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„Nichts steht für sich selbst!“

Uwe Tellkamp hielt die erste Siegfried-Unseld-Vorlesung an der Freien Universität

14.06.2012

Meister der Fiktion in der Realität: Uwe Tellkamp signierte nach seiner Vorlesung "Botenstoffe" seine Bücher und nahm sich Zeit für Gespräche.
Meister der Fiktion in der Realität: Uwe Tellkamp signierte nach seiner Vorlesung "Botenstoffe" seine Bücher und nahm sich Zeit für Gespräche. Bildquelle: Frank Nürnberger

Er war gekommen, um über Mythen zu sprechen – am Ende war es ein packender Vortrag über das Wesen von Literatur, über die Beziehung zwischen Dichtung und Wahrheit. Uwe Tellkamp, Träger des Deutschen Buchpreises und Autor des großen Zeitromans „Der Turm“, hielt auf Einladung des Dahlem Humanities Center die erste Siegfried-Unseld-Vorlesung an der Freien Universität. Es war der Auftakt einer neuen Vorlesungsreihe, die in Kooperation zwischen Freier Universität Berlin und Suhrkamp Verlag nun alle zwei Jahre stattfinden soll.

Der Vortrag, mit dem Uwe Tellkamp, Deutscher Buchpreisträger 2008, die Siegfried-Unseld-Vorlesung eröffnete, trug den Titel „Botenstoffe“. Er fragte nicht nur nach der Bedeutung des Mythos für die Literatur, sondern beschäftigte sich auch mit der Frage, inwiefern ein Roman „politisch sein darf“. Jenseits von Mythen und Politik sprach Tellkamp aber vor allem über die Wirkungskraft von Fiktion – dem Wesen der Literatur.

„Die Welt, wie ich sie draußen erfahre, existiert nicht im Roman“, sagte Tellkamp vor rund 300 Zuhörern im Hörsaal 1a der Freien Universität, im Beisein des Präsidenten der Freien Universität, Peter-André Alt, und der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. Tellkamp, der Medizin studiert und den Fall der DDR als Zeitzeuge beobachtet hat, gab einen Einblick in seine Poetologie, dank der er in seinem Roman „Der Turm“ eine eigene Welt zu erschaffen und symbolisch aufzuladen vermochte.

Die Darstellbarkeit der Welt

Denn obwohl der Text Tatsachen thematisiert – die bürgerliche Elite in Dresden und den Zusammenbruch der DDR –, behandele sein Roman anthropologische Konstanten, die universelle Gültigkeit hätten, sagte der gebürtige Dresdener. Aus dem gleichen Grund würden wir uns für Wagners „Ring der Nibelungen“ interessieren: Auch heute noch erschiene uns Wagners mythologischer Kosmos aktuell. Insofern plädierte Tellkamp für einen magischen Realismus, für einen verzauberten Blick auf die Welt, in der „ein Bär mit einem Prinzen mehr Gemeinsamkeiten hat als ein Ei mit einem Huhn“. Schließlich gebe es Prinzen, die wie Bären aussähen, aber keine Hühner, die an Eier erinnerten.

Es ging also um die Darstellbarkeit der Welt, um das Verhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit. Tellkamp sprach über die friedliche Revolution von 1989, in der erst der falsche Ausruf eines Journalisten letzte Tatsachen schuf. Gemeint war Hanns Joachim Friedrichs Bericht in den Tagesthemen vom 9. November 1989, in dem er den Fall der Mauer verkündete, bevor die deutsch-deutsche Grenze überhaupt offen stand. Das aufgebrachte Volk nahm die Nachricht jedoch für wahr, stürmte die Mauer und verwandelte die fiktionale Botschaft in handfeste Realität. Ähnlich lasse sich auch die Arbeit eines Autors beschreiben.

„Bürokratie? Was ist sie? Wie arbeitet sie?“

Tellkamp erklärte, dass sein Roman „Der Turm“ ein soziologischer sei, in dem „jedes Ding mit dem anderen in Beziehung steht“. Die allegorische, ja geradezu plastische Qualität seiner Dichtung machte er am Beispiel der ‚Kohleninsel’ plausibel, dem Hauptsitz eines fiktiven Beamtenapparats, der im Roman den Organisationsstrukturen der DDR ähnelt. „Bürokratie? Was ist sie? Wie arbeitet sie?“, fragte Tellkamp.

Das geheimnisvolle Zusammenwirken der Ebenen verglich der Autor mit einer kafkaesken Unterwasserwelt, in der jedes Teil seinen Platz hat, ohne dass sich rational erklären ließe, was den Apparat am Leben erhält. Die einzelnen Mitarbeiter – Abteilungsleiter, Beamte, Steuerer – verglich Tellkamp mit Unterwassertieren und Insekten, die sich gegenseitig kontrollierten und legitimierten. Im „Turm“ sind es Boten, die den fiktionalen Roman mit Stoff beliefern – und doch könnten sie unserer realen Welt entsprungen sein.

Weitere Informationen

Suhrkamp Verlag

Der Suhrkamp Verlag wurde 1950 von Peter Suhrkamp gegründet. 1952 trat Siegfried Unseld in den Verlag ein, 1957 wurde er Gesellschafter und 1959 nach dem Tod Suhrkamps alleiniger Verleger. 2002 starb Unseld, seitdem führt Ulla Unseld-Berkéwicz die Geschäfte. 2010 zog der Verlag von Frankfurt am Main nach Berlin. Zur Verlagsgruppe Suhrkamp gehören der Insel Verlag, der Deutsche Klassiker Verlag, der Jüdische Verlag und der Verlag der Weltreligionen. Verlegt werden deutschsprachige und internationale Belletristik sowie ein großes Segment an wissenschaftlichen Titeln.

Mit der neuen Unseld-Vorlesung an der Freien Universität Berlin wird für Ulla Unseld-Berkéwicz eine langjährige Zusammenarbeit gefestigt: „Die Freie Universität war und ist ein wichtiges akademisches Zuhause unserer Autoren, von Dieter Henrich, Jacob Taubes, Peter Szondi bis hin zu Sibylle Lewitscharoff. Die Verbindung von Universität und Verlag, von Wissenschaft und Literatur ist bis heute von ungebrochener Produktivität.“

Lesen Sie auch das Interview in der Tagesspiegel-Beilage mit Prof. Peter-André Alt über die neue Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag.