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Sesam, öffne dich

Nachwuchswissenschaftler der Freien Universität bergen in einem Workshop zur arabischen Handschriftenkunde die verborgenen Schätze zwischen zwei Buchdeckeln

Jahrhundertealte Handschriftentradition:  Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops beschäftigten sich intensiv mit den historischen Quellen.
Jahrhundertealte Handschriftentradition: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops beschäftigten sich intensiv mit den historischen Quellen. Quelle: Ernst Fesseler

14.06.2012

Wer sich mit historischen Handschriften beschäftigt, stößt schnell auf einen Mikrokosmos von Formaten, Farben und Funktionen, die ihre ganz eigenen Plausibilitäten produzieren. Deshalb sind sie für die systematische Erforschung durch die Wissenschaft, die Kodikologie und Paläografie, so interessant. Im orientalischen Raum gewinnt dies umso mehr an Bedeutung als sich der umfassende Buchdruck erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierte. In dem Workshop „Einführung in die arabischsprachige Handschriftenkunde“ beschäftigten sich  Nachwuchswissenschaftlerinnen und  -wissenschaftler  sowie Studierende mit der jahrhundertealten Handschriftentradition der arabischen Welt.

Wer heute ein Buch oder eine Zeitung aufschlägt, wer mit PC, Laptop oder Tablet arbeitet, dem mag vor allen Dingen eines auffallen: die Unauffälligkeit eines weitgehend einheitlichen Schriftbilds. Times New Roman ist und bleibt nun einmal Times New Roman – einerlei, auf welcher Tastatur getippt. Das gedruckte und vielleicht mehr noch das digitalisierte Wort pflegen eine ganz eigene Ästhetik des Linearen. Ganz anders verhielt es sich hingegen im Zeitalter der Schrift. Wer mit der Hand schreibt, das gilt heute wie damals, produziert unwillkürlich ein ganz eigenes Schriftbild, das sich deutlich von dem anderer unterscheidet.

Allein darin mag der Praxis des Handschriftlichen schon der Anschein des Einzigartigen und Unvergleichbaren eignen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischen Manuskripten belehrt jedoch schnell eines Besseren: Wenig, das hier den individuellen Vorlieben oder Neigungen des Autors überlassen blieb. Auch das Medium der Schrift kannte offensichtlich seine Vor-Schriften, an die es sich zu halten galt, sofern der Wunsch bestand, gelesen, d.h. zitiert und rezipiert zu werden. Vorbehalten blieb diese Kunst seinerzeit freilich nur einem kleinen Kreis von Auserwählten, den Schriftgelehrten, ausgezeichnet durch ihr Sonderwissen.

"Fühlen Sie die haarige Seite des Pergaments"

Dieses Sonderwissen sollte nun auch den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des von Professorin Sabine Schmidtke, Direktorin der Research Unit „Intellectual History of the Islamicate World“ der Freien Universität Berlin, und Christoph Rauch, Leiter der Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, veranstalteten Workshops „Einführung in die arabische Handschriftenkunde“ zuteilwerden.

„Lassen Sie Ihre Finger über die Seiten gleiten und fühlen Sie die haarige Seite des Pergaments“, forderte Adam Gacek seine Zuhörer zu Beginn der Veranstaltung auf. Mit dem renommierten Arabistikprofessor und ehemaligen Leiter der Islamic Studies Library der McGill University in Montreal, konnte einer der führenden Spezialisten für orientalische Kodikologie und Paläografie weltweit als Referent gewonnen werden.

Schnell wurde den 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kurses klar, dass arabische Handschriften lesen zu lernen zunächst einmal bedeutet, sich mit allem zu beschäftigen – außer mit den eigentlichen Inhalten des geschriebenen Textes. Da ist zum einen die Haptik der Manuskripte. Je nach Verarbeitung, Dichte und Volumen lässt sich auf die Qualität des verwendeten Papiers und damit wiederum auf dessen zeitliche und geografische Herkunft schließen.

Auch Art und Farbe der Tinte, die in schwarz, rot, grün und blau verwendet wurde, verraten dem heutigen Forscher einiges über sich und ihren Nutzer. So findet die mit dem Mineralgemisch Lapislazuli versetzte, leuchtendblaue Tinte ausschließlich in Texten aus dem iranischen Raum Verwendung. Das Schriftbild wiederum verrät einiges über den Autor des Manuskripts und dessen Entstehungsstatus.

Einem Sesam gleich öffnet sich ein weitgehend unerforschter Raum

Je mehr der Verfasser eingefügt, korrigiert, abgekürzt, gestrichen oder am Rand vermerkt hat, desto wahrscheinlicher handelt es sich um einen Textentwurf im Gegensatz zur (kopierten) Endfassung. Diese ist als Reinschrift  wesentlich geordneter und leichter lesbar. Beachtenswert schließlich auch die Eigentümlichkeit der Seiteneinteilung, die zugleich eine Wissensordnung konstituiert, indem sie ihre Inhalte durch die Anordnung von innen nach außen gewichtet. Im Zentrum der Seite steht der Kernsatz, der von Kommentar und Metakommentar konzentrisch eingefasst wird. Dass dabei zumeist ein nicht unbedeutender Rand freigelassen ist, weist darauf hin, dass der Schreiber bereits mit der Möglichkeit weiterer Textanmerkungen von eigener oder von fremder Hand gerechnet hat.

Dass die in der Veranstaltung vermittelten Fähigkeiten heute mehr denn je gefragt sind, erklärt sich mit der Einbeziehung bislang unerschlossener Manuskriptsammlungen, die nicht nur von der Wissenschaft selbst, sondern vermehrt auch von den arabischen Staaten im Bewusstsein ihrer eigenen kulturgeschichtlichen Wurzeln betrieben wird. Eingeleitet ist damit nicht zuletzt eine Trendwende zurück zur Grundlagenforschung in der Islamwissenschaft und ihren verwandten Disziplinen.

Einem Sesam gleich öffnet sich hier ein weitgehend unerforschter Raum, angefüllt mit den vielversprechenden Schätzen der Vergangenheit, die uns vermutlich mehr über unsere Gegenwart und Zukunft sagen können, als ihnen auf den ersten Blick anzusehen ist. Dieses Wissen freizulegen, darin mag das eigentliche Vermögen der Forschung mit historischen Manuskripten liegen.

Katja Jung und Josephine Gehlhar

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