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Von Geisterhand gesteuert

Video: Informatiker der Freien Universität testen ein autonomes Fahrzeug in der Berliner Innenstadt

20.10.2011

Informatiker der Freien Universität testen ein autonomes Fahrzeug in der Berliner Innenstadt
Informatiker der Freien Universität testen ein autonomes Fahrzeug in der Berliner Innenstadt Bildquelle: Claudia Heinstein

Kann sich ein Auto ohne Fahrer im Stadtverkehr bewegen? Noch dazu im Herzen von Berlin? Kann es autonom Ampeln erkennen, Kreisel durchfahren, Spuren wechseln, all dies mit korrekter Geschwindigkeit? Ein Team der Freien Universität um Informatik-Professor Raúl Rojas hat bewiesen, dass es geht. Ihr Auto fuhr souverän – und mit grünem Licht der Behörden.

Tauben stürzen sich wie übermütig aus rosa Wolken an diesem frühen Sonntagmorgen über dem Kaiserdamm. Doch für solche Naturschauspiele haben die Männer in den weißen Jacken mit Schriftzug „AutoNOMOS Labs“ keine Zeit. Sie umringen einen VW-Passat, auf dessen Dach eine Art silberner Topf rotiert.

Erst bei näherem Hinsehen fallen auch die schokoladentafelgroßen Sensoren auf, die in Kniehöhe an Seiten, Heck und Front des Fahrzeugs montiert sind. Und spätestens ein Blick in den mit Kabeln und allerlei technischen Kästen gefüllten Kofferraum macht klar: Hier parkt kein alltägliches Auto.

Lenkrad, Bremse und Gastpedal bewegen sich wie von Geisterhand

„Können mich alle hören?“, fragt Tinosch Ganjineh auf dem Rücksitz des Passats in sein Walkie-Talkie, „wir fahren mit dem Auto jetzt autonom die zehn Kilometer zum Brandenburger Tor und zurück.“ Der Informatiker leitet das vom Bundesforschungsministerium geförderte AutoNOMOS-Projekt der Arbeitsgruppe Künstliche Intelligenz. Ganjinehs Stimme knistert aus den Funkgeräten von drei Autos in Blickweite.

Auf dem Fahrersitz des Passats hebt Daniel Göhring demonstrativ die Hände. Der Blick von Beifahrer Miao Wang ruht auf dem Monitor, der die vierspurige Fahrbahn zeigt und alle anderen Autos als bewegliche Kästen darstellt, die über Laserscanner, Radar und Videokameras erfasst werden.

Dann setzt der Passat aus der Parklücke, ordnet sich ein und hält auf die erste Kreuzung zu – Lenkrad, Bremse und Gastpedal bewegen sich wie von Geisterhand. Als bedürfe es eines Belegs für die Gelassenheit der Passagiere und für die zukunftsweisende Art der Beförderung, tönt aus dem Autoradio „Aus der neuen Welt“ von Antonín Dvořák. „Ich könnte jederzeit eingreifen“, sagt Daniel Göhring.

Doch er lässt die Hände auf dem Schoß und die Füße auf der Matte. Ohne Zwischenfall und mit konstanter Geschwindigkeit erreicht das Auto nach zwölf Minuten das Brandenburger Tor und wendet. „Das Auto könnte jeden beliebigen Ort in der Hauptstadt selbstständig ansteuern“, sagt Tinosch Ganjineh.

Die Roboterstimme im autonomen Fahrzeug meldet „grün“

Ein Hupkonzert vor dem Kreisel am Großen Stern reißt die Passagiere aus ihren Gedanken. Doch es gilt nicht dem autonomen Fahrzeug, sondern einem Mercedesfahrer aus München, der trotz grüner Ampel an der Haltelinie klebt. Im gleißenden Licht der aufgehenden Sonne sind die Ampelfarben kaum zu erkennen. Die Roboterstimme im autonomen Fahrzeug meldet „grün“, und der Passat lässt das hupende Knäuel hinter sich. Nach 46 Ampeln und vier Kreisverkehren stoppt das Auto am Kaiserdamm.

Professor Raúl Rojas, Direktor der Arbeitsgruppe Künstliche Intelligenz, der dem Passat in seinem eigenen Auto gefolgt ist, ist zufrieden. Für ihn gehört dem autonomen Fahren die Zukunft: „Auf privatem Gelände könnten wir schon jetzt so fahren“, sagt er, „im Stadtverkehr in 20 bis 30 Jahren.“ Dann könnten autonome Taxis durch die Städte schwärmen.

Im Januar fliegt das Team um Raúl Rojas mit dem autonomen Auto erst einmal um den halben Globus: Der Bürgermeister von Mexiko-Stadt hat die Wissenschaftler eingeladen, sich auf einer Technikmesse zu präsentieren. „Er will das ganze Zentrum für uns zumachen“, sagt der Informatiker. Darf der Bürgermeister mitfahren? Rojas lacht: „Nur, wenn er früh aufsteht.“