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„Am Anfang waren wir schließlich alle Brüder“

Ein Franzose jüdischen Glaubens und ein Iraner mit muslimischem Hintergrund erforschen im Team von Chemieprofessor Peter Seeberger die Welt der Nanopartikel

22.02.2012

Richtig oder falsch - diese Entscheidung gilt nur im Chemielabor. Bei Fragen zum Glauben und zu Politik ist es schwieriger. Dan Grünstein (l.) und Ali Barandov an ihrem Arbeitsplatz.
Richtig oder falsch - diese Entscheidung gilt nur im Chemielabor. Bei Fragen zum Glauben und zu Politik ist es schwieriger. Dan Grünstein (l.) und Ali Barandov an ihrem Arbeitsplatz. Bildquelle: Juliane Bartsch

Dan Grünstein und Ali Barandov arbeiten Hand in Hand im Labor des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Zusammenarbeit, denn ihre Herkunft scheint wie eine Kluft: Ali Barandov ist in einer muslimischen Familie in Teheran aufgewachsen, wo er auch studiert hat, und Dan Grünstein ist strenggläubiger Jude aus dem Elsass.

Die beiden Chemiker gehören zum Team „Biomolekulare Systeme“ um Professor Peter Seeberger, Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung und Professor der Freien Universität. Dort wird erforscht, wie Nanopartikel als Transporter für Moleküle funktionalisiert werden können, etwa für medizinische Wirkstoffe.

Austausch über wissenschaftliche, aber auch politische Fragen

Nicht nur die Arbeit verbindet die Wissenschaftler, auch eine Freundschaft. „Alis Laune am Morgen verrät mir gleich, wie es gerade um den Iran steht“, sagt Dan Grünstein und lacht. Der 26-Jährige hat es scherzhaft gesagt, und doch scheint es so. Ali Barandov verfolgt die Nachrichten über sein Herkunftsland genau: „Vieles, was dort passiert, ist diskussionswürdig, deshalb möchte ich mich unbedingt auf dem Laufenden halten“, erklärt er.

Ali Barandov und Dan Grünstein sind sehr an den Ansichten des jeweils anderen interessiert. Sie tauschen sich nicht nur über ihre wissenschaftliche Arbeit aus, sondern auch über Politik. Ihre unterschiedliche Herkunft birgt dabei kein Konfliktpotenzial. „Wir haben damit überhaupt kein Problem, denn wir versuchen immer, einander zu verstehen“, sagt Ali Barandov.

Respektvoller Umgang im ganzen Team

Dieser respektvolle Umgang miteinander herrscht im gesamten Team von Chemieprofessor Peter Seeberger. Dort arbeiten Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammen: aus Indien, Korea, den USA, Europa und Marokko. „Natürlich diskutieren wir in Kaffeepausen auch tiefgreifend über Politik und Religion“, sagt Dan Grünstein. Sein Kollege ergänzt: „Als Wissenschaftler gibt es für uns eine Regel, an die wir uns alle halten: In Fachgesprächen zählt einzig die Logik, da ist etwas entweder richtig oder falsch. Bei Themen wie Religion allerdings geht es um den persönlichen Glauben, da kann man nicht so kategorisch unterteilen. Wir respektieren einander, ganz egal, ob jemand gläubig ist oder nicht.“

Aus Teheran und Zürich an die Freie Universität

Der gebürtige Teheraner Ali Barandov kam 2004 aus dem Iran nach Deutschland, um an der Freien Universität bei Professor Ulrich Abram zu promovieren. Nach einem anderthalbjährigen Postdoc-Aufenthalt in Bonn zog es den 33-Jährigen – der mittlerweile auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat – Anfang 2011 zurück nach Berlin. Im Team von Professor Seeberger traf er auf Dan Grünstein, der seit 2009 in der Abteilung „Biomolekulare Systeme“ forscht und seine Doktorarbeit schreibt. Grünstein hatte, bevor er an die Freie Universität kam, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich studiert, wo er Peter Seeberger kennenlernte.

Labor und Synagoge

Im Gegensatz zu seinem Kollegen bezeichnet sich Dan Grünstein als strenggläubig: Nach der Arbeit im Labor studiert er an zwei oder drei Abenden in der Woche zu Hause mit einem Lehrer oder einem Freund jüdische Schriften. Er betet täglich drei Mal, auch im Labor, und versucht, abends so oft wie möglich in die Synagoge zu gehen. Einen Widerspruch zwischen seinem Glauben und der Wissenschaft gibt es für ihn nicht: „In meiner Arbeit versuche ich zu verstehen, wie die Welt aufgebaut ist. Mein Glaube spielt sich auf einer ganz anderen, einer emotionalen Ebene ab. Ich kann beides gut miteinander vereinbaren.“

Die gute Zusammenarbeit mit Ali Barandov ist für Dan Grünstein selbstverständlich: „Am Anfang waren wir schließlich alle Brüder, denn Abraham war mit seinen Söhnen Isaak und Ismael unser aller Stammvater.“ Dem Tanach – dem Alten Testament – zufolge gehen die zwölf Stämme Israels auf Isaaks Sohn Jakob zurück, und der muslimische Prophet Mohammed gilt als Nachkomme Ismaels.