Freie Universität Berlin


Service-Navigation

„Ein Autor, der das ungenau Gedachte ablehnt“

Der Berliner Literaturpreisträger Thomas Lehr ist auf die Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität berufen worden

16.02.2011

Thomas Lehrs Ziel sei es, sich der Sprache und der Sache würdig zu erweisen. „Mehr hatte ich niemals vor", so der Preisträger.
Thomas Lehrs Ziel sei es, sich der Sprache und der Sache würdig zu erweisen. „Mehr hatte ich niemals vor", so der Preisträger. Bildquelle: Stephan Töpper

Mit Thomas Lehr ist erneut ein Alumnus der Freien Universität mit dem diesjährigen Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet und gleichzeitig auf die Heiner-Müller-Gastprofessur der Universität berufen worden: Auch die Religionswissenschaftlerin und Autorin Sibylle Lewitscharoff, Preisträgerin im vergangenen Jahr, studierte in Dahlem.

Dass der Naturwissenschaftler Lehr nach einem Biochemie-Studium bei der Literatur gelandet ist, sieht Professor Peter-André Alt nicht als Widerspruch: „Phantasie verlangt dieselbe Genauigkeit wie Wissenschaft, deshalb sind die beiden ein schönes Paar.“ Der Präsident der Freien Universität berief Thomas Lehr anlässlich der feierlichen Preisverleihung im Berliner Rathaus auf die Gastprofessur am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Der Schriftsteller sei „eine ideale Wahl“ für den Literaturpreis und für die Poetikprofessur, sagte Alt: Die „Ernsthaftigkeit der sprachlichen Ausarbeitung“ zeichne ihn aus, seine fiktionalen Konstruktionen seien scharfsinnig und intellektuell exakt.

Dabei liebe Lehr das „opulente Erzählen“, verbinde „westliche Prosa“ und „rhapsodisch-östliches Erzählen“, sagte Literaturkritiker Helmut Böttiger als Laudator. Der Schriftsteller hebe so den vermeintlichen Gegensatz zwischen den Welten und Kulturen auf. „Orient und Okzident waren immer aufeinander bezogen.“ Thomas Lehr begreife dies als „einen Grad von Realität, gegen den der Gedanke nichts kann“.

Für den west-östlichen Dialog

Gemeinsames und Trennendes zwischen Ost und West ist ein wiederkehrendes Thema, das die Texte des 1957 in Speyer geborenen Wahlberliners politisch und poetisch prägt: In seinem im Herbst 2010 erschienenen Roman „September. Fata Morgana“ werden die Ereignisse des 11. September 2001 und der zweite Irakkrieg aus den Perspektiven eines in den USA und eines in Bagdad lebenden Vaters und deren Töchter erzählt.

Anlässlich der Debatte um Thilo Sarrazins umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ hatte Thomas Lehr kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift „Goethe war Araber“ eine scharfe Polemik gegen die Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators veröffentlicht. Und lebhaft sowohl für die Lektüre des Koran als auch Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ geworben. Mit einer für manche vielleicht überraschenden Begründung: Während Lehr den Koran für seine „Poesie und Großartigkeit“ lobte, würdigte er Goethes „Divan“ als „Großwerk des Respekts und des kulturellen Dialogs“. Das Werk sei „ein Glücksfall der literarischen Globalisierung, der auf der tieferen Einsicht der gemeinsamen universellen menschlichen Wurzeln beruht“.

Gastprofessor am Peter-Szondi-Institut

Wenn Thomas Lehr von April an die Studierenden an der Freien Universität als siebenter Heiner-Müller-Gastprofessor unterrichtet, folgt er auf Herta Müller, Durs Grünbein und Ilija Trojanow, auf Ulrich Peltzer, Dea Loher und Sibylle Lewitscharoff. Er verspreche, „niemanden zu langweilen“, sagte Lehr. Seine Motivation zu schreiben und die Heiner Müllers unterscheiden sich dabei wesentlich. Während sich der Dramatiker und Namenspatron der Gastprofessur zu „Rachsucht“ als Motor bekannt hatte, möchte Thomas Lehr „sich der Sprache und der Sache würdig erweisen – mehr hatte ich niemals vor.“