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Kein Buch mit sieben Siegeln

Das Entziffern alter Handschriften gehört zu den Schwerpunkten des Masterstudiengangs Editionswissenschaften an der Freien Universität Berlin

18.08.2011

Gegenstand der Paläografie sind alte Handschriften: Hier ein Bericht über die Zerstörung der Stadt Magdeburg im Jahr 1631
Gegenstand der Paläografie sind alte Handschriften: Hier ein Bericht über die Zerstörung der Stadt Magdeburg im Jahr 1631 Bildquelle: Irina Sulejmanovic
Handschrift mit Predigten des Mystikers Johannes Tauler, entstanden Mitte des 16. Jahrhunderts in einem Nonnenkloster in Arnhem (Niederlande).
Handschrift mit Predigten des Mystikers Johannes Tauler, entstanden Mitte des 16. Jahrhunderts in einem Nonnenkloster in Arnhem (Niederlande). Bildquelle: Irina Sulejmanovic
Eef Overgaauw ist Leiter der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek und lehrt im Studiengang Editionswissenschaft an der Freien Universität.
Eef Overgaauw ist Leiter der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek und lehrt im Studiengang Editionswissenschaft an der Freien Universität. Bildquelle: Irina Sulejmanovic

Es ist vorbei mit Häkchen, Kringeln und Schwüngen – zumindest an Hamburgs Grundschulen. Dort ist die Schreibschrift im Deutschunterricht künftig nicht mehr vorgeschrieben. Computer- und Handytastaturen haben den Füllfederhalter weitgehend abgelöst und nur wenigen gelingt es noch, Großmutters Rezepte zu entziffern. Wer noch ältere Handschriften lesen möchte, benötigt Kenntnisse in Paläografie. Die Handschriftenkunde wird deutschlandweit nur noch an wenigen Hochschulen gelehrt – eine davon ist die Freie Universität.

Jedes Mal, bevor Eef Overgaauw sein Büro in der Berliner Staatsbibliothek verlässt, um Seminare in Dahlem abzuhalten, führt ihn der Weg an den Kopierer. Als Leiter der Handschriftenabteilung verwaltet er eine der umfangreichsten Sammlungen Europas. Chroniken, Rezepte, Predigten, mittelalterliche astrologische Traktate oder auch Reisenotizen Alexander von Humboldts: Die wertvollen Originale sind zumeist im Hochsicherheitsmagazin der Bibliothek verborgen, gut geschützt vor Licht, Luftfeuchtigkeit und Temperaturschwankungen.

Wer sie lesen will, braucht paläografische Kenntnisse – Eef Overgaauw vermittelt sie als Honorarprofessor an Studierende der Editionswissenschaften der Freien Universität. „Die Handschriftenkunde ist dabei eines der wichtigsten Fächer“, sagt Jörg Jungmayr, Koordinator des Masterstudiengangs.

Seit dem Wintersemester 2003/04 können jährlich etwa 15 Studierende, die bereits ihren Bachelorabschluss in historischen oder philologischen Disziplinen erlangt haben, das Edieren von Texten lernen. Kenntnisse über die verschiedenen Stufen, die ein Manuskript bis zu seiner Veröffentlichung durchläuft, werden nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in Verlagen, Archiven oder Bibliotheken benötigt. Ausgebildete Paläografen sind selten geworden, da viele Universitäten das Angebot an „kleinen Fächern“ reduziert haben.

Den Zugang zu Texten ermöglichen

„Edieren heißt, Entscheidungen zu treffen“, sagt Eef Overgaauw. Verschiedene Überlieferungen eines Textes durch mehrere Schreiber, alternative Textstellen innerhalb eines Manuskripts, rudimentär verwendete Satzzeichen oder heute nicht mehr verwendete Buchstabenformen zwingen den Editor bereits beim Verfassen der Abschrift zu eigenen Festlegungen.

Nicht alle Details einer Handschrift sind für heutige Leser relevant, oft ist diesen nicht einmal bewusst, welche Prozesse ein älterer Text bis zum Druck durchlaufen hat. Ein Bewusstsein hierfür will Overgaauw bei seinen Studierenden schaffen. Der Niederländer, der 1990 zu Forschungszwecken nach Berlin kam und seit elf Jahren die Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek leitet, lehrt in einem Pflichtmodul das Lesen der gotischen Schriften, die vom 16. bis ins späte 19. Jahrhundert hinein in Deutschland geläufig waren.

„Wir beschäftigen uns mit der gotischen Kursiva, einer sehr differenzierten, interessanten Schreibschrift, die für deutschsprachige Werke benutzt wurde. Sie wandelte sich im Laufe der Zeit sehr stark, sodass wir von den Schrifteigenschaften auf den Entstehungszeitraum schließen können. Für lateinische Texte gab es damals eine weitere Schrift, die humanistische Kursive, die weniger differenziert und damit für uns nicht so interessant ist“, sagt Overgaauw. Grundsätzlich besonders schwer zu entziffern, seien manche Großbuchstaben, Buchstabenverbindungen und individuelle Eigenarten von Handschriften, die früher ausgeprägter waren als heute.

Alte Schriften helfen dabei, Kulturgeschichte zu erschließen

Im Seminar vergleicht der Paläograf mit den Studierenden ein breites Spektrum von Handschriften mit deren Editionen, wobei er das Augenmerk auf kulturgeschichtlich interessante, aber weitgehend unbekannte Texte lenkt. „Die Studierenden sind grundsätzlich neugierig, und mit Texten bekannter Autoren oder Figuren wie etwa Luther oder Wallenstein würde ich die Aufmerksamkeit zu sehr auf die Person und weniger auf die Schrift lenken“, sagt er.

Das Erlernen einer alten Schrift vergleicht der Honorarprofessor mit dem Aneignen einer Fremdsprache. Das gelänge auch Studierenden aus Griechenland oder China, deren Muttersprache wiederum ein eigenes Schriftsystem habe.

„Ich selbst bin in der Bibliothek hauptsächlich mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt, darum freue ich mich immer, wenn ich ehemalige Studierende im Handschriftenlesesaal sitzen sehe, die für Haus- oder Abschlussarbeiten Editionen anfertigen“, sagt Overgaauw. Denn er weiß, dass im Bestand der Staatsbibliothek viele bislang nicht edierte, zum Teil sogar ungelesene Schätze schlummern.