhand der Notizen und Folien auf die Klausur vorbereitet. Da bietet das E-Learning-Konzept doch wesentlich mehr.“

Die Beteiligung von Studierenden bei der Entwicklung der Online-Vorlesung sei ein neuartiges Konzept an der Freien Universität Berlin, erläutert Professor Nicolas Apostolopoulos, der das Seminar durchgeführt hat. „Hierdurch konnte die studentische Perspektive bei der Erarbeitung des Online-Lehrsettings direkt berücksichtigt werden.“

Ein wegweisendes Konzept

Die Freie Universität Berlin hat mit „Einführung in die Erziehungswissenschaft“ erstmals eine Veranstaltung mit vielen Teilnehmenden komplett auf ein online-basiertes Konzept umgestellt. Ziel sei es nun, mithilfe digitaler Technologien die Lehrqualität auch von anderen Großveranstaltungen an der Freien Universität zu verbessern und gleichzeitig das selbstregulierte und flexible Lernen zu fördern, erklärt Professor Michael Bongardt, Vizepräsident für Lehre an der Freien Universität. Inwieweit zukünftig auch Angebote in das Studienangebot aufgenommen werden können, die ähnliche didaktische Ansätze verfolgen, dabei jedoch Personen ansprechen, die nicht an der Freien Universität immatrikuliert sind, werde derzeit noch geprüft. Dazu gehörten auch sogenannte ‚Massive Open Online Courses (MOOCs)‘. „Wir konzentrieren uns zunächst auf eine Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen für unsere eigenen Studierenden“, sagt Michael Bongardt.