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„Neugier – und die Dinge nicht so nehmen, wie sie sind“

Der Chemiker Peter Seeberger ist erfolgreich in der Wirkstoffforschung / Heute Abend tritt er in der „Großen Show der Naturwunder“ in der ARD auf

16.08.2012

Gefährliche Stofftiere: Peter Seeberger zeigt die Erreger von Lungenentzündung (orange li.), Krankenhausinfektion (vorne li.), Milzbrand (weiß hi.), Magenschleimhautentzündung (braun vorne), Toxoplasmose (vorne re.), Durchfall (lila hi.)
Gefährliche Stofftiere: Peter Seeberger zeigt die Erreger von Lungenentzündung (orange li.), Krankenhausinfektion (vorne li.), Milzbrand (weiß hi.), Magenschleimhautentzündung (braun vorne), Toxoplasmose (vorne re.), Durchfall (lila hi.) Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Professor Peter H. Seeberger (links) und Dr. François Lévesque vor der Apparatur, die es ermöglicht, den effektivsten Wirkstoff gegen Malaria, Artemisinin, kostengünstig und in großer Menge herzustellen.
Professor Peter H. Seeberger (links) und Dr. François Lévesque vor der Apparatur, die es ermöglicht, den effektivsten Wirkstoff gegen Malaria, Artemisinin, kostengünstig und in großer Menge herzustellen. Bildquelle: Ulrich Kleiner/Max-Planck-Gesellschaft
Mit einem einzigen Stich können weibliche Anopheles-Mücken den Menschen mit dem gefährlichen Malaria-Erreger infizieren.
Mit einem einzigen Stich können weibliche Anopheles-Mücken den Menschen mit dem gefährlichen Malaria-Erreger infizieren. Bildquelle: CDC/James Gathany

Er ist Chemiker, hat mehrere Firmen und engagiert sich in der Bekämpfung weltweiter Seuchen. Chemie, Wirtschaft oder Medizin – was interessiert Peter Seeberger am meisten? „Alles“, sagt er, denn der Chemie-Professor an der Freien Universität und Leiter der Abteilung „Biomolekulare Systeme“ am Max-Planck-Institut (MPI) für Kolloid- und Grenzflächenforschung verbindet die drei Bereiche miteinander. Heute Abend tritt Peter Seeberger in der "Großen Show der Naturwunder" im Ersten auf.

Seeberger ist es in den vergangenen zwei Jahren gelungen, eine Methode zu entwickeln, um Artemisinin, den effektivsten Wirkstoff gegen Malaria, kostengünstig und in großen Mengen herzustellen. So hofft er, sein langfristiges Ziel umsetzen zu können: einen Malariaimpfstoff herzustellen, der für alle Menschen erschwinglich ist. Seine Firma Ancora Pharmaceuticals arbeitet schon an der Umsetzung.

Die Artemisinin-Herstellung ist nicht das einzige Medizin-Projekt Seebergers. Der Chemiker arbeitet eng mit der Charité-Universitätsmedizin zusammen, der gemeinsamen medizinischen Fakultät von Freier Universität und Humboldt-Universität: Allein sechs Forschungsvorhaben betreut er dort, die zu Ausgründungen führen könnten. Seeberger arbeitet gern selbstbestimmt, seine Forschung treibt er ehrgeizig und unermüdlich voran.

Nach sechs Jahren an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich führte ihn 2009 sein Weg nach Berlin. Das Angebot, gleichzeitig an der Freien Universität Berlin und dem Max-Planck-Institut arbeiten zu können, überzeugte ihn. Die Freie Universität hält der Wissenschaftler für „besser als die meisten amerikanischen Universitäten". Ihre bottom-up-Struktur genießt er, hier und am MPI habe er viel Freiraum zum Forschen: „Neugier und die Dinge nicht so zu nehmen, wie sie sind“, das bedeutet Erfindergeist für den Wissenschaftler.

Forschungsreisender

Peter Seeberger spricht zügig und präzise. Nur keine Zeit verlieren: „Ich bin fast ununterbrochen weg, habe viele Projekte auf der ganzen Welt.“ Am Tag vor dem Gespräch ist er aus den USA zurückgekommen, rund 50 Vorträge hält er jährlich allein außerhalb Deutschlands. Seeberger arbeitet zielgerichtet – das war schon von Anfang an so: Eigentlich will der junge Chemiestudent nur für ein Jahr in die USA gehen, doch als ihm die University of Colorado anbietet, in Biochemie zu promovieren, sagt er sofort zu. Große Firmen sind danach an ihm interessiert, aber als das berühmte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge anklopft, „braucht es keine lange Überlegung“.

Durch Grundlagenforschung zu Malariaforschung

Impfstoffe kostengünstig herstellen und damit den Ärmsten auf der Welt helfen zu können, treibt Seeberger an, seit er sich Ende der Neunzigerjahre mit chemischer Grundlagenforschung beschäftigt hat. Mittels automatisierter Synthesemethoden gelang es ihm schon damals, einen neuartigen synthetischen Impfstoffkandidaten herzustellen. „Im Tier war der Malaria-Impfstoff zu hundert Prozent effizient“, sagt Seeberger. Doch dann stockte die Arbeit: Große Firmen, mit denen er in Zusammenarbeit geforscht hatte,  wollten die Daten nicht veröffentlichen. Seeberger sieht das realistisch: „Forschungen, die vor allem armen Menschen und Ländern zugute kommen, dauern leider immer etwas länger.“

Doch er bleibt dran und kann Ende vergangenen Jahres Erfolg bei der synthetischen Herstellung des Wirkstoffs Artemisinin melden: Mit seinem Team ist es ihm gelungen, einen materialunaufwendigen, kostengünstigen Reaktor zu konstruieren. Durch diesen kann durch einen fotochemischen Prozess das chemisch sehr anspruchsvoll gebaute Molekül Artemisinin – das als Malaria-Wirkstoff bisher pflanzlich aus dem Einjährigen Beifuß gewonnen werden musste und schon aus der traditionellen chinesischen Medizin bekannt ist – synthetisiert werden. „Somit ist die Produktion des Wirkstoffs nicht länger von der Gewinnung aus Pflanzen abhängig“, sagt Peter Seeberger.

Wirkstoff für die 500 Millionen Malaria-Erkrankten weltweit

Pro Reaktor könne jeweils eine Tonne des Artemisinin-Wirkstoffes hergestellt werden – das entspricht einem Prozent des Weltbedarfs: „Wir gehen davon aus, dass 800 unserer einfachen Fotoreaktoren ausreichen, um damit den weltweiten Bedarf an Artemisinin zu decken“, sagt Peter Seeberger. So könnte der Preis enorm gedrückt werden, „denn bislang können sich viele der weltweit mehr als 500 Millionen Malaria-Erkrankten den Wirkstoff nicht leisten.“ Und Seeberger setzt noch einen Schritt vor der Impfung an: Gemeinsam mit einem Äthiopier gründete er die Hope for Africa Foundation. Das erste Projekt der Stiftung ist eine Fabrik, in der Äthiopier Moskito-Bettnetze herstellen. Denn: „Wer nicht gestochen wird, wird auch nicht krank.“

Weitere Informationen

Die "Große Show der Naturwunder" wird am Donnerstag, 16. August 2012 um 20.15 in der ARD ausgestrahlt.