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„Die Studenten werden die Zukunft im Nahen Osten gestalten”

Der Arabischen Frühling an Hochschulen ist Thema einer internationalen Konferenz am 22. und 23. April an der Freien Universität

21.04.2015

Voneinander lernen:  Bei der Summer School in Kairo im vergangenen Jahr war der Wandel durch den Arabischen Frühling 2011 das zentrale Thema.
Voneinander lernen: Bei der Summer School in Kairo im vergangenen Jahr war der Wandel durch den Arabischen Frühling 2011 das zentrale Thema. Bildquelle: Janine Budich
Cilja Harders, Leiterin der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients, erforscht euro-arabische Beziehungen und trägt damit zur Förderung des Dialogs zwischen den Hochschulen der Länder bei.
Cilja Harders, Leiterin der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients, erforscht euro-arabische Beziehungen und trägt damit zur Förderung des Dialogs zwischen den Hochschulen der Länder bei. Bildquelle: Gisela Gross

Wie hat der Arabischen Frühling die Hochschullandschaft im Nahen Osten verändert? Welche Konsequenzen hat der gesellschaftliche Wandel für Lehre und Forschung in den Sozialwissenschaften? Das Projekt „Challenges and Transformations in the Wake of the Arab Spring“ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Kooperation mit der Freien Universität Berlin sowie Partnerhochschulen in Ägypten, Jordanien, Libyen und Tunesien hat sich in den vergangenen drei Jahren mit diesen Fragen auseinandergesetzt.

Am 22. und 23. April findet zum Abschluss des Projekts eine Konferenz an der Freien Universität statt, bei dem Wissenschaftler aller beteiligten Universitäten zusammenkommen. Campus.leben sprach vorab mit der Projektleiterin Cilja Harders, Leiterin der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften der Freien Universität.

Frau Professor Harders, Sie sind in den vergangenen Jahren mehrfach in die Länder des Arabischen Frühlings gereist und haben Universitäten in Kairo oder Tunis besucht und dort auch unterrichtet. Wie ist aktuell die Lage an den Hochschulen?

Cilja Harders: Die Situation ist in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. In Libyen etwa ist die Lage an den Universitäten sehr schwierig. An unserer Partner-Universität in Benghasi wird wegen der akuten Gefahr aktuell gar nicht unterrichtet. In Jordanien hingegen ist die Situation vergleichsweise stabil und auch Tunesien hat sich sehr positiv entwickelt. In Ägypten hat sich zwar die politische Lage stabilisiert, aber es gibt viele Rückschritte bei den Menschen- und Freiheitsrechten. In unseren Partnerländern haben wir also sehr unterschiedliche institutionelle und politische Gegebenheiten. Für unser Projekt war das sicher eine der großen Herausforderungen: diese Kontexte wahrzunehmen und in die Projektarbeit zu integrieren.

Worum geht es bei dem Projekt?

Unser Projekt setzt an der Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Universität an. Alle beteiligten Hochschullehrer haben das gemeinsames Ziel, die Qualität der Lehre verbessern und partizipatorische Elemente zu fördern. Über drei Jahren haben wir Besuche organisiert, an den jeweils anderen Universitäten hospitiert und gemeinsam Kurse entwickelt, aber auch die eigene Forschung vorangetrieben. Insgesamt haben wir ein starkes Interesse daran, eine kritische, sozialwissenschaftliche Perspektive zu stärken, und diese gleich im eigenen Unterricht umzusetzen. Wenn man nicht nur standardisiertes Wissen abfragen möchte, muss man sich auch damit beschäftigen, wie man beispielsweise kontroverse Diskussionen aus den Seminaren in Prüfungsfragen ummünzen kann. Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht; das Projekt ist vor allem ein Prozess des Voneinander- und Miteinander-Lernens.

Welche Rolle spielte das Verbindungsbüro der Freien Universität in Kairo bei dem Projekt?

Das Verbindungsbüro war während der gesamten Laufzeit sehr wichtig. Vor allem am Anfang hat der Leiter des Büros, Florian Kohlstall, mit dem Netzwerk vor Ort und den sehr guten Kontakten zum DAAD und zur gesamten ägyptischen Hochschullandschaft unsere Arbeit stark erleichtert. Das Verbindungsbüro ist die Voraussetzung für die kontinuierliche Pflege von Kontakten und Vertrauen. Damit haben wir hier an der Arbeitsstelle schon vor Jahren begonnen. Über das Verbindungsbüro hatten wir immer einen kurzen Draht nach Kairo.

Nach drei Jahren ist das Projekt nun beendet. Was erwarten Sie von der Abschlusskonferenz? Welche Themen werden dort eine Rolle spielen?

Wir wollen nicht nur auf die vergangenen drei gemeinsamen Jahre zurückblicken, sondern auch diskutieren, wie Hochschullehre in den Ländern des Arabischen Frühlings gestaltet sein muss, um Absolventen fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Die Arbeitslosigkeit, auch unter Akademikern, ist in der arabischen Welt ein großes Problem. Viele Arbeitgeber beklagen, dass die Absolventen nicht „das Richtige“ lernen. Wir müssen uns auch fragen, was wir tun, wenn Studierende gar nicht oder nur sehr eingeschränkt ihre Universitäten besuchen können, wie es gerade in Syrien oder Libyen der Fall ist. Unter diesen Umständen geht uns gerade eine ganze Generation verloren. Wir wollen außerdem kritisch über die Möglichkeiten partnerschaftlicher Zusammenarbeit unter sehr unterschiedlichen Bedingungen reflektieren – schließlich leben und arbeiten wir in globalen Strukturen, die sehr ungleich sind.

Was, denken Sie, bringt die Zukunft für den Nahen Osten? Wie viel ist noch da von der Aufbruchsstimmung des Arabischen Frühlings?

In Ägypten ist der Aktivismus beispielsweise schwächer geworden. Insgesamt aber hat sich die Situation verändert: Zurzeit überwiegen dort geo- und sicherheitspolitische Fragen. Die Rolle der Menschenrechte, der Demokratie und Freiheit werden nicht mehr so stark diskutiert wie noch vor vier Jahren. Dennoch: Die Erfahrung der Mobilisierung und Politisierung in der Bevölkerung ist nicht wegzudiskutieren. Die Menschen haben gesehen, dass sie etwas verändern können. Das ist ein tiefgreifender Änderungsprozess! Wir wollen diesen gesellschaftlichen Wandel auch akademisch begleiten und auf die jungen Leute vor Ort setzen. Denn sie werden die Zukunft dieser Länder gestalten.

Weitere Informationen

„Higher Education in the Wake of the Arab Spring: Reflections from Egypt, Jordan, Libya, Tunisia, and Germany“

Abschlusskonferenz in englischer Sprache

  • Zeit: Mittwoch, 22. April 2015, 9.00 Uhr, bis Donnerstag, 23. April 2015, 20.00 Uhr
  • Ort: Freie Universität Berlin, Silberlaube, Seminarzentrum, Raum L 116, Otto-von-Simson-Straße 26, 14195 Berlin
  • Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht notwendig.