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Im Literaturhaus ist bis 8. März eine von Studierenden der Freien Universität organisierte Ausstellung zu Helmut Heißenbüttel zu sehen

20.02.2013

Werke des Schriftstellers, Dichters, Kritikers, Publizisten und Essayisten Helmut Heißenbüttel: "Kneifbild" (li.) und eine Fotografie mit Mehrfachbelichtung (re.).
Werke des Schriftstellers, Dichters, Kritikers, Publizisten und Essayisten Helmut Heißenbüttel: "Kneifbild" (li.) und eine Fotografie mit Mehrfachbelichtung (re.). Bildquelle: Ida Heißenbüttel

Wie kann das funktionieren – eine Werkschau zu experimentellen Schriftstellern? Was kann man sehen, wenn es um Sprache und Literaturtheorie geht? Lange überlegen muss Johanna Bohley da nicht, weil neben Texten Hördichtungen, Zeichnungen, Lieder, Fotomontagen, Filme oder Collagen gezeigt werden können. Bohley arbeitet am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität zu konkreter Prosa und hat sich auf die literarische neoavantgardistische Moderne spezialisiert. An diesem Freitag wird im Literaturhaus in der Charlottenburger Fasanenstraße im Rahmen der von Studierenden der Freien Universität konzipierten Ausstellungsreihe "Experimentelle Welten" eine Schau zum Werk von Helmut Heißenbüttel eröffnet.

Da sich einige Vertreter der Strömung, etwa Eugen Gomringer, Gerhard Rühm oder Ferdinand Kriwet, auch mit anderen Kunstformen auseinandersetzten, entstanden parallel zu Texten Hördichtungen, Zeichnungen, Lieder, Fotomontagen, Filme oder Collagen – für eine Ausstellung also geradezu ideal. Gemeinsam mit Lutz Dittrich, dem Projektleiter des Literaturhauses Berlin, entstand so die Idee zu der Reihe „Experimentelle Werke“.

Mit Studierenden der Freien Universität, die das Seminar „Literarische Formen der Neoavantgarde um 1960“ besucht haben, organisierten Johanna Bohley und Lutz Dittrich im vergangenen Jahr die ersten Lesungen und Ausstellungen, etwa zu Franz Mon oder zusammen mit der Kollegin Alice Stasková zur tschechischen Autorin und Übersetzerin Bohumila Grögerová – Künstler, deren Werke heute vielleicht nicht die „breite Rezeption“ genießen, die sie aber verdienen würden, wie Bohley sagt.

Fünfte und vorerst letzte Ausstellung in der Reihe

Für die fünfteilige Ausstellungsreihe trugen sie und die Studierenden Arbeiten zusammen, Zeitgenossen und die Familien der Künstler stellten Exponate zur Verfügung, das Literaturhaus Berlin seinen Ausstellungsraum – und seine guten Kontakte zum Studienzentrum Weserburg der Uni Bremen, das das Projekt ebenfalls mit Ausstellungsstücken unterstützte. Die fünfte und vorerst letzte Ausstellung in der Reihe ist nun Helmut Heißenbüttel gewidmet.

Der im Jahr 1996 verstorbene Schriftsteller, Dichter, Kritiker, Publizist und Essayist gilt heute als ein Klassiker der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur. Obwohl der Autor selbst als Vertreter der experimentellen Avantgarde die Bezeichnung Klassiker vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes „daneben“ gefunden hätte. Auch der Ausstellungstitel „Experimentelle Werke“ sei deshalb mit einer gewissen Ironie zu verstehen, sagt Bohley.

Experimentierwilliger Gedichtlaborant

Die Ausstellungsmacher wagen damit selbst ein Experiment: den Versuch, die „Anti-Werke“ Heißenbüttels in ihrem Gesamtzusammenhang zu zeigen und dem Besucher zu ermöglichen, sie erstmals als universalpoetisches Werk zu rezipieren.

Heißenbüttel, geboren 1921 und verletzt aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt, veröffentlichte 1954 seinen ersten Gedichtband „Kombinationen“. Eine Sammlung von Texten, in denen er Sprache vor allem als Material nutzte. Zitate oder einzelne Wörter löste er aus dem Zusammenhang, er reduzierte, montierte und setzte sie wieder neu zusammen – wie etwa in „Kombination VIII“: „DAS GIBTS NUR EINMAL / DAS KOMMT NICHT WIEDER. / Eine ganze begrabene Kindheit / in einem Dutzend Schlagertakte.“

Es entstehen Texte mit Sollbruchstellen – Kunstpausen, die sich nicht einfach überlesen ließen: „Die Landschaft der Wörter zeigt Kombinationen / die der Erfindung entzogen sind“ („Kombination VII“).

Was Heißenbüttels Wort-Ensembles, die er selbst als „Texte“ bezeichnete, genau waren, darüber war sich die Kritik zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung nicht einig. In jedem Fall ein klarer Bruch mit dem überlieferten Literaturbegriff, der in der jungen Bundesrepublik für Aufruhr sorgte. Der Spiegel schrieb später, der 33-Jährige habe sich mit diesem Buch „den westdeutschen Literatur-Profis als experimentierwilliger Gedichtlaborant vorgestellt“.

Doch auch bei diesen Profis eckte er mit seinen Texten an. Als er 1955 gemeinsam mit Günther Grass zur „Gruppe 47“ eingeladen war – immerhin der Institution damals für zeitgenössische Literatur – erinnerte sich Heißenbüttel später vor allem an die scharfen Reaktionen der Kritiker dort: „Wenn das Gedichte sein sollen, dann weiß ich nicht mehr, was Lyrik ist“, sagte einer nach seinem Vortrag.

Die Einheit des universalpoetischen Ansatzes

Die Irritation blieb und zog sich, quasi als roter Faden, auch in den folgenden Jahren durch seine unterschiedlichen Arbeiten: Nach einigen Jahren als Autor und Lektor beim Hamburger Claasen Verlag wechselte er 1959 zum Rundfunk und leitete bis 1981 die Redaktion Radio-Essay beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. In dieser Zeit entstanden unter anderem seine sechs „Textbücher“, seine Frankfurter Poetikvorlesungen sowie der Quasiroman „D'Alemberts Ende“.

Sein umfangreiches bildkünstlerisches und fotografisches Werk ist bis heute weniger bekannt. „Dabei tragen die Arbeiten sehr zum Verständnis bei“, sagt Johanna Bohley. Denn so streng methodisch und gleichzeitig widerspenstig viele seiner Texte heutigen Lesern vielleicht vorkommen mögen, seine Bilder und Fotografien zeigen einen anderen Zugang zu seiner künstlerischen Arbeitstechnik.

Der konzentrierte und reduzierte Blick auf Naturbilder, das Herauslösen von Objekten aus ihrem alten Zusammenhang, das Neu-zueinander-in-Beziehung-Setzen etwa in seinen Collagen. Oder Porträt-Fotografien, die durch Mehrfachbelichtungen und Spiegelungen seine literarischen Reflektionen über die Rolle des Autors fortsetzen. „Die Einheit dieses universalpoetischen Ansatzes – den wollen wir zeigen“, sagt Johanna Bohley.

Weitere Informationen

  • Die Ausstellung zu Helmut Heißenbüttel ist bis zum 8. März 2013 im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße 23 in Charlottenburg zu sehen.
  • Geöffnet ist sie dienstags bis freitags von 15 bis 19 Uhr sowie zu den Abendveranstaltungen. Ausstellungseintritt: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro.