Gegen das Vergessen

An der Freien Universität bewahren zwei Sammlungen in Audio- und Video-Interviews die Erinnerungen an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vor 66 Jahren

16.02.2011

Liliana S., ihre Tochter und ihr Enkelsohn am Tag des Interviews für das Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945"
Liliana S., ihre Tochter und ihr Enkelsohn am Tag des Interviews für das Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945" Bildquelle: Freie Universität Berlin

Am 27. Januar wird weltweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Nur noch  wenige Zeugen können von ihren persönlichen Erlebnissen während der NS-Zwangsherrschaft berichten. Digitale Audio- und Video-Archive bewahren ihre Erinnerungen und tragen mit dazu bei, dass ihr Schicksal nicht vergessen wird. Schicksale wie das von Liliana S.

1943 war Liliana S. 13 Jahre alt. Das jüdische Mädchen wurde bei dem Versuch, aus Deutschland in die Schweiz zu fliehen, verhaftet, von ihrer Familie getrennt und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Bis 1945 leistete sie Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik bei Auschwitz. Unter dem Druck der näher rückenden Front, begann die SS 1945 das größte deutsche Vernichtungslager zu räumen: Zehntausende Häftlinge wurden auf teilweise wochenlangen Märschen nach Westen getrieben. Liliana S. war eine von ihnen.

Die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 erlebte sie nicht mit; sie ging von der Munitionsfabrik aus auf einen der sogenannten Todesmärsche. „Wir marschierten, und die Häuser der Deutschen öffneten sich nie. Sie blieben geschlossen, unzugänglich. Ja, es war wohl Nacht, aber es hat uns nie jemand ein Glas Wasser, oder ein Stück Brot angeboten. Niemand hatte Erbarmen, niemand sagte ein Wort.“, erzählt sie im Interview des Online-Archivs „Zwangsarbeit 1939-1945“.

Erinnerungen bewahren

Auschwitz ist nicht nur ein Ort, es ist das Symbol für den industriellen Massenmord an über einer Million Menschen durch das nationalsozialistische Regime. Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, politisch Andersdenkende und Opfer der Eugenik-Politik: Die Holocaust-Überlebenden sind heute  sofern sie noch leben - weit über 80 Jahre alt. Die Generation der direkten Zeugen schwindet und damit auch die Möglichkeit authentische und persönliche  Berichte von ihnen zu hören.

An der Bedeutung erzählter Erinnerungen für zukünftige Generationen besteht indes kein Zweifel. Seit 15 Jahren wird am 27. Januar weltweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht und damit auch die Erinnerung an das ihnen zugefügte Unrecht wach gehalten.

Multimediale Archive an der Freien Universität Berlin

Die Freie Universität bietet Zugang zu mehr als 52.000 lebensgeschichtlichen Interviews, darunter auch die Erzählungen von Liliana S. Die Interviews schildern die persönlichen Erlebnisse der Menschen, die Zwangsarbeit, Konzentrationslager und Todesmärsche überlebt haben. Das weltweit größte historische Video-Archiv, das Visual History Archive (VHA) des Shoah Foundation Institute der University of Southern California, enthält allein 120.000 Interviewstunden mit Überlebenden und Zeugen des Holocaust.

Durch eine Lizenzvereinbarung mit dem Shoah Foundation Institute ist der Archivbestand seit 2006 auch an der Freien Universität verfügbar. Zu Lehr- und Forschungszwecken haben Studierende, Lehrende und Forschende der Freien Universität sowie Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler im Intranet der Freien Universität Zugang zu den Zeitzeugen-Interviews.

Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“

Das Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“, ein Kooperationsprojekt der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mit der Freien Universität Berlin und dem Deutschen Historischen Museum, enthält die lebensgeschichtlichen Interviews von 590 Menschen, die für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten.

Die am Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität entwickelte Online-Plattform www.zwangsarbeit-archiv.de ermöglicht seit 2009 den weltweiten Zugriff auf die Audio- und Video-Interviews. Neben der Digitalisierung und wissenschaftlichen Erschließung der Interviews widmet sich das CeDiS-Projektteam besonders der didaktischen Aufbereitung der Lebensberichte. So ist die Doppel-DVD  „Zeitzeugen-Interviews für den Unterricht“ entstanden: Fünf biografische Kurzfilme, ausgewähltes Zusatzmaterial sowie eine speziell entwickelte Lernsoftware ermöglichen die Auseinandersetzung mit den Interviews im Schulunterricht.