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Digitale Prüfungen

Rund 20.000 computergestützte Prüfungen in mehr als 190 Fächern wurden seit Februar 2013 im E-Examination Center (EEC) der Freien Universität abgenommen

24.03.2015

Das E-Examination-Center der Freien Universität bietet Platz für rund 150 Prüflinge.
Das E-Examination-Center der Freien Universität bietet Platz für rund 150 Prüflinge. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Worin unterscheiden sich elektronische von konventionellen Prüfungen? Warum setzt die Freie Universität bei Klausuren und Tests zunehmend auf digitale Lösungen, und welche Erfahrungen haben Lehrende und Lernende damit gemacht? Zwei Jahre nach der Eröffnung des E-Examination Centers (EEC) an der Freien Universität sprach campus.leben mit der Geschichtsprofessorin Jessica Gienow-Hecht vom John-F.-Kennedy-Institut, dem BWL-Studenten Sebastian Hensel und mit Alexander Schulz, dem Koordinator des E-Examinations-Teams am Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität, über ihre Erfahrungen.

Frau Professorin Gienow-Hecht, Sie lassen in einigen Veranstaltungen seit dem WS 2013/2014 Prüfungen elektronisch schreiben – warum?

Ich habe bereits an der Universität zu Köln sehr gute Erfahrungen mit der Abfassung und Auswertung elektronischer Prüfungen gemacht. Der Hauptgrund war damals der große Andrang von Studierenden in den Einführungsseminaren des Historischen Seminars, deren adäquate Bewertung in schriftlichen Klausuren nicht mehr möglich war. Seitdem habe ich alle Klausuren elektronisch schreiben lassen. In diesem Semester haben meine Kollegen Ulla Haselstein, Martin Lüthe und ich uns gemeinsam entschieden, die interdisziplinäre Überblicksvorlesung „Understanding North America – A” mit über 80 Studierenden elektronisch schreiben zu lassen.

Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ausgezeichnet. In Köln hatten wir zunächst mit einigen „Kinderkrankheiten” zu kämpfen – so ging es erst einmal darum, für alle Studierende Computer bereitzustellen. Dieses Problem gibt es an der Freien Universität auf Grund der fabelhaften Ausstattung des EEC mit über 150 Plätzen nicht. Zudem ist die Betreuung seitens der Mitarbeiter des EEC erstklassig: Lehrende und Studierende werden vorab Schritt für Schritt in das System eingeführt, die Dozenten werden bei der Erstellung der Prüfung unterstützt und die Mitarbeiter stehen darüber hinaus während und nach der Klausur bei Rückfragen aufmerksam und schnell zur Seite.

Sebastian Hensel, Sie studieren BWL und haben im Fach Wirtschaftsinformatik eine computergestützte Prüfung abgelegt. Können Sie den positiven Eindruck bestätigen?

Ja. Für ein derart praxisorientiertes Fach, wie es die Wirtschaftsinformatik ist, in dem der Einsatz von Computern fester Bestandteil ist, ist das EEC eine tolle Plattform, um auch die Klausur praxisnah umzusetzen. Die eingesetzte Software ist selbsterklärend und anwenderorientiert, sodass die Prüfung reibungslos verlief.

Frau Professorin Gienow-Hecht, bieten computergestützte Prüfungen weitere Vorteile?

Sehr viele. Das fängt beim Schriftbild an: ein digital erstellter Text ist einfacher lesbar als ein mit Handschrift verfasster. Dann sind verschiedene Arbeiten besser untereinander vergleichbar, weil man einzelne Einträge zur Beantwortung individueller Fragen auf Mausklick „hintereinander lesen“ und auf diese Weise fair bewerten kann.

Digitale Klausuren lassen sich effizienter auswerten, weil das System Antworten auf Richtig-oder-Falsch-Fragen automatisch auswerten und in eine Punktzahl überführen kann. Dozenten sollten diese Antworten selbstverständlich trotzdem immer noch einmal überprüfen, aber es ist doch eine erhebliche Zeitersparnis. Über das System kann man außerdem eigene Bewertungen einfügen, und am Ende wird eine Gesamtpunktzahl generiert.

Das eigentlich Neue ist, dass das System viel mehr Möglichkeiten bietet, Fragen zu stellen. Neben bekannten Antworttexten und Multiple-Choice-Fragen ermöglichen digitale Klausuren vor allem auch interaktive Fragestellungen, etwa in Form von Zuordnungsfragen, Bildern, Zeichnungen, Fotos, Karten, Videos etc.

Und nicht zuletzt: Auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften spielt sich der Arbeitsalltag heute vor dem Bildschirm ab; digitale Klausuren sind vor diesem Hintergrund – vor allen Dingen für die Studierenden – tatsächlich zeitgemäßer als die Arbeit mit Stift und Papier.

Alexander Schulz, sehen Sie auch Nachteile?

Natürlich sind computergestützte Prüfungen kein Allheilmittel gegen alle Widrigkeiten des Prüfungsalltags. So lassen sich beispielsweise noch nicht alle schriftlichen Klausuren oder Tests eins zu eins in computergestützte Prüfungen übertragen. Fragen anzupassen ist dabei noch der einfache Teil. Für die Erfassung mathematischer Formeln zum Beispiel gibt es derzeit noch keine wirklich in der Prüfungspraxis anwendbaren Lösungen.

Die Gefahr des Abschreibens vom Nachbarn bleibt natürlich auch bestehen. Wir haben dagegen zwar technische Möglichkeiten implementiert wie die Randomisierung der Fragen und der Antworten, dabei werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Fragen in einer unterschiedlichen Reihenfolge zugewiesen. Aber ein Restrisiko lässt sich auch bei computergestützten Prüfungen nicht ausschließen.

Zudem sind nicht alle Fragetypen automatisiert auswertbar. Fragen, bei denen die Prüflinge Antworten schreiben sollen, müssen natürlich von den Lehrenden gelesen und fallweise beurteilt werden. Aber auch hier ist die Lesbarkeit der digitalen Texte ein enormer Vorteil gegenüber handschriftlich verfassten.

Auch ist das EEC zwar sehr groß, aber an der Freien Universität gibt es viele Kurse und Vorlesungen mit mehr als 151 Teilnehmern. Prüfungen für solch große Kurse müssen in mehreren Durchgängen durchgeführt werden. Für die Dozenten bedeutet das, dass sie wegen des Gleichbehandlungsgrundsatzes mehrere Klausurversionen erstellen müssen – der Vorbereitungsaufwand ist also hoch. Er sinkt dann zwar wieder, wenn Lehrende mehrere Prüfungen durchgeführt haben und ihnen dadurch ein großer Katalog an Fragen zur Verfügung steht, aber nichtsdestotrotz muss dieser Aufwand erst einmal betrieben werden, um die Früchte der Zeitersparnis überhaupt einfahren zu können.

Schlussendlich ist computergestützte Technik genauso wenig perfekt wie ein Kugelschreiber. Wir haben eine Quote von etwa 1:500, dass ein Computer nicht funktioniert. Für diesen Fall haben wir Szenarien entwickelt. Die Prüfungsdaten sind in einem solchen Fall zwar ohnehin sicher auf dem Prüfungsserver gespeichert. Aber auch wenn die Prüflinge als Kompensation einige Minuten mehr an Prüfungszeit erhalten, ist es für sie dennoch eine Umstellung, dass sie während der Prüfung an einen anderen Computer gesetzt werden und dort die Prüfung fortführen sollen.

Sind digitale Klausuren gleichermaßen für natur- wie für geistes- oder sozialwissenschaftliche Fächer geeignet?

Da gibt es nur marginale Unterschiede. Es können, wie gesagt, viele unterschiedliche Fragetypen (Freitextantworten, Multiple-Choice etc.) umgesetzt oder auch externe Programme wie Excel oder Access eingebunden werden. Derzeit ist es allerdings so, dass der Löwenanteil der Nachfrage nach computergestützten Prüfungen aus den Geistes-, Sozial-, und Wirtschaftswissenschaften kommt.

Wird es in 20 Jahren überhaupt noch klassische „Paper & Pencil“–Klausuren geben?

Davon gehe ich aus, aber der Anteil gegenüber computergestützten Prüfungen wird immer weiter sinken. Gerade an kleineren Hochschulen, die keine entsprechende Infrastruktur für computergestützte aufbauen und so nicht mit größeren Hochschulen kooperieren können, werden schriftliche Prüfungen noch eine Weile fortbestehen.

Weitere Informationen

Weitere Informationen finden Sie auf dieser Website.

Die E-Learning-Tagung GML² 2015, die am 19. und 20. März 2015 unter dem Motto „E-Examinations: Chances and Challenges“ an der Freien Universität stattfand, widmete sich ebenfalls elektronischen Prüfungsverfahren.