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„Lehrer werden muss man wollen!“

Beim ersten Berliner Schülercampus konnten 30 Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund vier Tage lang testen, ob ihnen der Lehrerberuf liegt

29.07.2011

Ezgi Öztürk (l.) und Zeinab Mohammed-Noori (r.) experimentieren im PhysLab
Ezgi Öztürk (l.) und Zeinab Mohammed-Noori (r.) experimentieren im PhysLab Bildquelle: Jan Hambura
15 Schüler kamen an die Freie Universität, um mehr über ein naturwissenschaftliches Studium mit Lehramtsoption zu erfahren
15 Schüler kamen an die Freie Universität, um mehr über ein naturwissenschaftliches Studium mit Lehramtsoption zu erfahren Bildquelle: Jan Hambura
Kamer Uçar (m.), ehrenamtlicher Mentor im Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund, im Gespräch mit den Schülern Omar Khalaf (l.) und Berkay Güneş (r.)
Kamer Uçar (m.), ehrenamtlicher Mentor im Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund, im Gespräch mit den Schülern Omar Khalaf (l.) und Berkay Güneş (r.) Bildquelle: Jan Hambura
Mengü Özhan, die selbst viele Jahre als Lehrerin gearbeitet hat, koordiniert das Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund
Mengü Özhan, die selbst viele Jahre als Lehrerin gearbeitet hat, koordiniert das Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund Bildquelle: Jan Hambura

„Warum dauert eine Physik-Klausur an der Uni 90 Minuten?“ „Wenn ich Mathe in der Schule konnte, schaffe ich es dann auch hier?“ „Wie viel verdiene ich als Physiklehrer?“. Vieles wollten die 15 Schülerinnen und Schüler wissen an diesem Sonnabendvormittag in einem Physik-Hörsaal der Freien Universität. Ezgi, Zeinab und Omar sind drei von insgesamt 30 Teilnehmern des ersten Berliner Schülercampus, durch den mehr Migranten für den Lehrerberuf interessiert werden sollen.

Omar Khalafs Vater ist Iraker, seine Mutter Palästinenserin, der 16-Jährige ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und besucht die 10. Klasse der Wilmersdorfer Friedrich-Ebert-Oberschule. Biologie interessiert ihn, er würde gern in die Forschung gehen oder Biologielehrer werden. Bildung ist wichtig in Omars Familie, deshalb will er sich schon frühzeitig über mögliche Berufe informieren. Der Schülercampus hat ihn bestärkt: „Als Lehrer könnte ich nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch meine eigene Persönlichkeit einsetzen, um die Schüler zu unterstützen.“

Das Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund des Senats

Kamer Uçar ist Tutor im Rahmen des Projekts MigraMentor im Fachbereich Physik der Freien Universität. Er hätte sich einen Mentor gewünscht, damals vor 13 Jahren, als der heute 30-Jährige aus der Türkei nach Deutschland kam. Kamer hat sich durchgebissen, Deutsch gelernt und das Abitur nachgemacht. Er studiert im 4. Semester Physik an der Freien Universität. „Es ist wichtig für Migrantenkinder, Ansprechpartner zu haben, die denselben Hintergrund haben wie sie.“

Das weiß auch Mengü Özhan. Sie koordiniert das "Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund", hat selbst viele Jahre als Lehrerin gearbeitet. In den Neunzigerjahren hat die Tochter türkischer Einwanderer Naturwissenschaften an der Freien Universität studiert. Aus eigener Erfahrung Mut machen, möchte sie, ebenso wie Kamer Uçar: „Wir können dabei helfen zu verhindern, dass Studierende mit Migrationshintergrund das Studium abbrechen aus Gründen, die nichts mit dem Fach zu tun haben“, sind sich beide einig.

Professor Volkhard Nordmeier: „Wer hier ist, ist interessiert“

Im Schülerlabor Physlab experimentieren Ezgi Öztürk (18) und Zeinab Mohammed-Noori. Die 20-Jährige hat gerade das Abitur gemacht. Der Uni-Tag sei für sie der wichtigste des Schülercampus gewesen: „Ich weiß jetzt noch sicherer als vorher, dass es für mich die richtige Entscheidung ist, Lehrerin zu werden“, sagt sie. Sie freut sich darauf, für die Ausbildung und Entwicklung von Kindern verantwortlich zu sein und sie auf ihrem Weg durch die Schule zu begleiten.

„Dass die Schülerinnen und Schüler so viel gefragt haben, sich getraut haben, zeigt uns, dass die Veranstaltung funktioniert“, sagen Volkhard Nordmeier, Professor für die Didaktik der Physik an der Freien Universität, und Jörg Fandrich, Leiter des Schülerlabors PhysLab. Gemeinsam mit Diemut Ophardt, Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung der Freien Universität, und Mengü Özhan haben sie die Schüler einen Vormittag lang an der Freien Universität begleitet. Eine zweite Gruppe war zeitgleich an der Humboldt-Universität zu Berlin und hat sich dort über ein geisteswissenschaftliches Lehrerstudium informiert.

Vier Tage lang konnten die Schüler alles fragen, was sie über den Lehrerberuf wissen wollten und darüber mit Vertretern aller Ausbildungsetappen sprechen. Die konzentrierten Angebote in kleinen Gruppen, der enge Kontakt der Schüler zu allen Beteiligten und nicht zuletzt gesellige Unternehmungen wie Grillen am Wannsee haben die Atmosphäre hierfür geschaffen.

Ausgezeichnete Teilnehmer

Nach der feierlichen Auftaktveranstaltung im Berliner Rathaus, nach Hospitationen, Gesprächen und Diskussionsrunden in Neuköllner Schulen sowie Besuchen an der Humboldt-Universität und der Freien Universität, wurden die Schüler am Sonntag ausgezeichnet: Für die erfolgreiche Teilnahme am Schülercampus überreichte ihnen die Staatssekretärin für Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin, Claudia Zinke, ein Zertifikat. Mit der Hoffnung, dass sich viele von ihnen für den Lehrerberuf entscheiden.

Zum Schülercampus "Mehr Migranten werden Lehrer"

Der Schülercampus, der seit der Einrichtung durch die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius 2008 auch schon in anderen Bundesländern stattfand, steht unter dem Motto „Mehr Migranten werden Lehrer“. Was in den Klassenzimmern längst Alltag ist – ein hoher Anteil an Migranten – soll sich endlich auch in den Lehrerzimmern widerspiegeln.

In Berlin wurde das Vorhaben initiiert und gefördert durch die ZEIT-Stiftung sowie die Gemeinnützige Hertie-Stifung. Kooperationspartner sind die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, die Freie Universität Berlin und die Humboldt-Universität zu Berlin. Projektträger ist das „Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund“ – eine Initiative des Berliner Senats –, das an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist.