Freie Universität Berlin


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Musizieren als politische Kunst

Der Dirigent, Pianist und Mitbegründer des West-Eastern Divan Orchestra Daniel Barenboim ist mit dem Freiheitspreis der Freien Universität Berlin geehrt worden

28.10.2013

Daniel Barenboim wurde von seiner Ehefrau Jelena Dmitrijewna Baschkirowa an die Freie Universität begleitet (3. v. l.). Rechts neben dem Preisträger: Prof. Dr. Peter-André Alt mit Ehefrau Sabine Alt.
Daniel Barenboim wurde von seiner Ehefrau Jelena Dmitrijewna Baschkirowa an die Freie Universität begleitet (3. v. l.). Rechts neben dem Preisträger: Prof. Dr. Peter-André Alt mit Ehefrau Sabine Alt. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Mit der Verleihung des Freiheitspreises würdigte die Hochschule das Engagement Daniel Barenboims für einen Dialog im Nahen Osten (links neben dem Preisträger: Prof. Dr. Peter-André Alt).
Mit der Verleihung des Freiheitspreises würdigte die Hochschule das Engagement Daniel Barenboims für einen Dialog im Nahen Osten (links neben dem Preisträger: Prof. Dr. Peter-André Alt). Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Laudator Prof. Dr.  Wolf Lepenies nannte Barenboim einen "mutigen Staats- und Weltbürger".
Laudator Prof. Dr. Wolf Lepenies nannte Barenboim einen "mutigen Staats- und Weltbürger". Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Der Geiger Guy Braunstein und der Pianist Saleem Abboud Ashkar spielten aus Violinsonaten von Ludwig van Beethoven und Richard Strauss. Beide gehörten dem West-Eastern Divan Orchestra an.
Der Geiger Guy Braunstein und der Pianist Saleem Abboud Ashkar spielten aus Violinsonaten von Ludwig van Beethoven und Richard Strauss. Beide gehörten dem West-Eastern Divan Orchestra an. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Knut Nevermann, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, überbrachte die Glückwünsche des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit.
Knut Nevermann, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, überbrachte die Glückwünsche des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

„Ein politisches und künstlerisches Wunder“ sei jedes Konzert des West-Eastern Divan Orchestra, „eine verwirklichte Utopie und zugleich eine Lektion in Realpolitik“. Mit diesen Worten umriss Wolf Lepenies, emeritierter Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin und ehemals Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin in seiner Laudatio für Daniel Barenboim nicht nur die besondere Qualität eines der prominentesten Projekte des Preisträgers: das 1999 gemeinsam mit dem amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said gegründete Orchester für junge Musiker aus Israel, den palästinensischen Gebieten und arabischen Ländern. Lepenies würdigte gleichzeitig eine genuin musikalische Form politischen Engagements.

In seiner Rede bei der festlichen Preisverleihung im Henry-Ford-Bau der Freien Universität ging Wolf Lepenies, selbst Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, der Frage nach, wie der „mutige Staats- und Weltbürger“ Barenboim sein politisches Anliegen für Verständigung im Nahen Osten umsetzt. Musizieren selbst sei für Barenboim politisch, sagte Lepenies. Barenboim erliege nie der Illusion, dass sich Politik durch Kunst ändern ließe. Dennoch sei seine Arbeit langfristig eine Herausforderung für gemeinsam in „gemeinsamem Starrsinn verharrende Politik Israels und Palästina".

Politische Kompromisse bei musikalischer Kompromisslosigkeit

In seiner Arbeit mit dem West-Eastern Divan Orchestra verbinde Barenboim das „Einüben eines politischen Kompromissverhaltens mit unbeugsamer Kompromisslosigkeit in der Verfolgung künstlerischer Ziele“. Zwar bleibe das Orchester nicht unberührt von politischen Konflikten, die auch immer wieder für Streit sorgten, doch die jungen Musiker – sie sind zwischen 14 und 25 Jahren alt – träfen sich im gemeinsamen Ringen um musikalische Qualität. Barenboims einschüchternde Strenge sei durch den Ausspruch einer israelischen Musikerin verbürgt, die Lepenies mit den Worten zitierte: „Während der Proben habe ich vor Daniel Barenboim mehr Angst als vor der Hamas.“

Barenboims Arbeit als Musiker und Dirigent zeige, so Lepenies, wie künstlerische Sensibilität das politische Urteil schärfe. Dies werde deutlich, wenn – wie es Barenboim selbst getan hat – die Osloer Friedensgespräche der 90er Jahre aus musikalischer Perspektive betrachte: Inhalt und Zeit, Substanz und Tempo hätten nicht übereingestimmt, weshalb ein Scheitern programmiert gewesen sei. Es sei, so habe es Barenboim erklärt, als spielte man den ersten Satz eines Konzerts viel zu schnell und den zweiten stockend, mit zahlreichen Unterbrechungen.

Freiheit verlangt Disziplin

Der Präsident der Freien Universität Berlin, Professor Peter-André Alt, erinnerte in seiner Ansprache zum Freiheitspreis an das doppelte Gesicht der Freiheit, die einerseits Bedingung für individuelle Entfaltung sei, andererseits die Gefahr der Selbstvergessenheit und der mangelnden sozialen Verantwortung in sich trage. Er zitierte den existentialistischen französischen Philosophen Albert Camus: „Es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis.“

An diesen Freiheitsbegriff schloss sich Daniel Barenboim an, als er den Preis „stolz und glücklich“ entgegennahm. Freiheit sei elementar notwendig, verlange aber auch Disziplin, denn jeder sei verantwortlich für seine eigenen Entscheidungen. Musikalisches Zusammenspiel sei nur möglich durch die Akzeptanz des anderen: nicht durch bloß duldende Toleranz, sondern durch ein Verständnis für die „Leidenschaften, Freuden, Ängste und Schmerzen des Pultnachbarn“ – vertraute Gefühle, die die Musiker bei aller politischen Differenz verbänden. Im Hinblick auf den Nahost-Friedensprozess wünsche er sich solch zwischenmenschliches Verständnis für die Sichtweise des anderen: „Rücken an Rücken“ könne man nicht miteinander leben.

Wie der musikalische Dialog gelingen kann, und wie sehr dieser wechselseitiges Zuhören einschließt, zeigten die beiden Musiker Guy Braunstein (Violine) und Saleem Abboud Ashkar (Klavier) mit ihrem Vortrag – beide dem West-Eastern Divan Orchestra entwachsen, aber weiterhin verbunden und längst weltweit bekannte Solisten. Der Abend begann mit der auch im Herbst wirkenden Aufbruchsstimmung der Frühlingssonate Ludwig van Beethovens. Der erste Satz von Richard Strauss’ Violinsonate in Es-Dur, der den Abend beschloss, schien wie die musikalische Umsetzung des zuvor Gesagten: Es war ein Gespräch zwischen Geige und Klavier, zwei sehr unterschiedlich klingenden Instrumenten, die einander Raum gaben, Phrasen alleine zu entwickeln, aber auch immer wieder zart ineinandergriffen und zuletzt in einem tiefen Einverständnis zusammenspielten in einem entschiedenen Schluss.