Freie Universität Berlin


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„Gute Lehr-Konzepte strahlen aus“

Interview mit Präsident Professor Peter-André Alt zum erstmals ausgeschriebenen Lehrpreis der Freien Universität Berlin / Bewerbungsfrist: 18. November

30.09.2013

Lehre vor mehr als 60 Jahren: Studenten der Freien Universität mit dem Kunsthistoriker und Publizisten Professor Edwin Redslob. Er hat die Freie Universität Berlin mitgegründet und war ihr zweiter Rektor (1949/50).
Lehre vor mehr als 60 Jahren: Studenten der Freien Universität mit dem Kunsthistoriker und Publizisten Professor Edwin Redslob. Er hat die Freie Universität Berlin mitgegründet und war ihr zweiter Rektor (1949/50). Bildquelle: Fritz Eschen / Sächsische Landesbibliothek
Eine der vorzüglichsten Ideen des deutschen Universitätssystems, nämlich die Forschungsorientierung der Lehre, solle Kreativität befördern, sagt Präsident Prof. Dr. Peter-André Alt.
Eine der vorzüglichsten Ideen des deutschen Universitätssystems, nämlich die Forschungsorientierung der Lehre, solle Kreativität befördern, sagt Präsident Prof. Dr. Peter-André Alt. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Mit einem neuen zentralen Lehrpreis würdigt die Freie Universität Berlin innovative Konzepte für Lehrveranstaltungen. Ausgezeichnet werden herausragende Projekte in der Lehre, die Ergebnisse aus der interdisziplinären Spitzenforschung aufgreifen und integrieren. Der Preis wird im Rahmen des Zukunftskonzepts der Freien Universität erstmals in 2013 ausgelobt und widmet sich zukünftig jeweils einem Thema. In diesem Jahr werden Projekte aus Lehrveranstaltungen mit dem Schwerpunkt „forschungsorientiert & international“ ausgezeichnet. Nina Diezemann sprach mit Universitätspräsident Professor Peter-André Alt über den Preis, der nicht zuletzt den Austausch über gute Lehre an der Freien Universität fördern soll.

Herr Professor Alt, was ist für Sie persönlich gute Lehre?

Lehre ist kein einsamer Akt. Natürlich entwickelt man als Hochschullehrer einen Plan für die gesamte Lehrveranstaltung, für jede einzelne Seminar-Sitzung. Aber gute Lehre ist keine Einbahnstraße; sie bringt einen Dialog zur Entfaltung. Gute Lehre profitiert von den Reflexionen und Einsichten, die gemeinsam entwickelt werden. Akademische Lehre bleibt nie stehen, das ist etwas, was sie mit der Forschung teilt. Man badet nie zweimal im selben Fluss, und man macht auch nie die gleiche Lehrveranstaltung.

Mit dem Lehrpreis der Freien Universität Berlin werden keine Personen, sondern Konzepte für Lehrveranstaltungen ausgezeichnet. Warum hat man sich für dieses Verfahren entschieden?

Wir möchten einerseits gute Konzepte, gute Ideen fördern, andererseits wollen wir die Kommunikation über diese Ideen und Projekte an der Freien Universität stärken. Gute Ideen kann man diskutieren, gute Lehr-Konzepte strahlen aus. Wir wollen Räume in der Universität schaffen, die es stärker als bisher ermöglichen, über Lehre zu sprechen und sich wechselseitig anzustecken und zu begeistern.

Für den Preis können sich Dozentinnen und Dozenten, Professorinnen und Professoren, aber auch Studierende bewerben.

Wir wissen, dass gerade Studierende viele gute Ideen für die Lehre haben. Es gibt tolle Lehrprojekte von Studierenden an der Freien Universität Berlin. In meinem Institut beispielsweise, dem Institut für Deutsche und Niederländische Philologie gibt es eine studentische Initiative, die sich mit einer Grundfrage wissenschaftlichen Arbeitens beschäftigt: Wie komme ich von der Lektüre zum eigenen Text, wie kann ich mich von fremden Gedanken lösen und eigene entwickeln. Außerdem wollen wir den Austausch über Hierarchiegrenzen hinweg fördern, jüngere und ältere Universitätsangehörige ins Gespräch bringen. Die Diskussion über Lehre und Lehrkonzepte muss Teil des Alltagsgeschäfts an der Freien Universität werden.

Bedeutet das nicht auch, dass man die Tür zur eigenen Lehrveranstaltung öffnet und sich als Lehrender in die Karten schauen lässt?

Ein Tabuthema! Offenbar gilt viel zu oft noch der Grundsatz: Kein Kollege besucht die Veranstaltung eines anderen. Ich habe mich auch noch nie in die Vorlesung eines Kollegen gesetzt. Dabei denke ich oft, wenn ich auf dem Weg zu meiner eigenen Vorlesung bin und Veranstaltungen sehe, die schon angefangen haben, dass ich zu gerne einmal zuhören würde in der Psychologie oder bei den Historikern, um zu sehen, wie Kollegen anderer Fächer das machen.

Grundsätzlich ist die Bereitschaft, die Tür aufzumachen und zu zeigen, was man wie tut, größer als angenommen. Wir kommen über das Internet auch in die Welt der sogenannten Massive Open Online Courses, da kann man elektronisch nachvollziehen, wie andere lehren. Ich denke, dass ein Kulturwechsel im Gange ist, und daran möchten wir aktiv mitwirken.

In diesem Jahr wird der Preis an Lehrprojekte mit dem Schwerpunkt „forschungsorientiert & international“ vergeben. Warum ist Internationalität nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre wichtig?

Die Verständigung über die unterschiedlichen Lehrkulturen weltweit steckt noch in den Kinderschuhen. Allein in Europa wird unterschiedlich gelehrt: In Frankreich, in Italien wird beispielsweise stärker ex cathedra doziert, Lehre in England hingegen ist eher mit unserem System vergleichbar. Die Freie Universität mit ihren herausragenden internationalen Kooperationsfeldern hat die Möglichkeit, eine internationale Perspektive auf die Lehre zu entwickeln. Deshalb ist der International Council unserer Universität, ein Gremium aus herausragenden Wissenschaftlern aus aller Welt, das insgesamt die Entwicklung der Freien Universität begleitet, auch an diesem Preis und unseren Planungen zum Thema forschungsorientierte Lehre beteiligt und stellt einige Mitglieder der Preis-Jury.

Zudem ist die Forschung in den vergangenen 15 Jahren globaler geworden, es gibt mehr Referenzpunkte im Ausland. Die Internationalisierung der Wissenschaft ist eine Entwicklung, die die Lehre derzeit stark verändert.

Was hat sich in der Lehre noch verändert, wenn Sie zurückblicken? Wo sehen Sie Innovationspotenziale?

Die Lehre ist immer ein Spiegel unserer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Sie ist heute viel stärker medial gestützt. Vor fast 30 Jahren habe ich zum ersten Mal als Lehrender vor Studierenden gestanden. Da gab es als Medium den Overhead-Projektor und sonst nur die gute alte Tafel. Die Wissenschaft hat sich zwischen 1890 und 1990 enorm verändert, aber die Medienwelt in den Hörsälen und Seminarräumen kaum. 1990 hat ein Professor noch genau so an die Tafel geschrieben wie einhundert Jahre zuvor. Heute wird mit audio-visuellen Dokumenten gearbeitet, beim „blended learning“ sind gar Online-Aktivitäten Teil der Lehre. Die Medienrevolution der vergangenen 20 Jahre, vor allem die beschleunigte Entwicklung der letzten fünf Jahre, ist eine große Herausforderung für die universitäre Lehre.

Der Lehrpreis ist Teil des Zukunftskonzepts der Freien Universität Berlin, mit dem die Hochschule im Rahmen der Exzellenzinitiative erfolgreich war. Welche Rolle spielt die Lehre darin?

Der Preis zielt darauf, innovative Formen der Vermittlung von aktuellen Forschungsthemen und Inhalten zu fördern und zu würdigen. Unser Exzellenzkonzept dient nicht allein der Förderung von Spitzenforschung, sondern gerade auch der Verankerung von Forschungsthemen in der Lehre. Wenn man Lehre in diesem Sinne mehr als Prozess begreift, dann wird eine der vorzüglichen Ideen des deutschen Universitätssystems, nämlich die Forschungsorientierung der Lehre im 21. Jahrhundert durchaus Kreativität befördern.