„Wir werden noch lange von dieser Reise zehren können“

Die Studenten Niklas und Sven sind von ihrer sechsmonatigen Fahrradtour durch Europa zurückgekehrt – mit einer Menge neuer Eindrücke im Gepäck

31.10.2015

Geschafft! Nach sechs Monaten erreichten Niklas Gerhards (re.) und Sven Wang am 30. August das norwegische Nordkap.
Geschafft! Nach sechs Monaten erreichten Niklas Gerhards (re.) und Sven Wang am 30. August das norwegische Nordkap. Bildquelle: Privat
Atemberaubende Landschaft am norwegischen Polarmeer, etwa 150 Kilometer südlich vom Nordkap. „Wir können nur jedem empfehlen, auch so eine Reise zu machen!“, schwärmen die Studenten.
Atemberaubende Landschaft am norwegischen Polarmeer, etwa 150 Kilometer südlich vom Nordkap. „Wir können nur jedem empfehlen, auch so eine Reise zu machen!“, schwärmen die Studenten. Bildquelle: Privat
Auch die Fahrräder haben die 12.000 Kilometer gut überstanden und ihre Besitzer zuverlässig bis ans Polarmeer getragen.
Auch die Fahrräder haben die 12.000 Kilometer gut überstanden und ihre Besitzer zuverlässig bis ans Polarmeer getragen. Bildquelle: Privat

12.000 Kilometer haben sie mit reiner Muskelkraft zurückgelegt, haben viele europäische Länder und Kulturen kennengelernt – und nebenbei mehr als 16.000 Euro Spenden für die medizinische Versorgung syrischer Flüchtlinge durch die Hilfsorganisation Ärzte der Welt gesammelt. Niklas Gerhards ist Medizinstudent an der Charité – Universitätsmedizin, dem gemeinsamen medizinischen Fachbereich von Freier Universität und Humboldt-Universität, und Sven Wang hat gerade sein Masterstudium in Cambridge begonnen. Mit ihrem Abenteuer auf Europas Radwegen, dem sie den Namen „Cycling for Syria“ gegeben haben, konnten sie sich einen Traum erfüllen. Inzwischen sind sie wieder im Uni-Alltag angekommen und blicken mit etwas Abstand auf ihre Reise zurück.

Schon Anfang September sind wir von unserer sechsmonatigen Reise nach Deutschland zurückgekehrt. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man nur an einem Ort verweilt, einen Alltag hat und nicht jeden Tag ins Unbekannte aufbricht! Und dennoch ist auch in diesen Wochen so viel passiert! Wir hatten endlich Zeit, die schier unendlichen Eindrücke der letzten Monate etwas sacken zu lassen, über das Erlebte zu reflektieren und darüber nachzudenken, was wir aus diesem halben Jahr für unsere Zukunft mitnehmen. Nun fühlen wir uns bereit, für die Leserinnen und Leser von campus.leben einen kleinen Abschlussbericht zu schreiben.

Die Herausforderung kurz vorm Ziel

Am Morgen des 30. August waren wir in zweifacher Hinsicht unserem Ziel sehr nah: Nur 200 Euro trennten uns von unserem Spendenziel von 15.000 Euro; und wir waren nur noch 120 Kilometer vom Nordkap entfernt, dem Ziel unserer Fahrradreise. Doch wir wussten aus den Erzählungen anderer, dass diese letzte Etappe eine der schwierigsten sein würde:

Zunächst schlängelt sich die Straße stets bergauf und bergab, an der norwegischen Fjordlandschaft entlang. Dann kommt ein Tunnel: Das Nordkap liegt auf einer Halbinsel und ist nur über diesen Tunnel zu erreichen. Er ist zehn Kilometer lang und führt fast 400 Meter unter den Meeresspiegel entlang - die Kälte in der Tiefe und die Autos machen es angeblich nicht angenehmer, ihn mit dem Fahrrad zu durchqueren. Auf den Tunnel folgen zehn vergleichsweise flache Kilometer, bevor man den letzten Anstieg bewältigen muss. Die Anhöhe ist besonders steil und unter Fahrradfahrern wegen des gnadenlosen Nordwindes gefürchtet, denn dem Gegenwind ist man hier schutzlos ausgeliefert.

„Wenn wir das schaffen, werden sich bestimmt auch noch Menschen finden, die die letzten 200 Euro spenden“, sagten wir uns am Morgen vor dem Endspurt. Wir waren hochmotiviert. Und hätten nicht damit gerechnet, dass am Ende sogar noch viel mehr Spenden zusammenkommen würden!

Die ersten siebzig Kilometer unserer letzten Etappe waren trotz Regen und Wind recht leicht zu meistern, und auch der Tunnel war nicht so schlimm wie befürchtet. Aber die letzte Erhebung hatte es dann doch noch einmal in sich: Bei zehn Prozent Steigung und Windböen, die einen von der Straße zu fegen drohten, kamen wir nur ganz langsam voran. Aber mit 11.000 Kilometern im Rücken und viel Adrenalin im Blut – so kurz vor dem Ziel! – zweifelten wir eigentlich zu keinem Zeitpunkt daran, dass wir auch diese letzte Herausforderung irgendwie bewältigen würden.

Die letzte Steigung

Mit viel Geduld war es dann irgendwann so weit: Der Anstieg neigte sich dem Ende zu – und wir kamen auf das Nordkap-Plateau. Jetzt konnten wir das Nordkap sehen, brachen in Jubel aus – und wurden sogleich von einer Böe erfasst und von der Straße geweht. Nicht zu früh freuen! Doch die letzten zwei Kilometer bei furchtbarem Gegenwind fühlten sich, nun da es flach war, wie eine entspannte Zieleinfahrt an. Nach sechs Monaten hatten wir es geschafft! Wir waren am Ziel!

Nur fünf Tage nach unserer Ankunft am Nordkap sind wir auch schon wieder nach Berlin zurückgekehrt. Es war sehr ungewohnt für uns, in so kurzer Zeit eine so weite Strecke zurückgelegt zu haben. Deshalb fuhren wir bewusst die letzten 20 Kilometer vom Flughafen mit dem Fahrrad nach Hause. Dort warteten bereits unsere Familien auf uns. Das Wiedersehen war wunderschön und vor allem unsere Eltern waren sehr erleichtert, dass wir an jedem LKW, der uns überholt hat, sicher vorbeigekommen sind.

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Das obligatorische Nordkap-Foto: Der „Globus“ ist das Wahrzeichen des Nordkaps und markiert das geografische Ende Europas, den nördlichsten Punkt des kontinentalen Festlands.
Das obligatorische Nordkap-Foto: Der „Globus“ ist das Wahrzeichen des Nordkaps und markiert das geografische Ende Europas, den nördlichsten Punkt des kontinentalen Festlands. Bildquelle: Privat
Glückliches Wiedersehen: Nach sechs Monaten Abenteuern waren Niklas Gerhards und Sven Wang froh, ihre Eltern wiederzusehen.
Glückliches Wiedersehen: Nach sechs Monaten Abenteuern waren Niklas Gerhards und Sven Wang froh, ihre Eltern wiederzusehen. Bildquelle: Privat

Inzwischen sind wir wieder fest im Uni-Alltag eingebunden. Sven macht seinen Master in Mathematik in England, und Niklas studiert weiter Medizin an der Charité. Uns beiden macht es Spaß, wieder am Schreibtisch zu sitzen und sich in spannende und interessante Inhalte einzugraben. Gleichzeitig ist es schwierig, sich auf einmal wieder nach einem Stundenplan richten zu müssen, der den Tagesablauf vorschreibt, und viel Zeit in Räumen zu verbringen und nicht an der frischen Luft.

So schweifen die Gedanken schon jetzt häufig ab, zu den zahlreichen Möglichkeiten für die nächste Tour. Nachdem wir dieses Abenteuer überlebt und gemeistert haben, erscheinen uns so viele andere Unternehmungen möglich. Ob es Wandern im Kaukasus oder eine Kajak-Tour durch Alaska sein wird, wissen wir noch nicht, und auch nicht, wie wir das mit unserem Studienplan vereinbaren sollen. Aber fest steht, dass die nächste Reise nicht zu lange auf sich warten lassen sollte!

Das Erlebte in den Alltag mitnehmen

Seit wir im März 2015 gestartet sind, haben wir uns von vielen Einflüssen, denen man sonst unausweichlich ausgesetzt ist, und von denen man sich nur schwer distanzieren kann, für eine Zeit gelöst, und konnten sie dadurch besonders gut reflektieren. Noch nie konnten wir unseren Alltag so frei und gelöst von gesellschaftlichen Konventionen gestalten.

Nun stehen wir vor der Herausforderung, unsere neuen Erkenntnisse auch auf das zivilisierte Leben zu übertragen. Dass man beispielsweise durchaus zwei Wochen ganz ohne Duschen auskommen kann, hat Niklas fest in seinen Gewohnheitskodex übernommen, und Sven lebt in England bisher ohne Handtuch. Gleichzeitig fällt es uns viel leichter, uns vom Leistungsdruck und Konkurrenzgefühl in der Uni zu distanzieren. Gerade deshalb empfinden wir sehr viel Freude an dem Privileg, lernen zu dürfen.

Wir sind wahnsinnig dankbar dafür, dass wir unser freies halbes Jahr genau für diese Reise nutzen konnten. Wir werden sehr lange von ihr zehren können; sie ist für uns schon jetzt zu einem reichen Schatz an Erinnerungen geworden, den uns niemand mehr nehmen kann und an den wir immer zurückdenken werden. Unsere Fahrradtour fühlt sich mehr wie ein kurzer, aber intensiver Lebensabschnitt an, und nicht wie ein Ferienvergnügen. Und: Sich an ein Leben im Freien gewöhnen, mit allen lebensnotwendigen Utensilien in ein paar Fahrradtaschen, das kann wirklich jeder, glauben wir! Man muss es nur wollen – und sich trauen, einfach loszufahren. Es lohnt sich!

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Weitere Informationen

Campus.leben hat Niklas Gerhards und Sven Wang auf ihrer Reise begleitet: Einmal im Monat sprachen wir mit den beiden Studenten über ihre Eindrücke und Erlebnisse und veröffentlichen diese im Online-Magazin.