Freie Universität Berlin


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„In Ägypten ist alles offen“

Ägyptische Studierende besuchten die Freie Universität, um sich über Aufbau und Strukturen einer deutschen Hochschule zu informieren

15.03.2012

Beim Interview: Der Medizinstudent Mohamed (l.) und Hesham (r.), Student der Politikwissenschaft
Beim Interview: Der Medizinstudent Mohamed (l.) und Hesham (r.), Student der Politikwissenschaft Bildquelle: Florian Kohstall
Von Kairo nach Dahlem: 16 Studierende aus Ägypten waren eine Woche lang zu Gast an der Freien Universität Berlin
Von Kairo nach Dahlem: 16 Studierende aus Ägypten waren eine Woche lang zu Gast an der Freien Universität Berlin Bildquelle: Stefanie Kirsch

Sechzehn Studierende aus Ägypten waren in der vergangenen Woche zu Gast an der Freien Universität Berlin: In Gesprächen mit Studienberatern, Fachschaftsvertretern und Professoren konnten sich die im März neu gewählten Studentenvertreter aus Kairo über studentische Mitbestimmung und den akademischen Alltag an einer deutschen Universität informieren. Die hier gewonnenen Eindrücke sollen in den Reformprozess an ägyptischen Hochschulen einfließen.

Mohamed ist beeindruckt. „Die Zeit hier war unfassbar interessant. Wir haben so viel gesehen und so viel gelernt.“ Der 19-jährige Medizinstudent hat eine Woche in Berlin verbracht, um das deutsche Universitätssystem in der Praxis zu erleben. Wenn der Studentenvertreter zurück in Kairo ist, will er seinen Kommilitonen von seinen Eindrücken berichten und die gewonnen Erkenntnisse in den akademischen Reformprozess einfließen lassen. „In Kairo befinden wir uns mitten in einer Zeit der Veränderung. Wir haben ein neues Universitätsgesetz in Angriff genommen, das wir noch dieses Jahr verabschieden möchten. Das ist das große Ziel.“

Die Rechte von Studierenden kennenlernen

Es gibt noch viel zu tun, das weiß auch Hesham, Student der Politikwissenschaft aus Kairo. Das Anfang vergangenen Jahres gestürzte Mubarak-Regime hat tiefe Spuren hinterlassen, auch im akademischen Bereich. Vor dem Diktatorensturz hatten die Studierenden kaum Partizipationsrechte, alle wichtigen Entscheidungen wurden im Hintergrund getroffen, ganz im Interesse der Mubarak-Mitstreiter. Es gab keine faire Wahlmöglichkeit für Studierende, kein echtes Mitspracherecht, keine Veränderung. „Rechte gab es nur auf dem Papier“, sagt Hesham. „In Deutschland ist das anders. Hier können die Studierenden ihre Zukunft mitbestimmen. Das wollen wir auch. Und ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.“

Universität als demokratischer Ort

Die sechzehn Studierenden wurden von Vertretern der Freien Universität Berlin nach Deutschland eingeladen, damit sie erfahren, wie ein demokratischer Universitätsapparat im Alltag funktioniert. Fachschaftsvertreter, Professoren und Studienberater der Freien Universität Berlin erklärten den jungen Ägypterinnen und Ägyptern, welche Rechte und Pflichten Studierende hier haben, und wie sich die Universität als demokratischer Ort entwickelt hat. Manches erstaunte die Gäste: „Man hat uns erzählt, dass nur 15 Prozent der Studierenden zur Studentenparlamentswahl gehen. Das kann nicht wahr sein! Die Leute verstehen nicht, wie hart diese Rechte erkämpft sind“, sagt Hesham Mohammed. Eine solche Einstellung verstimmt den 19-Jährigen: „Für das gleiche Recht in Ägypten sind meine Freunde auf dem Tahir-Platz gestorben.“

Blick in die europäische Geschichte

Trotz der schlechten Nachrichten der vergangenen Wochen aus Ägypten, des stockenden Reformprozesses im politischen System und der wieder aufglimmenden Ausschreitungen, sind die Jugendlichen optimistisch. „Man muss nur auf Europa schauen, um Mut zu gewinnen. Nach der französischen Revolution kam Napoleon. Und was kam dann? Freiheit! Jetzt ist ganz Europa den Franzosen für ihre Revolution dankbar.“ Auch Deutschland habe nach der Wende lange gebraucht, um in den neuen Ländern das DDR-System zu überwinden und verkalkte Strukturen aufzubrechen. Der Ägypter ist sich sicher: So werde es auch in seiner Heimat sein.

"Habt Geduld mit uns"

Florian Kohstall, Leiter des Verbindungsbüros der Freien Universität in Kairo, hat die Studierenden auf der vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) finanzierten Reise begleitet. Obwohl seine Einschätzung der derzeitigen Lage in Ägypten etwas pessimistischer ist, betont auch er die Prozesshaftigkeit der Situation. „Viele Profiteure des alten Regimes beharren auf ihren Standpunkten und zeigen sich reformunwillig. Diese Gruppen glauben, dass die Revolution von außen gesteuert wurde.“ Trotzdem heiße das nicht, dass die Revolution gescheitert sei. „In Ägypten ist alles offen.“ Auf diesem Standpunkt stehen auch die ägyptischen Studierenden: Sie sind überzeugt, dass ihre Revolution notwendig war und zu nachhaltiger Veränderung führen wird. Deshalb richtet Mohammed vor seiner Rückreise eine Bitte an die Europäer: „Erinnert Euch an die eigene Vergangenheit und habt ein bisschen Geduld mit uns!“