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„Vergesst die Gerechtigkeit nicht!“

Die amerikanische Feministin und Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser ist Einstein-Visiting Fellow an der Freien Universität

19.12.2011

Nancy Fraser ist zum Einstein-Visiting Fellow am John-F.-Kennedy-Institut ernannt worden. Die Urkunde überreichte Dr. Marion Müller, Leiterin der Geschäftsstelle der Einstein Stiftung Berlin.
Nancy Fraser ist zum Einstein-Visiting Fellow am John-F.-Kennedy-Institut ernannt worden. Die Urkunde überreichte Dr. Marion Müller, Leiterin der Geschäftsstelle der Einstein Stiftung Berlin. Bildquelle: Frank Nürnberger
Nancy Fraser sprach über das Thema „Can Society be Commodities all the Way Down?“
Nancy Fraser sprach über das Thema „Can Society be Commodities all the Way Down?“ Bildquelle: Frank Nürnberger
Nancy Fraser (links), Ethan Miller, Postdoktorand (Mitte), Brigitte Fluck, Ehefrau von Prof. Winfried Fluck, pensionierter Leiter der Abteilung Kultur im Kennedy-Institut, Mitglied und ehemaliger Vize-Direktor der Graduiertenschule.
Nancy Fraser (links), Ethan Miller, Postdoktorand (Mitte), Brigitte Fluck, Ehefrau von Prof. Winfried Fluck, pensionierter Leiter der Abteilung Kultur im Kennedy-Institut, Mitglied und ehemaliger Vize-Direktor der Graduiertenschule. Bildquelle: Frank Nürnberger

Nancy Fraser ist eine der berühmtesten Feministinnen der Welt. Die Politologin, die an der renommierten New School for Social Research in New York arbeitet, wurde zum ersten Einstein-Visiting Fellow an der Graduiertenschule für Nordamerikastudien des John-F.-Kennedy-Instituts der Freien Universität Berlin ernannt. Im Eröffnungsvortrag „Can Society be Commodities all the Way Down?“ sprach Nancy Fraser über die Grundlagen der aktuellen Weltwirtschaftskrise und plädierte dafür, in der ökonomischen Analyse die Dringlichkeit sozialer und geschlechtlicher Gerechtigkeit nicht zu vergessen.

Nancy Fraser begann ihren Vortrag mit einer messerscharfen Problemanalyse: Im Angesicht der Euro-Krise und der schwachen Wirtschaft in den USA sei es jetzt angebracht, die Komplexität der Krise vor dem Hintergrund ihrer langen Entstehungsgeschichte zu betrachten. Denn anstatt sich allein auf den ökonomischen Aspekt zu konzentrieren, müsse man alle gesellschaftlichen Bereiche, die von den aktuellen Markt-Turbulenzen betroffen seien, in den Fokus nehmen. Als zentrale Brennpunkte nannte Fraser die Erderwärmung, die darbende Ökonomie und den Verlust der sozialen Bindungsfähigkeit. „All diese Bereiche funktionieren nach ähnlichen Regeln.“

Aktuelle globale Krise die Folge von radikaler Ökonomisierung seit dem Zweiten Weltkrieg

Während des Vortrags griff die Feministin auf die Theorie des ungarisch-österreichischen Ökonomen Karl Polanyi (1886-1964) zurück, der in seinem Buch „The Great Transformation“ die Verwandlung der Agrargesellschaft des 19. Jahrhunderts zu einer modernen Marktgesellschaft beschreibt. Seine Theorie gilt deshalb als revolutionär, weil sie zeigt, dass die steigende Liberalisierung der Märkte den Menschen nicht nur in seinen Arbeitsgewohnheiten verändert, sondern auch Auswirkungen auf die Lebens-, Gefühls- und Beziehungsqualitäten hat. Diese radikale Ökonomisierung des Menschen problematisierte Nancy Fraser mit klugen Argumenten: Sie sprach davon, dass nach dem Zweiten Weltkrieg eine „zweite große Transformation“ begonnen hätte, deren Resultat die heutige globale Krise sei.

Fraser stützte sich auf Polanyi, als sie für das 20. und 21. Jahrhundert eine „Marktgesellschaft“ identifizierte, in der alle gesellschaftlichen Bereiche den prekären Gesetzen der Ökonomie gehorchten. Zu beobachten sei eine Monetarisierung der „fiktiven Waren“ „Arbeit, Grund und Boden“, die keinen stabilen und geschützten Wert mehr hätten, sondern den unberechenbaren Triebkräften des Marktes unterworfen seien. Dies sei paradoxerweise nicht nur „ein Angriff auf die Substanz des sozialen Zusammenhalts, sondern auch einer auf die Funktionsmechanismen der Marktwirtschaft insgesamt“.

Destabilisierung des Marktes hat Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens

Hier lag die entscheidende Pointe des Vortrags, die zugleich den ausführlichen Vorlauf rechtfertigte: Eine Gesellschaft dürfe insgesamt keine Marktgesellschaft sein, weil der Markt in seiner Eigenlogik dazu tendiere, in regelmäßigen Abständen in Krisen zu verfallen, die im Lauf der Jahrzehnte in ihrem zerstörerischen Ausmaß zunehmen würden. Indem also Gesellschaften sich gänzlich vom Markt abhängig machten (in ihrer Arbeits-, Geld-, Grund- und Boden-Politik), seien alle gesellschaftlichen Bereiche in Krisenzeiten von den harten Erschütterungen betroffen. Es gebe keine rettenden Inseln der Sicherheit mehr. „Dies destabilisiert die Elemente des sozialen Lebens und stört die Lebensbedingungen des Menschen insgesamt.“ Oder mit anderen Worten: wo kein Mensch mehr, da kein Markt.

Spannend war nun die Frage, mit welcher Alternative Nancy Fraser auftreten würde: Überraschend war, dass sie in ihrem Vortrag nicht die gleichen Konsequenzen zog wie ihr Vorbild Polanyi (mit der Forderung nach einem protektionistischem System), sondern für eine Theorie plädierte, die sich neben der ökonomischen Gerechtigkeit auch der Selbstbestimmung und der Gerechtigkeit zwischen beiden Geschlechtern verschreiben sollte. Sie kritisierte, dass in Zeiten der Krise reaktionäre Stimmen laut würden, die nostalgisch zu einer Ära zurück wollten, die im Grunde auf „Unterdrückung“ basierte. „Vieles, was die Marktwirtschaft verabschiedet hat, war nicht unbedingt erhaltenswert.“ Beispielsweise patriarchalische Strukturen und die Duldung der Sklavenhaltung. Insofern forderte Fraser eine neue Kritik der politischen Ökonomie, die sich allen gesellschaftlichen Bereichen verpflichtet fühlt und nach einer Balance zwischen ökonomischer Gerechtigkeit und sozialer Gleichheit sucht.

Plädoyer für "dritten Weg"

Fraser kritisierte die enthemmte Marktwirtschaft mit dem terminologischen Rüstzeug von Karl Polanyi, wobei sie gleichzeitig den „blinden Fleck“ des (männlichen) Ökonomen aufzudecken versuchte. Sie forderte schließlich eine „komplexe normative Perspektive“, die Integration, Sicherheit, Emanzipation und soziale Gerechtigkeit impliziert. Als sie gefragt wurde, wie ihr – freilich utopischer – Ruf nach transnationaler Demokratie und sozialer Ruhe zu realisieren sei, antworte sie knapp und doch mit prägnanter Schärfe: „Ich plädiere für einen dritten Weg zwischen Marx und Polonyi. Schauen wir einfach, wie weit wir damit kommen.“

Nancy Fraser wird bis Ende 2012 mit einer Gruppe von Postdoktoranden an der Graduiertenschule des John-F.-Kennedy-Instituts zusammenarbeiten und sich mit dem Thema „Krisen der Demokratie“ beschäftigen.