Freie Universität Berlin


Service-Navigation

„Der Name Franziskus ist Programm“

Nach der Papstwahl / Fragen an den katholischen Theologieprofessor Rainer Kampling und den promovierten Kirchenhistoriker und Alumnus der Freien Universität Ralf Lützelschwab

19.03.2013

Aufbruchsstimmung im Vatikan: Am 13. März wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Er nennt sich Franziskus.
Aufbruchsstimmung im Vatikan: Am 13. März wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Er nennt sich Franziskus. Bildquelle: Fel1ks - Fotolia.com
Univ.-Prof. Rainer Kampling: "Der argentinische Papst Franziskus hat zwangsläufig eine andere Perspektive als ein europäischer Papst. Daran werden wir uns gewöhnen müssen."
Univ.-Prof. Rainer Kampling: "Der argentinische Papst Franziskus hat zwangsläufig eine andere Perspektive als ein europäischer Papst. Daran werden wir uns gewöhnen müssen." Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Dr. phil. Ralf Lützelschwab: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Papst im Hermelinumhang auftreten wird."
Dr. phil. Ralf Lützelschwab: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Papst im Hermelinumhang auftreten wird." Bildquelle: privat

Der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio ist neuer Papst. Welche Auswirkungen hat die Wahl des Südamerikaners auf die katholische Kirche, welche innerhalb des Vatikans? Was sich durch den neugewählten Papst Franziskus verändert, darüber sprach Campus.leben mit Rainer Kampling, Professor für Katholische Theologie an der Freien Universität Berlin, und mit Ralf Lützelschwab, promovierter Kirchenhistoriker und Alumnus der Freien Universität.

Herr Professor Kampling, Herr Lützelschwab, wofür steht der neue Papst, welchen Themen wird er sich widmen?

Rainer Kampling: Die Weltkirche wird sichtbarer werden. Jorge Mario Bergoglio kommt aus Argentinien, er hat zwangsläufig eine andere Perspektive als ein europäischer Papst. Daran werden wir uns gewöhnen müssen. Der globale Nord-Süd-Konflikt und das damit verbundene Thema Armut und soziale Konflikte werden durch den neuen Papst personifiziert und nach Europa getragen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat angemerkt, dass die Vereinten Nationen und der Papst vor ähnlichen Herausforderungen stünden.

Was bedeutet es, dass sich der neue Papst Franziskus nennt?

Ralf Lützelschwab: Die Namensgebung kann als deutliches Zeichen für das Selbstverständnis des Papstes verstanden werden: Mit dem heiligen Franziskus sind Werte wie Brüderlichkeit, Frieden und Armut verbunden. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass der Papst im Hermelinumhang auftreten wird. Gleich bei seinem ersten Auftritt hat er ein Zeichen gesetzt: Er erschien in einem schlichten, weißen Gewand auf der Loggia, er zeigte Einfachheit im Stil und in der Sprache. Das können wir als Andeutung für seine kommende Amtszeit verstehen.

Kampling: Die Namenswahl ist tatsächlich sehr interessant, denn sie ist Programm. Der Verweis auf den heiligen Franz von Assisi ist der theologische Verweis auf eine streng konservative Lehre, die Armut und Entsagung predigt, aber auch eine geografische Klammer: Franz von Assisi ist der Schutzpatron Italiens. Durch die Namenswahl schlägt der Jesuit Jorge Mario Bergoglio, der ebenfalls bescheiden lebt, also auch die Brücke von Lateinamerika nach Europa.

Was wird sich mit Franziskus innerhalb des Vatikans verändern?

Lützelschwab: Franziskus gehörte als Kardinal Bergoglio nicht zum engen Kreis der Kurie. Er war immer in erster Linie Seelsorger, meist auf dem südamerikanischen Kontinent zuhause und ist somit stark in seinem Heimatbistum verwurzelt. Daher hat er keinerlei Seilschaften innerhalb der Kurie aufgebaut, in der die verschiedenen Zuständigkeiten unübersichtlich strukturiert sind. Der neue Papst wird eventuell die Anzahl der päpstlichen Räte und anderer kurialer Gremien reduzieren; ganz sicher wird er die Lösung von Problemen vom Zentrum an die Peripherie verschieben, das heißt, dass Schwierigkeiten, wann immer möglich, nicht mehr zentralisiert im Vatikan angegangen, sondern jeweils vor Ort behandelt werden.

Kampling: Die größte Herausforderung zu Beginn des Pontifikats für den neuen Papst wird es sein, einen Umgang mit seinem Vorgänger, dem kürzlich zurückgetretenen Papst Benedikt, zu finden. Zwar erlöschen mit dem Ende eines Pontifikats alle daran gebundenen Ämter, aber der alte Papst ist schließlich nicht tot. Er lebt weiterhin im Vatikan. Zwar hat er zugesagt, dass er sich zurückziehen wolle, aber kann er das? Alles, was Franziskus tut, tut er sozusagen im Beisein seines Vorgängers.

Wie ist seine Position zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen?

Kampling: Das Problem hat er geerbt. Hier wird er bei der Aufarbeitung aktiv sein müssen. Auch die Probleme mit der traditionalistischen Piusbrüderschaft hat er geerbt. Der ultrakonservative Priesterbund ist in Lateinamerika stark präsent. Da darf man gespannt sein, wie Franziskus sich verhält.

Lützelschwab: Der Jesuitenorden, dem Franziskus angehört, ist insgesamt sehr konsequent im Hinblick auf die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle vorgegangen, man denke zum Beispiel an das Berliner Canisiuskolleg, das in Deutschland den Stein ins Rollen brachte. Interessant wird tatsächlich der Umgang mit der Piusbruderschaft. Deren größtes Seminar befindet sich in Argentinien, und mir ist nicht bekannt, dass Bergoglio jemals auf die Bruderschaft zugegangen wäre. Insofern würde es mich sehr wundern, wenn die Umarmungsstrategie Benedikts XVI. weitergeführt würde.

Wie steht Franziskus zur Debatte um das Zölibat?

Kampling: Das wird meines Erachtens kein Thema sein, mit dem er sich beschäftigen wird. Jorge Mario Bergoglio gilt als konservativ. Überhaupt gilt bei vielen Fragen: Als Papst wird er katholische Positionen vertreten, man kann nicht von ihm erwarten, dass er etwas tut, was gegen die katholische Lehre verstößt.

Lützelschwab: Man darf nicht vergessen, dass Franziskus kein liberaler Europäer ist, sondern ein sehr konservativer Südamerikaner. Wir Europäer neigen dazu, südamerikanische Glaubensvertreter wegen der in dieser Region einstmals einflussreichen Bewegung der „Theologie der Befreiung“ zu romantisieren. Johannes Paul II. und vor allen Dingen Josef Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation haben hier aber ganze Arbeit geleistet: im Episkopat Südamerikas findet sich heute kaum noch jemand, der einer politischen Betätigung von Priestern das Wort reden würde. Die Personalpolitik des Vatikans wirkte hier ausgesprochen effektiv: liberale Bischöfe – liberal aus europäischer Sicht – sind in Südamerika eine rare Spezies. Deshalb würde es mich auch sehr überraschen, wenn Franziskus das Zölibat lockern würde. Weiterhin muss ganz klar gesagt werden, dass er gleichgeschlechtliche Partnerschaften für „Teufelswerk“ hält.

Weiß man, wie er zur Ökumene steht?

Kampling: Das Thema wird neu für ihn sein. Der Argentinier kommt immerhin aus einem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung katholisch ist. Da wird er sich positionieren müssen. Bekannt ist, dass er gute Beziehungen zu Vertretern des Judentums hat.

Lützelschwab: Zwar ist Argentinien recht homogen katholisch, doch ist Franziskus bei seinen häufigen Reisen mit anderen Religionen in Berührung gekommen. Außerdem nimmt die Anzahl der Mitglieder von Freikirchen in Südamerika rasant zu. Insofern ist er im Umgang mit anderen Konfessionen sicher erfahren. Er weiß allerdings um die Bedeutung des Markenkerns des Katholizismus. Mit der Zeit wird sich zeigen, wie Franziskus mit dieser Frage umgehen wird.

Wie wird sich die Wahl des neuen Papstes auf die Ortskirchen auswirken?

Kampling: Papst Franziskus wird den Bistümern und den Ortskirchen nach meiner Meinung mehr Eigenrechte zugestehen.