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Künste für eine andere Medizin

Vortrag am 4. Mai zum Thema GeDenkOrt Charité / Heinz-Peter Schmiedebach von der Charité ist der bundesweite erste Professor für Medical Humanities

02.05.2016

Der Medizinhistoriker und Medizinethiker Heinz-Peter Schmiedebach hat die Stiftungsgastprofessur für Medical Humanities an der Charité inne.
Der Medizinhistoriker und Medizinethiker Heinz-Peter Schmiedebach hat die Stiftungsgastprofessur für Medical Humanities an der Charité inne. Bildquelle: Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin
Blick in die Ausstellung „Wissenschaft in Verantwortung – Auf dem Weg zu einem GeDenkOrt.Charité“ im Gebäude der Psychiatrischen und Nervenklinik.
Blick in die Ausstellung „Wissenschaft in Verantwortung – Auf dem Weg zu einem GeDenkOrt.Charité“ im Gebäude der Psychiatrischen und Nervenklinik. Bildquelle: Wolfgang Chodan
Mit Gedenksäulen erinnert die Charité an im Nationalsozialismus vertriebene jüdische Ärzte, Wissenschaftler und Mitarbeiter.
Mit Gedenksäulen erinnert die Charité an im Nationalsozialismus vertriebene jüdische Ärzte, Wissenschaftler und Mitarbeiter. Bildquelle: Wiebke Peitz / Charité

Heinz-Peter Schmiedebach lehrt ein Fach, das es eigentlich noch gar nicht gibt. Er hat die einzige Professur für Medical Humanities in Deutschland inne, eine Stiftungsgastprofessur an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, dem gemeinsamen medizinischen Fachbereich von Freier Universität und Humboldt-Universität. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Konzeption des Projekts „GeDenkOrt Charité“, das er am 4. Mai um 18 Uhr gemeinsam mit der AG GeDenkOrt Charité und Professor Karl-Max Einhäupl, dem Vorstandsvorsitzenden der Charité, bei einer öffentlichen Ringvorlesung vorstellen wird.

Anders als in England oder den USA, wo es Zentren, Forschungsnetzwerke und Studiengänge für Medical Humanities gibt, ist das Fach im deutschsprachigen Raum neu. So neu, dass es nicht einmal einen deutschen Namen dafür gibt. Und trotz der Institutionalisierung ist auch in anderen Ländern umstritten, was genau sich hinter dem Begriff verbirgt. Für Heinz-Peter Schmiedebach jedoch bieten die Medicial Humatities eine große Chance, die er so formuliert: „Die Medizin selber zu einem Gegenstand kritischer Reflektion zu machen – mit dem Ziel, eine andere Medizin zu praktizieren“, sagt er.

Für die Professur ist Schmiedebach nach Berlin zurückgekehrt; neben Tübingen und Mainz hatte er in den 1970er Jahren auch an der Freien Universität studiert, wo er auch promoviert wurde: in Medizingeschichte. „Meine Idee war, über die Vergangenheit Zugang zu den Problemen der Gegenwart zu gewinnen“, sagt er. Nach einer psychiatriehistorischen Doktorarbeit arbeitete er für ein Jahr als Chirurg im Klinikum Steglitz, dem heutigen Campus Benjamin Franklin, bevor er sich ganz der Medizingeschichte und -ethik zuwandte, die er als Professor in Greifswald und am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg lehrte.

Auflösung der Grenze zwischen Krankheit und Gesundheit

Medizin sei eben keine objektive Naturwissenschaft, sondern immer abhängig von zeitgenössischen Vorstellungen, Theorien, Techniken und politischen Rahmenbedingungen, erklärt Schmiedebach. Das werde in der historischen Perspektive besonders auffällig, gelte aber auch für die Gegenwart, in der sich viele Fragen mit neuer Dringlichkeit stellten.

Ein Beispiel dafür sind die Möglichkeiten, durch Genanalysen bestimmte Krankheitsrisiken vorherzusagen, „Wir haben heut sozusagen gesunde Kranke“, sagt Schmiedebach, „gesunde Frauen, bei denen die Veranlagung für Brustkrebs die Krankheit wahrscheinlich macht, oder Sportler, deren genetisch feststellbare Tendenz zu Muskelfaserrissen die Karriere in einem anderen Licht erscheinen lässt.“ Geistes- und Sozialwissenschaften, die mit dem Begriff „Humanities“ zusammengefasst werden, könnten zur Diskussion dieser zunehmenden Verschiebung der Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit beitragen. Und sie können generell den Blick auf die Bedingtheit medizinischen Forschens und ärztlichen Handelns schärfen.

Literarische Texte für angehende Ärzte

Einen wichtigen Ansatzpunkt dafür sieht Schmiedebach in einem Medizinstudium, in dem auch Literatur, Philosophie, Soziologie oder Geschichte vermittelt werden. Literatur, sagt Schmiedebach, der selbst während seines Medizinstudiums Seminare in Germanistik belegt hat, sei nicht nur ein „narrativ-kreatives Konstrukt“, sie vermittle auf besondere Weise, wie Menschen Krankheit erlebten.

Mit angehenden Ärzten in Hamburg las er etwa Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ – einen Krankheitsbericht in Tagebuchform, den der Autor verfasste, nachdem bei ihm ein Gehirntumor festgestellt worden war. „In einem solchen Werk werden Dimensionen offenbart, die ein Arzt kennen sollte.“ In einem Seminar für Medizinstudenten in diesem Sommersemester zu Syphilis und Aids wird deshalb auch eine Anglistin Wort kommen. So sollen die Studierenden ein umfassendes Bild der Infektions-Krankheiten kennenlernen und darüber verstehen, mit welcher Ikonografie und welchen sprachlichen Bildern Krankheiten verbunden sein können.

Medizinisches Denkmuster aufbrechen

Grundsätzlich könnten die Medical Humanities aber noch mehr umfassen, sagt Schmiedebach. In den USA würden etwa bei der Behandlung von Krebs und anderen Krankheiten auch Kunst oder Musik eingesetzt.

Bestimmte Probleme oder Widersprüche in der Medizin seien nicht lösbar, sagt Schmiedebach, aber es sei wichtig, dass sich Wissenschaftler, Ärzte und Patienten ihrer bewusst seien und Risiken zu vermindern. So berge die Medizin neben allen Erfolgen und neuen Möglichkeiten der Prävention, der Heilung oder der Verbesserung der Lebensqualität von chronisch Kranken auch immer ein „strukturelles Gefährdungspotential“, sagt Schmiedebach.

Als Beispiel dafür nennt er, was Viktor von Weizsäcker bereits 1947 als „Vernichtungsordnung der Medizin“ beschrieb: Um zu heilen, vernichte die Medizin neben den Krankheitserregern gesundes Gewebe, Organe und ganze Extremitäten. Vielleicht, so überlegt Schmiedebach, müsse man bei den Infektionskrankheiten einen anderen Ansatz finden, der nicht auf die komplette Zerstörung der Mikroorganismen zielt, sondern eher ein Gleichgewicht anstrebe: eine Homöostase. Medizinisches Denken derart zu hinterfragen, könne zu neuen Forschungsansätzen führen.

Die Charité als Gedenkort

Vorerst sind die Medical Humanities nur mit einer zweijährigen Stiftungsgastprofessur, gefördert von der Friede Springer Stiftung, in Berlin vertreten. Doch gerade in dieser Stadt gäbe es sehr gute Voraussetzungen dafür, einen solchen Schwerpunkt dauerhaft zu etablieren, sagt Heinz-Peter Schmiedebach.

In diesem Sinne geht es bei dem Projekt „GeDenkOrt Charite“, in dem Schmiedebach mitarbeitet, nicht nur um die Erinnerung an die durch die Nationalsozialisten vertriebenen Ärzte und die Beteiligung von Medizinern an der Tötung von Menschen, sondern immer auch um die Aufgabe und Verantwortung, die daraus für die Gegenwart erwachsen.

Weitere Informationen

GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung

Vortrag

Mittwoch, 4. Mai 2016, 18 bis 19.30 Uhr (s.t.), Kopsch-Hörsaal, Institut für Anatomie, Charité, Campus Mitte, Charitéplatz 1, 10117 Berlin

Vortrag von Professor Heinz-Peter Schmiedebach, Medical Humanities, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Professor Karl-Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender, Charité - Universitätsmedizin Berlin und dem Team GeDenkOrt Charité im Rahmen der Ringvorlesung Medizinethik: „Ethische Herausforderungen für die Medizin des 21. Jahrhunderts: Krieg - Flucht - Migration – Medizin“ im Sommersemester 2016.

Ausstellung

Die Ausstellung „Wissenschaft in Verantwortung – Auf dem Weg zu einem GeDenkOrt.Charité“ im Gebäude der Psychiatrischen und Nervenklinik, Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin (Geländeadresse Bonhoefferweg 3) ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.